Von Felix Berth

Immer mehr Eltern wird das Sorgerecht entzogen. Familiengerichte mussten allein im vergangenen Jahr 10.800 Mal einschreiten, weil Kinder verwahrlosten.

Deutsche Gerichte greifen immer häufiger in Familien ein: Von 2006 auf 2007 stieg die Zahl der Sorgerechtsentzüge um 12,5 Prozent, im Vergleich zu 2005 betrug der Anstieg sogar 23 Prozent. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag.

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Von 2006 auf 2007 stieg die Zahl der Sorgerechtsentzüge um 12,5 Prozent, im Vergleich zu 2005 betrug der Anstieg sogar 23 Prozent. (© Foto: dpa)

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Allein im vergangenen Jahr haben die Gerichte in Deutschland in gut 10800 Fällen "den vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge" angeordnet. Die Jugendämter hatten die Gerichte 12800 Mal um diesen Schritt gebeten.

Die neuen Zahlen zeigen, dass Jugendämter und Familienrichter seit dem öffentlichen Entsetzen über zahlreiche Kindstötungen früher aktiv werden. So stieg gerade in Bremen, wo der Fall des im Oktober 2006 getöteten Kevin Schlagzeilen machte, die Zahl der Sorgerechtsentzüge stark an: Sie verdoppelte sich von 56 Fällen im Jahr 2006 auf 126 Fälle im Jahr 2007. "Die Mitarbeiter der Jugendämter sind vorsichtiger geworden", sagt Johannes Herwig-Lempp, der an der Hochschule Merseburg Sozialarbeit lehrt. "Die Angst, vor Gericht zu kommen, weil man zu spät oder falsch gehandelt hat, ist in den Ämtern enorm gestiegen", so Herwig-Lempp.

"Nachbarn, Kindergärten und Kinderärzte geben viel mehr Hinweise"

Auch die Sprecherin des Deutschen Familiengerichtstags, Isabell Götz, sieht eine größere Sensibilität in den Behörden: "Die Jugendämter schauen genauer hin", sagt Götz. Auch werden ihnen Anzeichen von Kindesmisshandlungen häufiger gemeldet: "Nachbarn, Kindergärten, Kinderärzte und Hebammen geben viel mehr Hinweise, dass Kinder gefährdet sein könnten", sagt Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht.

Allerdings ist die Entwicklung in den Bundesländern unterschiedlich. Neben Bremen, wo der Anstieg der Sorgerechtsentzüge am höchsten ausfiel, stieg deren Anzahl in den Bundesländern Niedersachsen, Thüringen und Rheinland-Pfalz um knapp ein Drittel. In den meisten anderen Ländern lagen die Zuwächse deutlich niedriger; in Berlin, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein sank die Zahl der Sorgerechtsentzüge sogar um mehr als zehn Prozent.

Der Anstieg der vergangenen beiden Jahre folgte auf eine Gesetzesänderung, die von Fachleuten begrüßt wird: Das "Gesetz zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe", das seit Herbst 2005 gilt, löste in Behörden zahlreiche Kooperationen und eine "Fortbildungs-Welle" aus, wie Familienrechts-Experte Thomas Meysen feststellt.

Das lange wenig beachtete Thema Kinderschutz sei wichtiger geworden, meint er. Seit einer Woche gilt nun eine weitere Gesetzesänderung, durch die Familiengerichte früher mit Problemfällen befasst werden. Dies kann nach Meysens Einschätzung die Zahl der Sorgerechtsentzüge weiter steigern.

In Bremen wurde unterdessen ein neuer Fall bekannt: Zwei Mädchen im Alter von fünf und acht Jahren wurden von Polizisten aus der verwahrlosten Wohnung ihrer Eltern geholt. Die Familie, die im sozial schwachen Stadtteil Gröpelingen lebte, wo auch die Leiche von Kevin gefunden wurde, war den Jugendämtern bekannt. Einen ersten Versuch, die Kinder aus den Familien zu nehmen, hatte das Familiengericht im vergangenen November abgelehnt. Die Situation in der Familie hatte sich nach Angaben der Behörde in den vergangenen Wochen verschlechtert.

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(SZ vom 19.07.2008/buma)