Kinderrechte weltweit Jedes dritte Mädchen wird zur Heirat gezwungen

Leben mit Gewalt und Armut: Flüchtlingskinder im Südsudan.

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Die UN-Kinderrechtskonvention hat das Ziel, alle Kinder schützen. Doch 25 Jahre nach ihrer Verabschiedung ist nicht viel erreicht. Noch immer leiden Millionen Jungen und Mädchen unter Gewalt und Armut, werden früh zu Heirat oder Arbeit gezwungen.

Von Kim Björn Becker

In wenigen Monaten ist es genau 25 Jahre her, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet hat. Der Vertrag sollte es allen Kindern ermöglichen, ohne Gewalt und Armut aufzuwachsen. Fast alle Staaten haben die Konvention ratifiziert, vielerorts wurden Reformen auf den Weg gebracht. Doch kurz vor dem Jubiläum wird deutlich, dass die Weltgemeinschaft ihre Ziele bislang verfehlt hat. Das geht aus einem Bericht vor, den die UN-Kinderrechtsorganisation Unicef am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat.

Zwar habe sich die Situation vieler Kinder in den vergangenen Jahren verbessert, doch noch immer werden viele Kinder Opfer von Gewalt oder vermeidbaren Krankheiten, werden früh zu Heirat oder Arbeit gezwungen. Nur fünf Prozent aller Kinder lebten in Gebieten, in denen Gewalt gegen junge Menschen vollständig verboten ist. Wirksame Strategien zur Gewaltprävention fehlten in fast allen Ländern der Erde, kritisiert Unicef. Und Armut begünstige Kinderrechtsverletzungen in fast allen Ländern, dagegen sei auch Europa nicht immun. In Deutschland haben nach Angaben von der UN-Organisation zwischen 2000 und 2010 etwa 8,6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen langjährige Erfahrungen mit Armut gemacht.

"Ausgrenzung und Gewalt zählen zu den größten Bedrohungen für Kinderrechte", sagte die UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, Marta Santos Pais. "Um ihre gravierenden Folgen zu überwinden, braucht jedes Land eine nationale Agenda. Dazu gehört eine unabhängige Institution, die den Interessen der Kinder eine Stimme gibt und Beschwerden verfolgt, wenn Kinder ihre Rechte gefährdet sehen." Jürgen Heraeus, Vorsitzender von Unicef Deutschand, forderte eine "Kultur des Hinsehens": Kinderrechte begännen damit, dass es überall selbstverständlich werde, Kinder zu respektieren und ihnen zuzuhören.

UNICEF-Report 2014 Die UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, Marta Santos Pais, stellt am 25.06.2014 den UNICEF-Report 2014 in Berlin vor. Foto: Hannibal/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Im Detail kommt der Kinderrechts-Report 2014 zu folgenden Ergebnissen:

  • Gewalt: Etwa 300 Millionen Kinder unter fünf Jahren verhalten sich nach Angaben von Unicef aggressiv, weil sie in ihrem Umfeld Gewalt wahrnehmen. Teilweise würden Kinder und Jugendliche sogar bewusst Ziel von Terror, etwa bei den jüngsten Entführungen in Nigeria oder bei Bombenangriffen auf Wohnviertel in Syrien.
  • Sexuelle Gewalt: Jedes dritte Mädchen auf der Welt, das jünger als 18 Jahre ist, wird zu einer frühen Heirat gezwungen - insgesamt sind es 13,5 Millionen. Vor allem in ländlichen Gebieten seien Zwangsheiraten ein Problem, konstatiert die Organisation. Insgesamt erfahren etwa 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen pro Jahr sexuelle Gewalt. In Flüchtlingslagern und Krisengebieten sei die Gefahr besonders groß, warnt Unicef.
  • Gesundheit: 6,6 Millionen Kinder starben im vergangenen Jahr an vermeidbaren Krankheiten - vor 25 Jahren waren es noch doppelt so viele. Die Zahl der Todesfälle durch Masern und Durchfallerkrankungen sei in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, auch habe die Malariaprävention einer Million Kinder das Leben gerettet. Darüber hinaus sank der Anteil der unterernährten Kinder von 25 auf 16 Prozent. Für Unicef sind das nur vordergründig gute Nachrichten: "Bis heute wird ein Fünftel aller Kinder nicht durch Gesundheitsprogramme erreicht", heißt es in dem Bericht. "Das Sterblichkeitsrisiko für Kinder unter fünf Jahren hängt davon ab, wo ein Kind zur Welt kommt. Die ärmsten Bevölkerungsgruppen tragen ein überproportional großes Krankheitsrisiko." Auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Lage verbessert, sei zu langsam, kritisiert Unicef. Wenn sich der Trend fortsetze, würden zwischen 2015 und 2028 weitere 35 Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten sterben. "Inakzeptabel" nennt das die Organisation.
  • Arbeit: Etwa 168 Millionen Jungen und Mädchen arbeiten unter ausbeuterischen Bedingungen - davon ist noch die Hälfte im Grundschulalter. In privaten Haushalten seien darüber hinaus mehr als elf Millionen Mädchen beschäftigt, "oft rund um die Uhr und ohne jeden Schutz". Besondere Sorgen macht Unicef der Menschenhandel: Zwischen 2007 und 2010 seien 27 Prozent mehr Minderjährige Opfer von Schleppern geworden, Mädchen seien darüber hinaus besonders gefährdet. In manchen Fällen von Menschenhandel, die von den Behörden entdeckt worden sind, habe der Anteil von Kindern an den geschleusten Personen insgesamt 60 Prozent betragen.