Problematisch ist der Brief allerdings dann doch dort, wo er über die Ursachen des Missbrauchs nachzudenken versucht. Benedikt legt nahe, dass die Übergriffe vor allem durch die moralische Laxheit in Klerus und Kirchenvolk begünstigt wurden, dadurch, dass die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils als Beginn einer weichen Welle missverstanden worden seien.

Bild vergrößern

Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand. (© Foto: dpa)

Anzeige

Ist die Kirche also dort vor sexuellem Missbrauch sicher, wo streng geglaubt und eifrig von Keuschheit geredet wird? Dies ist, mit Verlaub, Unsinn. Viele gerade der älteren Missbrauchsfälle, die nun offenbar werden, zeigen das. Bis in die siebziger Jahre gerierten sich Priester als gottähnliche Wesen, um dann aus dieser angeblichen Gottähnlichkeit heraus Kinder an sich zu binden, Grenzen zu überschreiten, die kein Erwachsener überschreiten darf - es gibt Berichte, wie sich dann Täter und Opfer hinknieten und Gott um Vergebung baten. Das ist keinen Deut besser als die Übergriffe an der Odenwaldschule, die im Namen einer angeblichen sexuellen Befreiung geschahen; pädophile Täter suchen sich in konservativen Milieus genauso Begründungen für ihr Tun wie in liberalen oder linken.

Einordnung in das eigene Denksystem

Benedikt XVI. ordnet die Missbrauchsfälle einfach in sein Denksystem ein - das ist die wahre und tiefe Schwäche des so gut gemeinten Schreibens. Die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist demnach Ergebnis des Werterelativismus, der sich auch in der Kirche breitgemacht hat. Das aber ist weltfremd. Stattdessen hätte der Papst Priestern und Gläubigen Mut machen können: Ihr dürft, ihr sollt Kinder in den Arm nehmen, wenn ihr euch der Grenzen bewusst seid. Die Kirche kann den Menschen nahe sein, ohne übergriffig zu werden.

Die Krise wegen der Missbrauchsfälle wird die katholische Kirche in Deutschland stärker verändern als viele Schreiben des Papstes. Vielleicht gelingt es ja tatsächlich, jene Kultur der Achtsamkeit gegenüber den Opfern von einst und den Kindern von heute zu entwickeln, von denen nun alle reden. Der Papst hätte dann bei der Krisen-Überwindung wenigstens ein bisschen geholfen - mit einem Brief nach Irland, mit dem sich irgendwie nun auch Deutschland begnügen muss.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Der weltfremde Papst und die verpasste Chance
  2. Sie lesen jetzt Das Denksystem des Papstes
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 22.3.2010/mati)