Nordkorea hat seine Karten im Nuklearpoker neu gemischt: Wer die Atomwaffen-Spielereien des Diktators in Pjöngjang bremsen will, muss mit ihm reden.
Die neunte Atommacht der Erde heißt seit gestern Nordkorea. Das ist unerfreulich, aber es ist eine Tatsache. Je früher die internationale Gemeinschaft sich dessen bewusst wird, desto besser. Die gewaltige Explosion unter der Erde, die deutlich größer war als der erste Test im Oktober 2006, hat die Karten der Nordkoreaner im Nuklearpoker neu gemischt. Pjöngjang hält nun einen entscheidenden Trumpf mehr in Händen. Dies zu ignorieren, wäre Träumerei.
Bild vergrößern
Kim Jong Il: Das Ziel des Diktators sind Verhandlungen mit den USA auf Augenhöhe. (Archivbild) (© Foto: AFP)
Anzeige
Manche hatten die neuen Verhältnisse bereits verstanden, bevor Seismographen nun die Erschütterungen aufzeichneten. Aus Sicht der Internationalen Atomenergiebehörde muss Nordkorea als Atomwaffenstaat eingestuft werden, hatte IAEA-Chef Mohamed ElBaradei schon im April erklärt. Das sei nicht schön, aber nun mal "die Realität".
Derzeit wollen die USA den Nordkoreanern diese Genugtuung aber noch nicht gönnen. Sie wollen dem Diktator Kim Jong Il keine Verhandlungen auf Augenhöhe gewähren. Doch genau das ist das erklärte Ziel der Nordkoreaner. Dieses politische Patt sollte jetzt so schnell wie möglich überwunden werden, denn es nützt vor allem Nordkorea. Verhandlungen und diplomatischer Druck bleiben dabei die einzige Option. Andernfalls werden der Diktator und seine Atomphysiker völlig ungestört weiter an der Verfeinerung ihrer Vernichtungswaffen arbeiten können.
Selbstverständlich wird nach wie vor auch über die Ernsthaftigkeit der nuklearen Bedrohung, die von Nordkorea ausgeht, debattiert werden. War der zweite Test wirklich so erfolgreich, wie Pjöngjang behauptet? Hat Nordkorea bereits die Fähigkeit, einen nuklearen Gefechtskopf auf eine Langstreckenrakete zu montieren und über viele tausend Kilometer hinweg ins Ziel zu bringen?
Das sind legitime Fragen. Doch sie werden nicht davon ablenken können, dass dieser zweite Test ein entscheidender, qualitativer Fortschritt für die Bombenbastler in Nordkorea war. Selbst eine primitive Atombombe in den Händen des Diktators stellt eine Gefahr dar. Und das Risiko internationaler Proliferation von Nuklearmaterial bleibt ebenfalls groß, solange nicht verhandelt wird..
Nicht nur mit der Bombe, auch bei der Entwicklung seiner Langstreckenraketen hat Pjöngjang kürzlich wichtige Fortschritte gemacht. Der Raketentest vom vergangenen Monat mag keinen Satelliten ins All befördert haben. Aber er wird dem nordkoreanischen Militär neue, wichtige Daten über die ersten Stufen einer mehrstufigen Interkontinentalrakete geliefert haben.
Allerdings hält Nordkorea nicht alle Karten in der Hand. Es gibt Möglichkeiten, das Regime zu beeinflussen. Denn nukleare Abschreckung ist nicht sein einziges politisches Ziel. Pjöngjang wünscht sich direkte, bilaterale Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Es möchte nicht allein von China abhängig sein, dem Nordkorea mindestens ebenso misstraut wie den USA. Dies ist eine Chance, die Barack Obama nutzen sollte.
Die Sechs-Länder-Gespräche waren ein ehrenwerter Versuch, aber sie sind vorerst gescheitert. In den von der chinesischen Regierung ausgerichteten multilateralen Gesprächen hatte Nordkorea noch vor kurzem behauptet, seine Atomwaffen aufgeben zu wollen. So ist dieser zweite Nukleartest auch eine enorme Blamage für Peking. Erklärungen, die in der Praxis sofort wieder durch Atomtests negiert werden, sind nutzlos.
US-Präsident Obama und sein Sicherheitsteam sollten sich nun die Frage stellen, ob nicht eine Nordkorea-Strategie ohne China erfolgreicher sein könnte. Eine mit Japan und Südkorea koordinierte Politik der Eindämmung, gekoppelt mit direkten Verhandlungen mit Pjöngjang, wäre eine Alternative zum gegenwärtigen Kurs. China hat sich echten Sanktionen gegenüber Nordkorea stets in den Weg gestellt. Auch deshalb gibt es nun einen neunten Atomwaffenstaat
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Nordkorea und der Atomtest Peking kritisiert Pjöngjang scharf 25.05.2009
- Kim Jong Il und die Bombe Nordkoreas Atomtest beunruhigt USA 25.05.2009
- Nordkorea: Zweiter Atomtest Kim und das Kalkül mit der Bombe 25.05.2009
- Industriezone Kaesong Nordkorea kündigt Verträge mit Seoul 15.05.2009
- Kim Jong Il in China Geheimniskrämerei und verschwommene Fotos 04.05.2010
- Politik kompakt Limburg: Priester von Aufgaben entbunden 04.05.2010
- Politik kompakt Islamist Breininger soll tot sein 03.05.2010
(SZ vom 26.05.2009)
Staatsbesuch in Israel