Der Kreml will die Vielvölkerregion Kaukasus beherrschen. Doch am Rande Europas verschwimmen Grenzen, Ethnien, Interessen - und die Extremisten begehren auf.
Was hat ein Sprengsatz unter einem Streifenwagen der inguschetischen Polizei mit dem Krieg in Südossetien zu tun? Mit den Bombardements nationaler Luftwaffen und einer tiefen internationalen Krise?
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Von hier aus will Russland auch den Kaukasus kontrollieren: Der Kreml. (© Foto: dpa)
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Zwei Menschen wurden bei dem Anschlag vor dem Polizeipräsidium in Nasran getötet, die Nachrichtenagenturen spuckten die Routinemeldung vor einer Woche in wenigen Zeilen aus, so wie einen Monat zuvor jene über eine Schießerei in Tschetschenien, als sieben Polizisten starben und zwei Rebellen erschossen wurden.
Derartige Meldungen lassen sich mühelos einsammeln: In Dagestan etwa wurden bei einer Polizeiaktion in Machatschkala kürzlich drei Mitglieder einer Terrorgruppe erschossen, die sich in einem Hochhaus verschanzt hatten. In Tschetschenien wurden drei Dorfbewohner von islamistischen Kämpfern getötet. Auch das ist der Kaukasus in diesen Zeiten.
Drama in Beslan
Frank-Walter Steinmeier hat vor einem Flächenbrand gewarnt, und wenn es auch wie eine politische Floskel wirken mag, der deutsche Außenminister hat recht. Im Kaukasus, am Rande Europas, verschwimmen die Grenzen, die Ethnien, die Interessen.
Vor vier Jahren waren die Menschen in Nordossetien, die nun gebannt auf die Ereignisse jenseits ihrer Südgrenze starren, selber von einem Drama heimgesucht worden. Eine Gruppe Tschetschenen und Inguschen, die sich infolge des Tschetschenien-Kriegs zu einem Terrorkommando formiert hatte, nahm in der Schule von Beslan 1200 Menschen in ihre Gewalt, mehr als 330 von ihnen wurden bei der russischen Befreiungsaktion getötet.
Dabei war der zweite Tschetschenien-Krieg nicht einmal dort ausgelöst worden, sondern im benachbarten Dagestan, in der größten russischen Kaukasusrepublik, nachdem Islamisten unter dem Rebellenführer Schamil Bassajew ein paar Dörfer eingenommen und die Scharia eingeführt hatten.
Russland begehrt schon seit langem die Kontrolle über den Kaukasus, der Name der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas (Beherrsche den Kaukasus) ist Programm, aber um diese Kontrolle muss Moskau auch heute noch hart kämpfen, selbst in den nordkaukasischen Gebieten, die völkerrechtlich ohnehin zu Russland gehören.
Nährboden für religiöse Extremisten
Russland muss sich mit dem wachsenden Einfluss der Religionen arrangieren, allein im muslimischen Dagestan gibt es inzwischen weit mehr als tausend Koranschulen. Doch Moskau kann zwar die Republikführungen kontrollieren, nicht aber die extremistischen Ausläufer des Islam.
Ob in Dagestan oder Inguschetien, immer wieder richten sich Anschläge gegen die Vertreter und Einrichtungen der lokalen Justiz und Polizei. Die Bevölkerung in der Region ist verarmt, religiöse Extremisten haben dort in den vergangenen Jahren zunehmend einen Nährboden gefunden für die Rekrutierung gewaltbereiter Gesinnungsgenossen.
In Tschetschenien, dem Schauplatz zweier blutiger Kriege, ist es dank der von Moskau investierten Petrorubel immerhin vergleichsweise ruhig geworden. Straßen und Gebäude sind wiederaufgebaut worden, der Flughafen von Grosny wurde eröffnet, und der Fußball-Verein Terek trägt seine Heimspiele auch wieder im heimischen Stadion aus.
Es sind Insignien des Friedens, doch die Herrschaft liegt nach dem russischen Truppenrückzug aus Tschetschenien nun nicht mehr allein in den Händen Moskaus, sondern in denen des autoritären Präsidenten Ramsan Kadyrow.
Antirussische Nadelstiche
Der aktuelle Krieg um Südossetien muss nicht zwangsläufig Folgen auch für die übrigen Gebiete des Kaukasus haben. Aber die Gefahr antirussischer Nadelstiche in der Vielvölkerregion dürfte wachsen, wenn Extremisten den Konflikt mit Georgien als Moskauer Aggression interpretieren.
Der Westen hat all dem wenig entgegenzusetzen. Schon das Mandat für seine Friedenstruppen auf georgischem Territorium hat sich Russland von der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) geben lassen, in der es selber das mit Abstand größte Gewicht hat. Die in Georgien stationierte UN-Mission Unomig hatte bereits in der Vergangenheit nur geringe Autorität, und auch der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagornyj-Karabach schwelt weiter.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat schon Dutzende Male versucht, das Gezerre um die von Armenien beherrschte, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehörende Enklave zu lösen, stattdessen musste sie vor wenigen Monaten erneut tödliche Gefechte mitansehen.
Gespannt schauen die Nationalisten beider Seiten deshalb auf Russland und Georgien. Die Interessen von Baku und Tiflis sind nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Pipeline-Trasse aneinandergekoppelt, und das dank der Ölquellen prosperierende Aserbaidschan fühlt sich stark genug, um sich mit Armenien militärisch zu messen.
Ein neuer Krieg also auch hier? Zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober drohte jedenfalls der aserbaidschanische Verteidigungsminister Safar Abijew, dass sich sein Land die Besetzung durch Armenien nicht gefallen lasse. Und so fasste der Politologe Rasim Musabejow die aufgeheizte Stimmung treffend zusammen: "Sollte Georgien gewinnen, werden die Argumente für eine friedliche Lösung in Nagornyj-Karabach schwächer."
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 12.08.2008)
Protest gegen dritte Startbahn
Wollen Sie im Ernst vorgeben,Sie wuessten nicht ,wo und wie Al-Kaida ihren Nachwuchs zieht ?
"Die Frage die der Artikel leider gänzlich offen lässt ist die wie Russland denn reagieren soll? "
Na, da werden die Russen sicher keinen Artikel oder Kommentar aus der SZ zu Rate ziehen, sondern ihrem eigenen Kalk folgen.
"Soll man den Seperatisten freies Spiel lassen und zusehn das Russland zu einem einzigen Tollhaus unterschiedlichster Rebellengruppen wird,..."
Man kann doch gar nichts anderes tun, als zuschauen, wie soll etwas anderes gehen? Die mittelalterliche Weltanschauung von Gotteskriegern, nenne man sie Islamisten oder Terrorristen - das ist eine Frage des jeweiligen Standpunktes - ist die, dass das säkulare Recht, das in der und durch die europäische(n) Aufklärung das Kirchenrecht brach, vom Islamisten nicht akzeptiert wird und durch eine mehr oder weniger strege Auslegung der Sharia substituiert werden soll. Welcher weltliche Staat, egal welcher Provinience kann das akzeptieren?
"... oder soll man versuchen Russland zusammenzuhalten um so noch mehr Bürgerkriege zu vermeiden?! "
Darin steckt ein Widerspruch. Gerade die Tatsache, dass Russland zusammengehalten werden soll, fördert die seperatistische Gewalt von Gotteskriegern und anderen unzeitgemäßen Heiligen und Märtyrern. Was würde wohl in Amerika geschehen, wenn sich die Mormonen oder andere christlich motivierte Fundamentalisten in Gottes eigenem Land einen eigenen Staat verpassen wollten? Glaubt irgendjemand, dass die Zentralmacht ein Vakuum im eigenen Land akzeptierte?, den vollständigen Kontrollverlust widerspruchs- und gewaltlos hinnehmen würde? fragt ...
Kuni
Sie verwechseln leider grad Moslem mit Terrorist, Koranschule mit Terrorcamp und Moschee mit Al Quaida Hauptquartier... ansich ist Ihre Erkenntnis, dass in Zukunft Islamisten auf dem Kaukasus eine größere Rolle spielen werden ja nicht falsch, aber Sie haben sie sauschlecht verpackt.
Zum Artikel: Die Frage die der Artikel leider gänzlich offen lässt ist die wie Russland denn reagieren soll? Soll man den Seperatisten freies Spiel lassen und zusehn das Russland zu einem einzigen Tollhaus unterschiedlichster Rebellengruppen wird, oder soll man versuchen Russland zusammenzuhalten um so noch mehr Bürgerkriege zu vermeiden?!
Der erstarkende Islamismus in der Region wird gespeist aus einerseits massiven saudischen Geldgaben fuer Moscheen und Koranschulen und andrerseits aus der Rekrutierung von Aktivisten durch Al-Kaida und deren Ableger; ein hochexplosives Gemisch,das den Russen in Zukunft noch sehr zu schaffen machen wird.Wenn sich die Amerikaner dann irgendwann aus Irak zurueckziehen,wird Al-Kaida seine Kaempfer von dort abziehen und u.a.auch erneut im Kaukasus einsetzen.Putin darf sich freuen.