Kein Smalltalk mehr: Der Westen muss gegenüber Russland einen neuen Ton finden.
Sterben für Tiflis? Eine unangenehme Frage ist das, bei der die Antwort von vorneherein feststeht. Weder die USA noch die Europäer würden eine militärische Konfrontation mit Russland in Kauf nehmen, um Georgien zu retten, einen kleinen Staat im südlichen Kaukasus mit einer Demokratie von zweifelhafter Güte und einem Präsidenten mit schlechten Nerven.
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Wladimir Putin zieht auch als Ministerpräsident die Strippen. (© Foto: AFP)
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So bleibt nur zu hoffen, dass die Frage sich nicht wirklich stellt, dass Russland innehält und die Angriffe gegen sein Nachbarland tatsächlich stoppt und sich zurückzieht. Ein Grund zur Erleichterung wäre das, keiner aber, endgültig aufzuatmen.
Neue Weltlage
Auf absurde Weise hat der Krieg um eine elende Bergregion im Kaukasus eine neue Weltlage geschaffen. Nach einer zu langen Phase des Selbstbetrugs muss der Westen nun rasch zu einer überzeugenden Haltung gegenüber einem erstarkten Russland finden, das nicht mehr nur mit dem Säbel rasselt, sondern ihn auch gebraucht. Das geht nicht ohne eine glaubwürdige Analyse der Ereignisse, die zum Krieg geführt haben.
Seit vielen Jahren ist der Vulkan im südlichen Kaukasus aktiv, wenig überzeugend wäre es, seinen Ausbruch nun allein Russland anzulasten. Der georgische Heißsporn Michail Saakaschwili hat die Offensive in Südossetien befohlen - und das, obwohl er in den vergangenen Jahren keine Gelegenheit ungenutzt ließ, vor der Gefährlichkeit Russlands zu warnen. Wie also konnte gerade er das Risiko so sträflich unterschätzen? Das wird Saakaschwili beantworten müssen - ebenso wie die Frage, ob es zu Verbrechen gegen Zivilisten gekommen ist.
Zugleich muss sich der Westen zu einer klaren Sprache gegenüber Moskau durchringen. George W. Bush hat nach Tagen des Zögerns zwar starke Worte gefunden und die russischen Angriffe auf einen "souveränen Nachbarstaat" als im 21. Jahrhundert inakzeptabel gebrandmarkt.
Bushs Worte haben wenig Gewicht
Doch die Mahnungen des amerikanischen Noch-Präsidenten werden in Moskau wenig Wirkung zeigen. Zum einen sieht sich die russische Führung dem Irak-Krieger Bush gegenüber zu keinerlei moralischer Rechenschaft verpflichtet. Zum anderen wartet sie ab, wer neuer Herr im Weißen Haus wird: der Republikaner und Falke John McCain, der Russland aus der Gruppe der führenden Industrienationen G8 werfen möchte, oder der junge Demokrat Barack Obama, der moderatere Töne anschlägt.
Das Risiko ist groß, dass in dieser Lage undeutliche Signale von Moskau missverstanden werden. Am Freitag will Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Sotschi zu Dmitrij Medwedjew reisen, jenem Mann also, der dem Machthaber Wladimir Putin als Präsident zur Seite steht. Natürlich kann sie bei dem Treffen unweit des Konfliktgebietes versuchen zu ergründen, was von Russland noch zu erwarten ist. Wesentlicher aber wird sein, Medwedjew klar zu machen, was Russland vom Westen zu erwarten hat. Es geht darum, eine rote Linie zu ziehen.
Seit Jahren schon verfolgt Russland eine Doppelstrategie, nach der es den Ländern des Westens geschmeidig Partnerschaft verheißt, in seiner Nachbarschaft aber brutal den eigenen Einfluss sichert. In den georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien hat Moskau nicht als Friedensstifter agiert, sondern die Konflikte gehütet. Sie sollten köcheln, um das gen Westen strebende Georgien in Spannung zu halten. Nach diesem Rezept kochen die Russen auch anderswo. Mehr als 15 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion besteht darin für Russlands Nachbarn die größte Tragödie.
Nicht nur ein Problem für die Sowjetvölker
Manche im Westen sind versucht, in dem Machtanspruch Russlands ein bedauerliches Problem für ehemalige Sowjetvölker zu sehen. Geht es nicht um die "legitimen Interessen" einer wiedererstarkten Großmacht? Sind es nicht Russlands Kritiker, die in Wahrheit dem Kalten Krieg hinterher trauern?
Andersherum passt der Schuh: 40 Jahre nach dem sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei beansprucht Russlands Führung eine Einflusszone und bringt eine unbotmäßige Republik zur Raison.
Als höhnisches Echo mag da noch die Münchner Rede des damaligen Präsidenten Putin in den Ohren klingen. Präsentiert hatte er sich als Mahner in Sachen Völkerrecht, der die USA wegen unrechtmäßiger Gewaltanwendung anprangert.In den vergangenen Tagen lernte die Weltöffentlichkeit Putin, mittlerweile in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident, in einer neuen Rolle kennen.
Kriegsherr Putin
Er agiert als Kriegsherr, der zu militärischen Gewalt nicht nur im Inneren wie im Falle Tschetscheniens greift, sondern auch bereit ist, sie in einem souveränen Nachbarland zu entfalten. Nicht um gleiches Recht für alle geht es, sondern um gleiches Recht für alle Großmächte. Wo dieses Recht enden soll, ist ungewiss. In der Ukraine, wo Millionen Russen leben, oder gar in den baltischen Nato-Staaten, deren Minderheitenpolitik die Moskauer Führung so aggressiv kritisiert?
Schlagwörter wie jenes von der "strategischen Partnerschaft" beschreiben nur noch Wunschträume, aber nicht mehr die Wirklichkeit. Das gilt auch für Diskussionsformate wie den Petersburger Dialog. Gewiss darf das Gespräch nicht abreißen. So lange Russland aber seine Nachbarn bedroht, ist keine Zeit für Smalltalk.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 13.8.2008/vw)
Müll an der Isar
Vielleicht nimmt man mal zur Kenntnis, daß sich Rußland als Imperium begreift, nicht als "Großmacht". Diesen slang haben die Russen nie übernommen. Es gibt ein russisches Reich und mit diesem Reich eine Reichidee, wobei die eigene Wahrnehmung Moskaus als "Drittes Rom" gar nicht zu überschätzen ist.
All dies ist Propaganda, schon klar, und wird im Zweifel vom Realpolitiker Putin zweckgenau instrumentalisiert. Aber es ist eben auch mehr. Es ist die Legitimationsbasis für für die Zurückweisung westlicher Vorwürfe, Krieg im Nachbarstaat sei unstatthaft.
Jedes Imperium hat seine Interessensphären, das ist in China (Reich!) und den Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrer religiös fundierten Legitimation als "manifest destiny" ganz genauso.
Auch dort ist Krieg ein Mittel der Politik - dass dies im traumatisierten Europa (nahezu) undenkbar (geworden) ist, ist ein Gesichtspunkt, den man als Kommentator wenigstens reflektieren sollte, wenn man nun voll Unverständnis und darum moralisierend seine Ansichten darlegt.
Emotionen und goodwill ersetzen ein Faktenwissen nicht.
Gut so,dann moege doch Herr Putin mit gutem Beispiel vorangehen und allen seinen Minderheiten,allen voran den Tschetschenen ,die Unabhaengigkeit gewaehren.Danach sehen wir dann weiter.
Ja, Ihren ersten Kommentar hier kann ich als Medienkritik verstehen. Ich glaube Ihnen auch, dass das ihr Haupthema ist, aber Ihr erster Kommentar zu meinem Kommentar hatte definitiv nichts mit Medienkritik zu tun.
(Wenn das doch Medienkritik sein soll, dann bitte erklären!)
Gerade wenn Sie so auf eine gute ausgewogene Berichterstattung (mit vollem Recht) pochen,dann sollten Sie selbst aber auch nicht innerhalb einer Diskussion plötzlich den Gegenstand wechseln. Das nervt uns ist in meinen Augen unseriös.
"Ist für Sie das Geschehen in Georgien nach bish. Informationen als "Unrecht" zu werten? Wenn ja, was wäre dann I.M.n. "gerecht"?"
Ja, das Geschehen in Georgien ist nach meiner Meinung Unrecht. Das Hauptproblem ist sicherlich der Status von Südossetien das sich für unabhängig erklärt hat, aber von keinem Staat der Welt, auch nicht Russland, anerkannt wird. Ich denke der Einmarsch Georgiens war unrecht und genauso die Reaktion Russlands. (Waren es nicht streng genommen innere Angelegenheiten Georgiens?)
Gerecht wäre es, wenn Südossetion seinen eigenen Staat bekommen würden. Vorraussetzung ist natürlich, dass vorher in einem freien Referendum darüber abgestimmt wird. (Wie die bisherigen Referenden zu beurteilen sind weiß ich nicht.) Dann gilt natürlich das gleiche für jeden Landesteil der sich lossagen will, egal von welchem Land. (Also auch für z.B. Tschetschenien.)
"Kein Smalltalk mehr: Der Westen muss gegenüber Russland einen neuen Ton finden."
Rußland mußte gegenüber dem Westen einen neuen Ton finden, nachdem dieser alle Gorbatschow gegebenen Zusagen eine nach der anderen in den Papierkorb der Geschichte geschmissen hat und auch alle Warnungen der letzten Zeit, nicht noch mehr rote Linien zu überschreiten, selbstherrlich ignoriert hat.
Nein,
das Thema ist mitnichten verfehlt, solange wir in den sog. Qualitätsmedien mit einer Fülle von derart schlecht Recherchierten und sogar von Kalte-Krieg-Rhetorik geprägten Beiträgen immer wieder und meinem Eindruck nach auch immer häufiger konfrontiert werden, ob als redaktioneller oder als Beitrag eines Außenstehenden.
(Sie werden den meisten meiner Beiträge genau diese eine detaillirte Auseinander- setzung mit dem Inhalt der Beiträge aus der Rubrik "Politik" als Kernbotschaft entnehmen können)
Der mediale, hochtrabend vorgetragene und mit Pathos vermischte Müll schwappte in den letzten Tagen besonders deutlich rüber. Zaghaft wird es jetzt nebenbei thematisiert.
MfG
Zack
ps.
Falls Sie noch zum Krieg in Kaukasus selbst was sagen möchten, meine vorherige Frage irgendwie überlesen haben, hier nochmals:
Ist für Sie das Geschehen in Georgien nach bish. Informationen als "Unrecht" zu werten? Wenn ja, was wäre dann I.M.n. "gerecht"? (dies ernst- und ohne Ironie als normale Frage so gestellt wie gemeint)
Paging