Arme und Reiche: Angela Merkel hat erkannt, dass sie eine Debatte über Gerechtigkeit in der Strafverfolgung niemals gewinnen kann. Die Diskussion um den CD-Kauf wird ihr nutzen.
Es sei einmal dahingestellt, ob Angela Merkel nun eine gute Kanzlerin ist oder eine schlechte. Die Geschichte ihrer Entscheidung, gestohlene Daten über mutmaßliche Steuerhinterzieher zu kaufen, illustriert vor allem, warum sie Kanzlerin ist und andere nicht. Viel ist in der Vergangenheit geschrieben worden über die Physikerin Merkel, die mit naturwissenschaftlicher Akribie die Dinge auszurechnen trachtet. Weniger oft ist dagegen von ihrem politischen Instinkt die Rede gewesen, vom richtigen Gefühl für den richtigen Augenblick. Und für den wichtigen Augenblick.
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Alle haben gemerkelt - nur Merkel nicht. (© Foto: ddp)
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Alle haben sie gemerkelt
Wer hat da nicht alles gezögert und gezaudert in der Koalition? Fraktionschef Volker Kauder hatte Einwände gegen den Erwerb der Daten, sein Bruder Siegfried auch, immerhin der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag. Der Jungstar Karl-Theodor zu Guttenberg äußerte seine persönlichen Bedenken und Guido Westerwelle seine rechtsstaatliche Vorsicht. Wolfgang Schäuble sagte lange gar nichts. Alle haben sie gemerkelt. Nur Merkel nicht.
Die Besonderheit an der Debatte über Recht- oder Unrechtmäßigkeit des Datenkaufs liegt darin, dass es noch kein definitives erlaubt oder unerlaubt gibt. Das ist auf den ersten Blick eine unangenehme Situation für einen Politiker, aber in Wahrheit ist es der Idealzustand. Es ist der Augenblick, in dem man nach rein politischer Opportunität entscheiden kann, ohne Rücksicht auf sonst stets maßgebliche formale Zwänge.
Merkel brauchte einen Sonntag, um das zu begreifen. Dann entschied sie sich für die populäre Variante. Jetzt kann sie sich als Jägerin der Steuersünder feiern lassen, die Schlagzeilen überlagern Hohn und Spott über die ersten 100 Tage der neuen Koalition unter ihrer Führung, über die schwarz-gelbe Chaostruppe in Nordrhein-Westfalen und manche Unzulänglichkeiten mehr.
Merkel hat erkannt, dass sie eine Debatte über die Gerechtigkeit in der Strafverfolgung von Arm und Reich niemals gewinnen kann. Also entscheidet sie die Debatte selbst und zu ihren Gunsten. Wenn Gerichte am Ende urteilen, es sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, ist der Schaden für die Kanzlerin geringer, als wenn sie auf den Ankauf verzichtet hätte, später aber die rechtliche Unbedenklichkeit vergleichbarer Ankäufe festgestellt würde.
Der Vorgang sagt auch einiges aus über Merkels Position in der Koalition und in der Union. Die Kanzlerin übergeht ihren Fraktionschef, ihren Vizekanzler sowie echte und selbst ernannte Experten. Man kann das einen Affront nennen, aber er wird Merkel nichts anhaben. Nicht sie muss die Fragen nach ihrem Verhalten beantworten, die beantworten sich von selbst. Aber andere werden sich rechtfertigen müssen, weshalb sie Steuersünder laufenlassen wollten. Und warum ihr Wort offenbar nichts gilt bei der Kanzlerin.
Am interessantesten wird vielleicht sein, ob Karl-Theodor zu Guttenberg wieder seine Meinung ändert: Diesmal von unangemessen zu angemessen.
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Es gibt nichts, was diese Kanzlerin für Andere tut. Alles was sie tut, dient dem eigenen und persönlichen Nutzen! Wenn man dieses einmal erkannt hat, liegt alles, was die Kanzlerin tut, vor einem wie ein "offenes Buch."
Der Kauf der Steuersünder-CD "Schweiz" stellt für Angela Merkel kein Risiko dar. Sie kam ungewöhnlich schnell mit ihrer Meinung aus der Deckung, weil sie das Modell "Liechtenstein" bereits unter der Führung des Sozialdemokraten Peer Steinbrück in all seinen Facetten erprobt hat. Auch beim Modell "Liechtenstein" hat sie mitnichten eine eigene Meinung gehabt. Dafür hat sie die Sozialdemokraten ins Risiko geschickt. Jetzt - im Falle der Schweiz - weiß sie, dass das Risiko eher auf Seiten der FDP liegt. Frau Merkel bleibt immer im Hintergrund und wartet ab. Diesmal konnte sie so tun, als ob sie "Führungsstärke" besäße. Hat sie aber nicht! "Hinterlistig" ist sie allerdings gegenüber "jedem" Koalitionspartner und sei es der "Wunschpartner"! Für Frau Merkel gibt es immer nur eine Frage: "Was nutzt mir!" Und wenn diese Frage dann auch noch zur Antwort hat: "Sie schadet aber dem Koalitionspartner!" dann umso besser!
Man mag Herrn Fried in seiner Bewertung zustimmen oder nicht. Richtig ist, dass Frau Merkel ihr Recht als Kanzlerin genutzt hat, die Richtlinien der Politik zu bestimmen. Erstmals seit Monaten des Schweigens hat sie es in zwei Fällen getan: in der Frage des Ankaufs einer Schweizer Daten-CD und in Sachen Hotelierbegünstigung im Rahmen des sog. Wachstumbeschleunigungsgesetzes. In beiden Fällen ist das politische Kalkül nicht ganz durchschaubar. Nach dem Ankauf der Lichtensteiner-CD konnte sie gar nicht anders, wenn sie nicht unglaubwürdig werden wollte. Außerdem hat Frankreich vorgemacht, wie man gegen die Oasen-Maffia vorgehen muss. Auch auf dieser CD befinden sich Daten deutscher Staatsbürger, die Frankreich zur Verfügung stellen will. Hingegen bei der Steuerbegünstigung einer machtvollen Klientel verbirgt sie sich - wie so oft - hinter einem dubiosen Koalitionsvertrag. Im Übrigen überlässt sie es weiterhin ihrem gelben Vizekanzler, eine politisch-geistige Wende in diesem Land zu propagieren. Von Frau Merkel jedenfalls haben wir dazu bislang nichts gehört.
Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich in diesen bemerkenswerten Dialog einklinke.
Aber meiner Wahrnehmung nach hat das bisher nicht mal pIQ26 gemacht. Und das will schon was heißen - oder doch nicht? ...
... es trifft nicht den wahren Triebfederkern Merkelscher Entschlossenheit, wenn Sie schreiben "Merkel brauchte einen Sonntag, um das zu begreifen. ..."
Richtig muss es heißen: "Merkel brauchte einen überaus nachhaltigen Eindruck von des Volkes Stimmung und anschließend noch einen SMS-Austauschsonntag mit dem Arbeiter- und Bauernlandführer J. Rüttgers, um dann - im Hinblick auf die auch bundespolitisch bedeutungsschwangeren NRW-Wahlen - doch noch irgendwie mal das volkstimmungskompatible und zugleich dennoch sehr unverbindlich formulierte Wort zu ergreifen".
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