Von Henrik Bork, Peking

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il hat angeblich seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un zu seinem Nachfolger erkoren. Ein Mann, über den kaum etwas bekannt ist - noch nicht einmal sein genaues Alter.

Um die erste und einzige kommunistische Erbdynastie der Geschichte ranken sich wieder einmal die Gerüchte. Nordkoreas Diktator Kim Jong Il könnte seinen Nachfolger ernannt haben, spekulieren südkoreanische Medien unter Berufung auf Geheimdienstler. Angeblich soll der jüngste Sohn Kim Jong Un die Gunst seines Vaters gewonnen haben.

Nordkorea, Reuters

In Südkorea haben die Gerüchte über eine Nachfolgeregelung im kommunistischen Norden wütende Proteste ausgelöst. In Seoul verbrannten Demonstranten Plakate, auf denen neben dem Diktator Kim Jong Il auch Kinderfotos abgebildet waren, die angeblich seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un zeigen. (© Foto: Reuters)

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Nordkorea ist noch immer sehr isoliert. Vor allem aus seinem inneren Führungszirkel dringen so gut wie keine verlässlichen Nachrichten nach außen. So können sich die in Medienberichten zitierten Nordkorea-Experten in Südkorea nicht einmal auf das Alter des angeblich neuen starken Mannes einigen. Er sei "1983 oder 1984" geboren, heißt es in den verschiedenen Berichten.

Schon Kim Jong Il hatte die Macht von seinem Vater Kim Il Sung geerbt. Vergangenes Jahr soll er einen Schlaganfall erlitten haben. Nach dem jüngsten Atombombentest haben die Nachfolge-Spekulationen die Aufmerksamkeit wieder dermaßen auf das kleine Land gelenkt, dass kleinste Informationsfetzen die Gerüchteküche anheizen.

Auch hat die neue, konservative Regierung in Seoul eine Tradition wiederbelebt, die unter der vorherigen Nordkorea-freundlicheren Regierung vorübergehend ausgestorben war: Geheimdienstler versorgen südkoreanische Abgeordnete in als geheim deklarierten Briefings mit Informationen über Nordkorea, die das Land stets in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

Manchmal allerdings stellen sich die Gerüchte im Nachhinein als wahr heraus. Momentan hat die Raterei über Kim Jong Un einen neuen Höhepunkt erreicht. Schon im Januar dieses Jahres hatte die südkoreanische Agentur Yonhap berichtet, er solle am 8. Januar zum Nachfolger seines Vaters ernannt werden. Das Datum verstrich, und nichts geschah.

Im April dann hieß es in Südkoreas Medien, der jüngste Sohn des Diktators habe einen Posten in der Nationalen Verteidigungskommission bekommen. Das wäre ein Hinweis, dass er tatsächlich für Führungsaufgaben vorbereitet wird, wenn auch nicht unbedingt für das Amt als neue Nummer eins. Eine offizielle nordkoreanische Bestätigung für diesen Bericht hat es nicht gegeben.

Über Kim Jong Un ist nur sehr wenig bekannt. Er soll seinen Vater seit dem Jahr 2004 hin und wieder zu Inspektionsreisen in verschiedene Militäreinrichtungen des Landes begleitet haben. In den neunziger Jahren soll er zudem in der Schweiz studiert haben, und, je nachdem wem man glaubt, entweder Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen. Später soll er in der Kim-Il-Sung-Militärakademie in Pjöngjang ausgebildet worden sein, heißt es weiter.

Der junge Mann ist nach den meisten Beschreibungen 1,75 Meter groß - und mit einem Gewicht von "fast 90 Kilogramm" genauso übergewichtig wie sein Vater. Woher diese exakten Daten stammen, verrät allerdings keiner der in den spekulativen Medienberichten zitierten "Experten", von denen kaum einer jemals in Nordkorea war. Auch die Angabe, Kim Jong Un leide möglicherweise an Diabetes, muss daher mit Vorsicht genossen werden.

Ferner soll der mögliche neue Diktator der Sohn von Kim Jong Ils dritter und angeblich allerliebster Ehefrau Ko Young Hee sein. Die frühere Tänzerin starb 2004 an Brustkrebs. Weitere spärliche Details verdankt die Welt einem japanischen Sushi-Chef, den Kim senior nach Pjöngjang geholt hatte, auf dass er seinen Heißhunger auf die leckeren Fischhäppchen stille.

Fujimoto hat ein Buch über seine Zeit am Hofe der Kims geschrieben und darin auch ein Foto des damals elfjährigen Kim Jong Un veröffentlicht. Der jetzige Diktator möge seinen dritten Sohn am liebsten, weil er nicht so "mädchenhaft" sei wie sein älterer Bruder Kim Jong Chul, verriet der Sushi-Koch.

Ein weiterer Halbbruder namens Kim Jong Nam, der vor einigen Jahren einmal als heißer Tipp für die Nachfolge in Nordkorea gehandelt worden war, ist nach Ansicht der meisten Experten in Ungnade gefallen. Er hatte sich 2001 in Japan am Flughafen verhaften lassen, als er mit einem gefälschten Reisepass zu einer Einkaufsreise unterwegs war und dann dümmlich zu Protokoll gegeben hat, er habe doch nur das Disneyland in der Nähe von Tokio besuchen wollen.

Ein solcher Micky-Maus-Fan könne unmöglich das Wohlwollen seines Vaters besitzen, behaupten die meisten Beobachter seither. Doch wer weiß - vielleicht ist der Vater ja auch ein Micky-Maus-Fan, und der Kleine war in höherem Auftrag unterwegs?

Bei dieser nach wie vor unsicheren Nachrichtenlage verbietet es sich fast, aus solchen Gerüchten und Spekulationen auch noch ernste Analysen zu saugen. Beliebt ist derzeit dennoch die These, Nordkoreas jüngster Atomtest könnte zum Teil deshalb inszeniert worden sein, um das in Nordkorea mächtige Militär während der Familien-Nachfolgemanöver vereint hinter dem "Geliebten Führer" zu scharen.

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(SZ vom 03.06.2009/bica)