Kenia Nachhall des Terrors

Kenias Präsident Uhuru Kenyatta (r.) äußert sich zu den Überfällen auf kenianische Küstenorte. Hinter ihm steht und sein Stellvertreter William Ruto.

(Foto: AP)

Die kenianische Regierung ist unfähig, die Attacken der al-Shabaab-Miliz zu verhindern und verbreitet deshalb Verschwörungstheorien. "Der Westen" wolle die gewählte Regierung des Landes beseitigen. Oft sind die Gerüchte allerdings kaum der Rede wert.

Von Tobias Zick, Nairobi

Im Wegschieben von Verantwortung hat die kenianische Regierung in jüngster Zeit reichlich Übung. Im Mai hatte Großbritannien, ähnlich wie Frankreich, Australien und die USA, seine Staatsbürger vor der Gefahr von Terroranschlägen an Kenias Küste gewarnt, woraufhin zwei britische Reiseveranstalter mehrere Hundert Touristen ausflogen.

Präsident Uhuru Kenyatta ließ seinen Sprecher erklären, dabei handle es sich um einen Akt der "Wirtschaftssabotage" gegen sein durch und durch sicheres Land. Ein kräftiger Schuss Öl ins Feuer der kenianischen Gerüchteküche: Klar, "der Westen" will die gewählte Regierung des Landes beseitigen.

Solche Verschwörungstheorien werden in Kenia regelmäßig geschürt, seitdem der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag gegen Präsident Kenyatta und seinen Vize William Ruto wegen deren Rolle als mutmaßliche Hintermänner von Wahlunruhen vor sechs Jahren ermittelt.

Parallelen zu Nigeria

Oftmals sind die Gerüchte kaum der Rede wert; diesmal aber sah sich der US-Botschafter bemüßigt, einen Gastbeitrag für die größte Tageszeitung des Landes zu schreiben, in dem er daran erinnerte, dass sein Land die kenianischen Sicherheitskräfte mit Hunderten Millionen Dollar unterstütze. Die "Verschwörungstheorien" seien "mehr als nur falsch: Sie lenken die Aufmerksamkeit von dem ab, worauf unsere gemeinsamen Anstrengungen zielen sollten: die Stärkung der Sicherheit."

Vergangene Woche dann stürmten Bewaffnete eine Kleinstadt namens Mpeketoni an der kenianischen Küste, zogen von Haus zu Haus und richteten mehr als 50 Bewohner hin - ein Szenario, das stark an Nordnigeria erinnert, wo die islamistische Terrorgruppe Boko Haram inzwischen fast täglich Dorfbewohner massakriert. Eine weitere Parallele zu Nigeria: die klägliche Abwesenheit des Staates. Das Morden in Mpeketoni dauerte Stunden, ohne dass Militär oder Polizei herbeigeeilt wären.

In der folgenden Nacht stürmten Bewaffnete zwei weitere Dörfer in der Nähe, töteten abermals 15 Menschen, Aufschreie von Hilflosigkeit und Wut hallten durch das Land, das in den vergangenen Monaten bereits viele Terroranschläge erlebt hatte. "Es ist niemand da, der uns beschützt", schrieb ein Leser in das Online-Forum einer Zeitung, "und es gibt keinen Ort, wo man sich verstecken könnte." Ein Sprecher von al-Shabaab frohlockte, Kenia sei nun "offiziell Kriegsgebiet", und Ausländer seien selbst schuld, wenn sie trotzdem weiter das Land bereisten.

Furcht vor Ausschreitungen

Und Präsident Kenyatta? Der hielt eine Ansprache ans Volk, live übertragen aus dem State House. Bei den Massakern von Mpeketoni, verkündete er zur großen Verwunderung der meisten Zuhörer, habe es sich "nicht um eine Al-Shabaab-Terrorattacke" gehandelt - sondern vielmehr um "wohlgeplante, orchestrierte und politisch motivierte ethnische Gewalt gegen eine Gemeinschaft von Kenianern".

Welche Gemeinschaft er meinte, war klar: seine eigene, das Volk der Kikuyu, das am Tatort Mpeketoni die Bevölkerungsmehrheit stellt, seitdem Kenyattas Vater als Präsident Anfang der 1970er-Jahre Tausende von ihnen aus dem Landesinnern an die Küste umsiedelte, gegen den Widerstand der dortigen muslimischen Bevölkerung.

Eine Reihe von Abgeordneten der Regierungsfraktion legte nach und beschuldigte kaum verblümt den Oppositionsführer Raila Odinga, die Täter aufgestachelt zu haben. Kurz vor den Attentaten hatte Odinga auf Massenkundgebungen die Regierung scharf angegriffen: für ihr Versagen, etwas gegen die wachsende Unsicherheit im Land zu tun, gegen die Inflation - und gegen die Auswahl von Beamten nach ethnischen Kriterien. Wenn das so weitergehe, deutete Odinga an, drohe Kenia möglicherweise ein ähnliches Schicksal wie dem benachbarten Südsudan.

Innenminister Joseph Ole Lenku, dessen Rücktritt die Standesvereinigung der Juristen seit den jüngsten Terroranschlägen vergeblich fordert, beschuldigte Odinga, er plane, die Regierung zu stürzen - mit finanzieller Unterstützung aus den USA und Großbritannien. Im Volk hallen die Botschaften kräftig nach; viele Kenianer finden es plausibel, dass Odinga schuld an den Attacken von Mpeketoni sei. Und viele blicken mit Angst dem 7. Juli entgegen, dem Tag, für den Odinga Massenproteste angekündigt hat. Sie fürchten ethnisch motivierte Ausschreitungen wie nach den Wahlen vor sechs Jahren.

Kirchen und Volk sollen für die Regierung beten

Die USA haben nach den Attacken von Mpeketoni begonnen, einen Teil ihres Botschaftspersonals aus Nairobi abzuziehen. Die verbleibenden Mitarbeiter dürfen die Küstenprovinzen nur noch mit Sondergenehmigung bereisen. Auch das Auswärtige Amt rät inzwischen von "nicht notwendigen Reisen" in die Küstenstadt Mombasa ab.

An diesem Montag meldete die Afrikanische Union, dass kenianische Kampfflieger zwei Al-Shabaab-Stellungen im Süden Somalias bombardiert und dabei mehr als 80 Kämpfer getötet hätten. Die Präsenz der kenianischen Armee in Somalia ist der Hauptgrund, den die Terroristen von al-Shabaab regelmäßig für ihre Attacken in Kenia anführen.

Einen Abzug der Truppen, wie ihn die Opposition fordert, um stattdessen das eigene Land besser zu schützen, lehnt die Regierung weiter ab. Präsident Uhuru Kenyatta erklärte unterdessen, er und seine Minister säßen trotz aller "Destabilisierungsversuche" fest im Sattel. Er forderte aber zugleich die Kirchen und das Volk auf, für die Regierung zu beten.