Von Frank Nienhuysen

Der Kreml will die Vielvölkerregion Kaukasus beherrschen. Doch am Rande Europas verschwimmen Grenzen, Ethnien, Interessen - und die Extremisten begehren auf.

Was hat ein Sprengsatz unter einem Streifenwagen der inguschetischen Polizei mit dem Krieg in Südossetien zu tun? Mit den Bombardements nationaler Luftwaffen und einer tiefen internationalen Krise?

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Von hier aus will Russland auch den Kaukasus kontrollieren: Der Kreml. (© Foto: dpa)

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Zwei Menschen wurden bei dem Anschlag vor dem Polizeipräsidium in Nasran getötet, die Nachrichtenagenturen spuckten die Routinemeldung vor einer Woche in wenigen Zeilen aus, so wie einen Monat zuvor jene über eine Schießerei in Tschetschenien, als sieben Polizisten starben und zwei Rebellen erschossen wurden.

Derartige Meldungen lassen sich mühelos einsammeln: In Dagestan etwa wurden bei einer Polizeiaktion in Machatschkala kürzlich drei Mitglieder einer Terrorgruppe erschossen, die sich in einem Hochhaus verschanzt hatten. In Tschetschenien wurden drei Dorfbewohner von islamistischen Kämpfern getötet. Auch das ist der Kaukasus in diesen Zeiten.

Drama in Beslan

Frank-Walter Steinmeier hat vor einem Flächenbrand gewarnt, und wenn es auch wie eine politische Floskel wirken mag, der deutsche Außenminister hat recht. Im Kaukasus, am Rande Europas, verschwimmen die Grenzen, die Ethnien, die Interessen.

Vor vier Jahren waren die Menschen in Nordossetien, die nun gebannt auf die Ereignisse jenseits ihrer Südgrenze starren, selber von einem Drama heimgesucht worden. Eine Gruppe Tschetschenen und Inguschen, die sich infolge des Tschetschenien-Kriegs zu einem Terrorkommando formiert hatte, nahm in der Schule von Beslan 1200 Menschen in ihre Gewalt, mehr als 330 von ihnen wurden bei der russischen Befreiungsaktion getötet.

Dabei war der zweite Tschetschenien-Krieg nicht einmal dort ausgelöst worden, sondern im benachbarten Dagestan, in der größten russischen Kaukasusrepublik, nachdem Islamisten unter dem Rebellenführer Schamil Bassajew ein paar Dörfer eingenommen und die Scharia eingeführt hatten.

Russland begehrt schon seit langem die Kontrolle über den Kaukasus, der Name der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas (Beherrsche den Kaukasus) ist Programm, aber um diese Kontrolle muss Moskau auch heute noch hart kämpfen, selbst in den nordkaukasischen Gebieten, die völkerrechtlich ohnehin zu Russland gehören.

Nährboden für religiöse Extremisten

Russland muss sich mit dem wachsenden Einfluss der Religionen arrangieren, allein im muslimischen Dagestan gibt es inzwischen weit mehr als tausend Koranschulen. Doch Moskau kann zwar die Republikführungen kontrollieren, nicht aber die extremistischen Ausläufer des Islam.

Ob in Dagestan oder Inguschetien, immer wieder richten sich Anschläge gegen die Vertreter und Einrichtungen der lokalen Justiz und Polizei. Die Bevölkerung in der Region ist verarmt, religiöse Extremisten haben dort in den vergangenen Jahren zunehmend einen Nährboden gefunden für die Rekrutierung gewaltbereiter Gesinnungsgenossen.

In Tschetschenien, dem Schauplatz zweier blutiger Kriege, ist es dank der von Moskau investierten Petrorubel immerhin vergleichsweise ruhig geworden. Straßen und Gebäude sind wiederaufgebaut worden, der Flughafen von Grosny wurde eröffnet, und der Fußball-Verein Terek trägt seine Heimspiele auch wieder im heimischen Stadion aus.

Es sind Insignien des Friedens, doch die Herrschaft liegt nach dem russischen Truppenrückzug aus Tschetschenien nun nicht mehr allein in den Händen Moskaus, sondern in denen des autoritären Präsidenten Ramsan Kadyrow.

Antirussische Nadelstiche

Der aktuelle Krieg um Südossetien muss nicht zwangsläufig Folgen auch für die übrigen Gebiete des Kaukasus haben. Aber die Gefahr antirussischer Nadelstiche in der Vielvölkerregion dürfte wachsen, wenn Extremisten den Konflikt mit Georgien als Moskauer Aggression interpretieren.

Der Westen hat all dem wenig entgegenzusetzen. Schon das Mandat für seine Friedenstruppen auf georgischem Territorium hat sich Russland von der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) geben lassen, in der es selber das mit Abstand größte Gewicht hat. Die in Georgien stationierte UN-Mission Unomig hatte bereits in der Vergangenheit nur geringe Autorität, und auch der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagornyj-Karabach schwelt weiter.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat schon Dutzende Male versucht, das Gezerre um die von Armenien beherrschte, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehörende Enklave zu lösen, stattdessen musste sie vor wenigen Monaten erneut tödliche Gefechte mitansehen.

Gespannt schauen die Nationalisten beider Seiten deshalb auf Russland und Georgien. Die Interessen von Baku und Tiflis sind nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Pipeline-Trasse aneinandergekoppelt, und das dank der Ölquellen prosperierende Aserbaidschan fühlt sich stark genug, um sich mit Armenien militärisch zu messen.

Ein neuer Krieg also auch hier? Zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober drohte jedenfalls der aserbaidschanische Verteidigungsminister Safar Abijew, dass sich sein Land die Besetzung durch Armenien nicht gefallen lasse. Und so fasste der Politologe Rasim Musabejow die aufgeheizte Stimmung treffend zusammen: "Sollte Georgien gewinnen, werden die Argumente für eine friedliche Lösung in Nagornyj-Karabach schwächer."

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(SZ vom 12.08.2008)