Sind wir alle nur Mimosen? Als höhnisch müssen Juden es empfinden, wenn ausgerechnet im Umfeld von Karfreitag und Ostern die Katholische Kirche wieder für die Erleuchtung der Juden bittet, damit wir Jesus als Heiland erkennen. Solche theologischen Aussagen werden in einem Kontext getroffen, der eng verbunden ist mit Diskriminierung, Verfolgung und Tod, und das um unseres vermeintlichen "Seelenheils" willen.

Bild vergrößern

Der Rabbiner Walter Homolka ist Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, des Rabbinerseminars an der Universität Potsdam, und Honorarprofessor der Philosophischen Fakultät. (© Foto: oh)

Anzeige

Jetzt zeigt sich: Wir Juden haben seit 2007, seit der Wiederzulassung der alten Messe, sehr genau gesehen, wo die Reise hingeht. Es ist eben kein Betriebsunfall der Kurie, dass Benedikt nun vier Bischöfe der ultra-konservativen Pius-Bruderschaft rehabilitiert. Er kommt dem rechten Rand im Klerus immer weiter entgegen.

Es geht nicht darum, dass Bischof Richard Williamson, der Holocaust-Leugner, ein eklatanter Volksverhetzer ist. Es geht auch nicht darum, dass seine Rehabilitierung unmittelbar vor dem 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, geschah, was das deutsche Episkopat noch in letzter Minute zu verhindern versuchte. Es geht darum, dass der Papst Abtrünnige und Rückwärtsgewandte ohne jede Vorbedingung in den Schoß der Kirche zurückkehren lässt. Weit weniger Großmut erfuhren kluge Theologen wie Hans Küng oder die Kirchen der Reformation im ökumenischen Gespräch.

Die vage Solidaritätsadresse Benedikts XVI. in der Generalaudienz vom vergangenen Mittwoch hat niemanden befriedigt. Denn um Solidarität geht es uns ja nicht. Niemand glaubt ernsthaft, der Papst leugne den Holocaust oder schätze jüdische Menschenleben gering. Uns Juden geht es um die gleiche Augenhöhe und um die Selbstachtung gegenüber einer Kirche, die jahrhundertelang große Schuld auf sich geladen hat. In den siebziger Jahren hatte Kardinal Walter Kasper den Standpunkt vertreten, dass keine Notwendigkeit bestehe, Juden zu missionieren, weil sie eine authentische Offenbarung besitzen und aus der Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils im Bund mit Gott bleiben.

Kasper ist heute noch für die Beziehungen des Vatikans zu den Juden zuständig. Konsultiert wurde er weder bei der Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte noch bei der Aufhebung der Exkommunikation für die vier Lefebvre-Bischöfe. Das Wort des deutschen Bischofs-Vorsitzenden Robert Zollitsch vom Katholikentag 2008, es werde keine Wende der Wende geben - dieses Wort hat nicht weit getragen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Wir haben verstanden
  2. Sie lesen jetzt Wir haben verstanden
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 4.2. 2009/mati)