Eine bürgerliche Koalition ist an die Regierung gekommen - kirchennäher als die alte ist sie nicht: Die katholische Kirche wird mit Schwarz-Gelb nicht warm.
Fast eineinhalb Stunden blieb die Kanzlerin, in den hektischen Nachwahl-Zeiten eine kleine Ewigkeit. Lauschte der Rede von Erzbischof Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, mischte sich unter die 800 Gäste in der katholischen Akademie Berlin, ließ sich gratulieren, plauderte. Nur einmal überkam sie die Müdigkeit, und zwar, als Zollitsch seine "Überlegungen am Beginn einer neuen Legislaturperiode" vortrug. Da fielen Angela Merkel für einen kurzen Moment die Augen zu.
Die katholische Kirche wird mit Schwarz-Gelb nicht warm. (© Foto: dpa)
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Merkels Sekundenschlaf beim traditionellen Michaels-Empfang des katholischen Büros, der Lobby der Bischofskonferenz beim Bundestag, kam nicht von ungefähr: Zollitsch, eigentlich ein kluger Mann, eierte durch einen Text, der zeigte, wie sehr die katholischen Bischöfe noch mit einer schwarz-gelben Koalition fremdeln.
Die Familie solle gestärkt werden, sonst wachse die Gewalt; Frauen sollten nicht gezwungen werden, ihre Kinder in Krippen zu schicken - das sind die Stichworte, mit denen Zollitschs konservative Bischofskollegen Angela Merkels CDU vorwerfen, sie habe die christlichen Werte nicht mehr im Blick. Ja, Freiheit sei wichtig, fuhr der Freiburger Erzbischof fort, sie habe aber Grenzen - in der Wirtschaft, bei der Forschung. Das war Richtung FDP gesprochen.
Es gab am Ende in Deutschland nicht mehr viele Freunde der großen Koalition. Doch die Kirchenleitungen, katholisch wie evangelisch, gehörten bis zuletzt dazu. Die Arbeitnehmerflügel von SPD und Union sorgten dafür, dass das Soziale nicht aus dem Blick geriet, die Christdemokraten vertraten Kirchenpositionen in Bildungs- und Kulturdebatten, die Arbeit der SPD-Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul war ganz im Sinne der kirchlichen Hilfswerke.
FDP und die Kirchen sind sich nicht näher gekommen
Und so war der Michaels-Empfang auch ein Abschiedstreffen für Schwarz-Rot: Viele CDU-Politiker und -Minister waren da, auch ein Häuflein Sozialdemokraten suchte Trost. Doch Freidemokraten sah man nur vereinzelt.
Seit dem Ende der schwarz-gelben Ära von Helmut Kohl 1998 sind sich FDP und die Kirchen nicht näher gekommen. Katholiken wie Protestanten sind gegen Steuersenkungen - die FDP fordert sie heftig. Beide Kirchen sind gegen die Lockerung des Kündigungschutzes und sehen mit Sorge, dass die FDP das Entwicklungshilfeministerium dem Außenministerium zuordnen will.
Bei der SPD sind viele den Kirchen verbundene Abgeordnete wie Kerstin Griese nicht mehr im Parlament vertreten; die CSU, die in den vergangenen vier Jahren dem Sozialkatholisch-Konservativen eine Stimme gab, schickt nur noch halb so viele Parlamentarier in den Bundestag wie die FDP. Und die Kirchen fürchten, dass die Liberalen die Politiker vom CDU-Wirtschaftsflügel ermuntern könnten, sich deutlicher zu ihrer Haltung zu bekennen. Auch mental sind vor allem FDP und katholische Kirche verschieden: Liberal ist dort fast ein Schimpfwort.
Nun ist - nach landläufiger Definition - eine bürgerliche Koalition an die Regierung gekommen, kirchennäher als die alte ist sie allerdings nicht. Prälat Karl Jüsten, der Leiter des katholischen Büros, begrüßte Angela Merkel mit den Worten: "Frau Bundeskanzlerin, Sie müssen weiter mit uns rechnen." Es war launig gemeint, doch schwang eine Mahnung mit: Wir sind nicht einfach die Verbündeten eurer Politik. Die Kanzlerin nahm es gelassen, plauderte sich von Stehtisch zu Stehtisch - um eine Rede war sie nicht gebeten worden.
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(SZ vom 01.10.2009)
Bilder des Tages
Wenn die Kirchen meinen, dass hohe Steuern zu mehr sozialer Wärme führen, dann heißt das doch, dass sie es ihren Schäfchen nicht zutrauen, mit ihrem Geld selbst für diese soziale Wärme zu sorgen.
Ich persönlich glaube, dass ich mit meinem Geld viel besser und sozialer umgehen kann als Vater Staat, der das Geld in Antragsformulare und Angestellte zum Beantworten der Antragsformulare investiert, wovon wiederum Anwälte zum Anfechten der Antworten leben. Sankt Martin wird als Heiliger verehrt, weil er die Hälfte seines Mantels gab. Weniger als die Hälfte dessen, was mein Arbeitgeber für mich zahlt, kommt bei mir an. Wo bleibt meine Heiligsprechung?
denen man den Ellenbogen schmackhaft machen kann. Die ihn auch selbst schon ausprobiert, eingesetzt oder erfahren haben.
Menschen, die es als selbstverständlich ansehen, wenn soziale Kälte, Ignoranz am Nächsten, egoistisches Vorankommen und als Toleranz verschleiertes Desinteresse an der Not anderer Menschen, zur gesellschaftlichen Norm werden. Jeder ist bekanntlich selbst seines Glückes Schmied
Hoch lebe die grenzenlose Entsolidarisierung als moderner und bequemer Gegenentwurf zur Solidargemeinschaft, hoch lebe die FDP.
@srb70:
"Es ist nun mal nicht mehr möglich mit einem einzigen normalen Durchschnittseinkommen eine 4-köpfige Familie angemenssen zu finanzieren. Hier müssen vielmehr Möglichkeiten geschaffen werden, dass beide Eltern zum Einkommen der Familie beitragen können und so den Lebensstandard und eine gute Ausbildung der Kinder sicher stellen. Stichwort ausreichend Kinderkrippen, Kindergartenplätze, Betreuung für unter Dreijährige."
...oder es wieder möglich machen, dass ein Alleinverdiener eine 4-köpfige Familie ernähren kann...
Ich bin wahrlich kein Freund der Kirchen aber in diesem Punkt stimme ich oft mit ihnen überein. Das Problem ist klar: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht gegeben und ein Einkommen reicht derzeit vielen Familien nicht aus. Dann aber gleich den Reflex zu haben, dass dann beide Partner eben die Möglichkeit bekommen sollten Geld zu verdienen ist nur EINE der möglichen Lösungen. Im Sinne der Kinder gibt es sicher bessere Möglichkeiten!
Auf soziale Kälte verstehen sich beide großen christlichen Amtskirchen aufs Allerbeste. Nämlich dort, wo es um den Umgang mit den bedauernswerten Menschen geht, die auf eine Kirche als Arbeitgeber angewiesen sind. Es gibt wohl kaum einen Arbeitgeber, der seine Bediensteten so kujoniert und bis zum Letzten ausnutzt wie die Evangelische und die Katholische Kirche und dabei ständig von Nächstenliebe und so weiter herumsülzt. Diese Sorge sollte die Katholischen Kirche erst mal in der Innenschau haben. Da hätte sie genug zu verbessern und ins soziale Lot zu bringen.
Aber, aber, werte Katholiken. Jetzt habt ihr doch das, was ihr wolltet. Zwei super-christliche (hihi) Parteien. Zwar nicht von der Mehrheit der Wähler gewählt, aber doch mit der Mehrheit an Plätzen. Quasi ein Gottesurteil. Nicht auszudenken, wenn der Wähler die asozialen, unmenschlichen roten Teufel gewählt hätte. Die hätten dann die Mütter zur Arbeit und die Kinder in die unmenschlichen Krippen geschickt. Vermutlich auch noch Arbeitslose in Zwangsmaßnahmen. Evt. sogar Krieg (pfui) geführt und dem schnöden Mammon gehuldigt.
Und immer schön dran denken, liebe Katholen, immer schön vorsichtig sein, mit dem, was man sich wünscht. Es könnte wahr werden (*kicher*)
(Wer Ironie findet, darf sie behalten)
Paging