Katholische Kirche in Österreich Rebellion am Altar

Führende Priester des Bistums Linz verweigern dem vom Vatikan ernannten ultrakonservativen Weihbischof Wagner die Gefolgschaft. Ein Bischof warnt, die Kirche zur linientreuen Sekte zu machen.

Von M. Frank, Wien

In Österreich nehmen die Proteste gegen die Leitung der katholischen Kirche in Rom Formen an, die in dieser straff geführten Glaubensgemeinschaft einer offenen Rebellion gleichkommen.

Salzburgs Bischof Alois Kothgasser (links) mit Papst Benedikt XVI.

(Foto: Foto: ddp)

Die überwältigende Mehrheit der Dechanten des Bistums Linz weigert sich, der Weihe des ultrakonservativen Windischgarstener Pfarrers Gerhard Wagner zum Weihbischof zuzustimmen. Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser warnte die Kirche davor, sich zu einer Sekte der Linientreuen zu entwickeln.

Selbst Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien und Österreichs prominentester Katholik, räumte Irrtümer der Kirche ein, den Papst eingeschlossen.

Die Dechanten, die führenden Regionalpriester des Bistums Linz also, schlagen in einer Erklärung einen unerhört scharfen Ton an: Die Ernennung des neuen Linzer Weihbischof Wagner sei inakzeptabel. 31 von 35 anwesenden Klerikern erklärten, dass "viele Christinnen und Christen der Ernennung von Dr. Gerhard Wagner zum Weihbischof zustimmen, dass aber auch sehr viele empört, enttäuscht und verletzt sind".

Intensive Gespräche hätten sie davon überzeugt, dass "für das Bischofsamt von Dr. Gerhard Wagner" jede Akzeptanz fehle. "Daher können wir aus Sorge um die Glaubwürdigkeit der Kirche und der Einheit unserer Diözese die Zustimmung zur Weihe von Dr. Gerhard Wagner nicht geben." Die Kirche solle davon Abstand nehmen, erklärte ein Vertreter der insgesamt 39 Dechanten im Bistum Linz. Bisher schweigt Diözesanbischof Ludwig Schwarz zu der Forderung, nachdem er versucht hatte zu verhindern, dass die Erklärung veröffentlicht wird.

Zugleich hat Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser vor einem rückwärtsgewandten Kurs gewarnt. Seine rhetorische Frage: "Soll die Katholische Kirche gesundgeschrumpft werden, gleichsam auf eine Sekte, wo nur wenige, aber dafür linientreue Mitglieder dabei sind, oder soll die Katholische Kirche Kirche Jesu Christi bleiben, die Raum für Vielfalt bietet, offen ist und Gesellschaft von innen her prägt?"

An Kurie und Papst richtet der Kirchenfürst, der den Titel "Primas Germaniae" trägt, die scharfe Ermahnung: "Wenn das Vertrauen in die Ortskirche fehlt, beginnt auch das Vertrauen in die zentrale Autorität der Universalkirche zu schwinden." Das ist auf die Ernennung Wagners durch den Vatikan unter Umgehung aller Wünsche und Vorschläge der Diözese gemünzt.

Zur Pius-Bruderschaft sagte Kothgasser, wer das Zweite Vatikanische Konzil ablehne, befinde sich nicht im Schisma mit Rom, das sei glatte "Häresie", also Ketzerei. Im Österreichischen Fernsehen verlangte Kothgasser, den Bischof der Pius-Bruderschaft Richard Williamson wegen seiner Leugnung des millionenfachen Mordes an den Juden aufs Neue zu exkommunizieren. Rom hatte die Exkommunikation Williamsons und drei seiner Bischofskollegen erst jüngst aufgehoben. Zum Allgemeinzustand der Kirche sagte Kothgasser: "Ich habe in diesen Wochen die Klagepsalmen des Einzelnen und des Volkes Gottes intensiv gebetet."

Der Wiener Kardinal Schönborn ermutigte die Mitarbeiter der Erzdiözese, angesichts der Ereignisse um Pius-Bruderschaft und Weihbischof Wagner nicht zu resignieren. Man müsse in der Krise die Chance erkennen. Schönborn schreibt in thema kirche, dem Mitarbeitermagazin der Erzdiözese, jedoch auch von "Vorgängen, die Kopfschütteln, Trauer, Empörung und Unverständnis auslösen".

Der Erzbischof räumt ein, die Menschen in der Kirche würden Fehler machen, was den Papst einschließe. Medien und Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum überschritten jedoch bei weitem die sachliche Kritik und ergingen sich zum Teil in "blankem Hass und Hohn". Schönborn beklagt: "Nachdem man zuerst begeistert gesagt hat ,Wir sind Papst‘, voller Stolz, dass ein Deutscher Papst geworden ist, kommt jetzt das große 'Halali', die Freigabe für jede Kritik und jeden Spott."

Dem designierten Weihbischof Wagner haben Mitglieder des Episkopats dringend nahegelegt, vorerst zu schweigen. Der Verfechter eines "strafenden Gottes" hatte zuletzt noch nachgelegt und seine Thesen, dass etwa der Hurrikan Katrina in New Orleans nicht "aus Zufall" Bordelle und Abtreibungskliniken zerstört habe, auf die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise ausgedehnt und die Meinung vertreten, Homosexualität sei "heilbar" - und damit krankhaft. Wagner befindet sich in Rom, wo er sich nach eigenen Worten mit bischöflicher Gewandung und Amtsinsignien eindecken sowie den Segen des Papstes in der Generalaudienz am Sonntag holen will.