Katar Schattenseiten der Glitzerwelt

Glenn Jäger beleuchtet das Emirat, das die Fußball-WM 2022 ausrichten wird. Er schildert ein Land voller Widersprüche und hat eine charmante Idee für die Fifa.

Von Wolfgang Freund

Das arabische Emirat Katar - halbinselförmiger Sandhaufen, etwa 11 500 Quadratkilometer messend (knapp ein Sechstel von Bayern), an den "großen Bruder" Saudi-Arabien grenzend und flach in den persisch-arabischen Golf hineinreichend, keine halbe Million Untertanen zählend, dafür zwei Millionen ausländische Residenten im Land, die als Arbeitstiere die beispiellose Lebensqualität der Untertanen am Blühen halten - versteht sich seit einigen Jahrzehnten als "Weltmacht" der besonderen Art. Man investiert und investiert und investiert in westlichen Sphären wie Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder auch den USA: Fünf- und Mehr-Sternehotels, Industriegefüge unterschiedlichster Art und natürlich Fußballmannschaften wie etwa die französische Star-Elf Paris St. Germain, aber auch mit dem FC Barcelona und dem FC Bayern treibt man es intensiv. Womit das Thema von Glenn Jägers Buch bereits umrissen wäre. Seit das Emirat die Fußball-WM 2022 zugesprochen bekam, hat sich eine katarische Globalstrategie entwickelt, darauf abzielend, bis dahin eine Nationalmannschaft absoluter Spitzenklasse großgezogen zu haben. Fußballerischer "Lebensborn"-Aktivismus, wenn man so will. Die dafür notwendigen Dollar- und Euro-Bewegungen sind in vollem Gang und (be)stechen hemmungslos zu, wo immer möglich und machbar. Katarische "Sendgrafen" sind auf alle Kontinente ausgeschwärmt, um Talente ausfindig zu machen. Im belgischen Eupen wurde ein Provinzklub aufgekauft. Dort finden Vorauswahlen und Grundausbildung statt. Wer in diesem Filter qualifiziert hängen bleibt, hat gute Chancen, fürs eigentliche WM-Training eingeladen zu werden.

Andererseits sind die Katarer genauso islamistisch eingefärbte "Mentalintegristen" wie die Saudi-Araber, da mehrheitlich der puristischen, rückwärtsgewandten wahhabitischen Version des Islams angehörend. Auch ihre Frauen kennt man in der Öffentlichkeit eher als schwarze Wüstengespenster auf trippelnden Füßen, und entsprechend schwarz-weiß gepinselt funktioniert ihr geschlechtsspezifisch interaktives Denken und Handeln. Todeskandidaten der Katar-Justiz werden mit dem Schwert einen Kopf kürzer gemacht wie in Saudi-Arabien. Wenn es Touristen richtig terminierten, konnten sie bis vor Kurzem noch einem derartigen öffentlichen Gerechtigkeitsritual beiwohnen. Es gibt aber neue Bestrebungen in Katar (im Gegensatz zu Saudi-Arabien), anstehende Hinrichtungen auszusetzen beziehungsweise die Todesstrafe ganz abzuschaffen.

Luftig und transparent: Eine Simulation des Al-Rayyan-Stadions - einer der geplanten Orte für die Winter-Weltmeisterschaft.

(Foto: Handout/Supreme Committee for Delivery & Legacy via Getty Images)

Und vor Jahrzehnten hatten die Katarer auf der Ebene von Handelsmissionen sogar bilaterale Beziehungen mit Israel aufgenommen. Diese wurden inzwischen wieder entsorgt, scheinen aber - wie so vieles in der arabischen Welt - untergründig weiterzuleben. Auch der weltweit empfangbare TV-Sender Al Jazeera eine Art CNN vorderorientalisch gestylt sowie auf Arabisch und Englisch ausstrahlend, dem man zunehmend unterstellt, subtiles Sprachrohr internationaler "Muslimbrüder" geworden zu sein (die Meinungen hierzu gehen auseinander), hat seinen Sitz in Doha, der Hauptstadt Katars.

Katar schäkert des Weiteren mit Iran und geriet deshalb in Totalverschiss mit Saudi-Arabien; dennoch ist das Emirat Bestandteil einer örtlichen Militärkoalition, gegenwärtig damit befasst, unter saudi-arabischer Führung Jemen auszulöschen. Nicht zuletzt beherbergt das Emirat auch das Hauptquartier der amerikanischen Militärpräsenz im gesamten Vorderen Orient. Angst vor Widersprüchlichkeiten scheint man in Doha jedoch nicht zu haben. Die Farben des Landes schillern vielfältig, und auf dem Sandhaufen geht es logischerweise lebhaft zu.

Glenn Jäger: In dem Sand gesetzt. Katar, die Fifa und die Fußball-WM 2022. PapyRossa Verlag Köln 2018. 311 Seiten. 16,90 Euro.

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Somit ist es kein Wunder, dass Katar alles tat, um Gastgeber für eine Fußball-WM zu werden. Ressourcen, an denen es (noch) nicht mangelt (Katar hält nicht nur Rohöl, sondern unter seinem Sandhaufen auch ungeheuere Mengen Erdgas zur dollarträchtigen Förderung bereit), wurden mobilisiert, und der Dollar-Springbrunnen begann zu sprudeln ..., was sofort eine internationale Interessentenschaft mobilisieren musste. Die Katarer ziehen mit, wie immer sie können. Sie scheinen sogar die "Fifa-Bierklausel" bis zu einem gewissen Grade tolerieren zu wollen. Diese lautet: alle WM-Fans müssen, wenn sich der fußballerische und durch das allgemeine Wüstenklima aufgeheizte Durst meldet, "saufen" dürfen. Mit der wahhabitischen Fass- und Kellerordnung - keinen Tropfen Alkohol auf nationalem Territorium - ist das schwerlich zu vereinbaren. Man hat jedoch zwischen Fifa und Katarregierung wohl tragfähige Kompromisse gefunden durch die Schaffung von Free Drink-Zonen. Auch das andere WM-Must, während der heißen Kompetitionstage genügend weibliches Begleitpersonal für erholsame Abend- und Nachstunden verfügbar zu halten, scheint zwischen den Veranstaltungsträgern und der Gastgebernation bereits ausgehandelt zu sein. Entsprechend motivierte Fifa-Korruptionäre waren offenbar auch hier rasch zur Stelle, um mögliche Wogen bereits im Vorfeld zu glätten.

Glenn Jäger, Anglist, Sozialwissenschaftler wie auch aktiver Fußballer, der hier eine brillante, flüssig geschriebene und quellenmäßig bestens abgesicherte "Fallstudie" zu einem weltweit agierenden Korruptionskontinuum ("Weltmacht Fußball!") vorstellt, formuliert abschließend eine durchaus diskussionswürdige Anregung: die Fifa sollte zu einem Zweig der Vereinten Nationen (also wie die Unesco) umfunktioniert werden, und damit unter international-öffentliche Kontrolle geraten. Trüben Korruptionsmachenschaften in Millionenhöhe wäre damit, so hofft man, ein relativ sicherer Riegel vorgeschoben. Darf man vielleicht träumen?

Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt "Mittelmeerkulturen"). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt heute in Südfrankreich.

Zum obigen Text sind folgende Klarstellungen angezeigt: So wurde vom Autor der Rezension, Wolfgang Freund, erwähnt, das Emirat Katar befinde sich "gegenwärtig" in einer Militärkoalition gegen Jemen. Katar ist allerdings im Juni 2017 aus dieser Koalition ausgeschlossen worden. Zudem schrieb der Autor, "bis vor Kurzem" sei in Katar die Todesstrafe vollzogen worden. Richtig ist, dass in dem Emirat noch immer die Todesstrafe verhängt wird. Berichte über öffentliche Hinrichtungen gibt es jedoch seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.