Kataloniens Regierungschef Puigdemont ist gescheitert

Am Tag nach der Rede des katalanischen Regierungschefs ist klar: Die von vielen ersehnte Abspaltung von Spanien wird es vorerst nicht geben. Jetzt ist Madrid am Zug.

Von Thomas Urban, Barcelona

Es sind an den Balkons der Innenstadt von Barcelona nur noch wenige blaue Esteladas zu sehen, die katalanische Fahne mit den vier roten Streifen auf gelbem Grund, ergänzt durch den weißen Stern im blauen Dreieck. Stern und Dreieck erinnern an den Kampf der Kubaner und Puerto Ricaner gegen die spanischen Kolonialherren Ende des 19. Jahrhunderts, für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung wurden sie zum Symbol.

Eigentlich hatten viele Katalanen gehofft, es werde in der Nacht zum Mittwoch ein rauschendes Fest geben, mit Feuerwerk und unzähligen im Winde wehenden Esteladas (wörtlich übersetzt: mit Stern versehen). Doch die mit Spannung erwartete Erklärung, die Regionalpräsident Carles Puigdemont im Parlament zu Barcelona verlas, wirkte auf die Demonstranten, die sich in Feierlaune zu Tausenden in den Parkanlagen unter dem nahegelegenen Triumphbogen eingefunden hatten, wie eine gewaltige kalte Dusche.

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Am Tag danach ist klar: Eine katalanische Unabhängigkeit, die von vielen ersehnte Abspaltung vom Königreich Spanien, wird es vorerst nicht geben. Zwar hat Puigdemont in seiner nervös vorgetragenen Rede, in der er sich durchaus um versöhnliche Töne bemühte, von einer Unabhängigkeitserklärung geredet, doch werde diese "für mehrere Wochen ausgesetzt". Für die meisten Kommentatoren der Medien in Barcelona ist allerdings klar, dass dies nur der erste Schritt zur Kapitulation ist. Puigdemonts Lebensprojekt, eine unabhängige Republik Katalonien zu gründen, ist erst einmal gescheitert.

Nun droht auch Seat, der größte Arbeitgeber der Region, mit dem Umzug nach Madrid

Zwar stritten am Mittwoch Politiker und Publizisten noch darüber, was Puigdemont eigentlich genau sagen wollte. Sogar die Zentralregierung in Madrid unter Mariano Rajoy hat ihn offiziell aufgefordert, hier Klarheit zu schaffen. Hat er nun die Unabhängigkeit ausgerufen oder nur ihre Ausrufung angekündigt? Wenn er sie bereits ausgerufen hat, könnte Rajoy umso leichter die Regionalregierung entmachten und das Kabinett festnehmen lassen. Puigdemonts Ausführungen vor den katalanischen Abgeordneten dazu waren vage. Unter Berufung auf das Ergebnis des umstrittenen Referendums vom 1. Oktober, welches das Verfassungsgericht in Madrid allerdings für ungültig erklärt hatte, sagte er zunächst: "Katalonien hat sich das Recht verdient, ein unabhängiger Staat zu sein." Und ähnlich verklausuliert fügte er hinzu: "Das Volk hat bestimmt, dass Katalonien ein unabhängiger Staat in Form einer Republik sein soll."

Unter seinen Tausenden Anhängern, die im Schatten des Triumphbogens auf Großbildschirmen seine Rede verfolgten, brandete nach diesen Worten Jubel auf. Doch der machte Konsternation Platz, als Puigdemont zum nächsten Punkt kam: Die "Effekte der Unabhängigkeitserklärung" würden allerdings für mehrere Wochen ausgesetzt, um einen Dialog für "eine einvernehmliche Lösung" zu ermöglichen.

Puigdemont hatte in den vergangenen Tagen schon hinnehmen müssen, dass die Spitzenleute der Europäischen Union öffentlich auf ihn Druck ausübten mit dem Ziel, von einer Unabhängigkeitserklärung Abstand zu nehmen. Am Mittwoch kam die nächste schlechte Nachricht: Der Vorstand des zum VW-Konzern gehörenden Automobilproduzenten Seat, des größten Arbeitgebers in Katalonien, kündigte an, den Sitz seiner Geschäftsführung nach Madrid zu verlegen, falls die Region nicht bald "zur Normalität zurückkehrt". Schon zuvor hatten die größten katalanischen Banken ähnliche Schritte angekündigt.