Karlspreis für Macron Unbequem und preiswürdig

Emmanuel Macron ist nicht immer ein einfacher Partner für Deutschland. Genau deswegen ist es richtig, ihn mit dem Karlspreis auszuzeichnen.

(Foto: AFP)

Der Karlspreis für Emmanuel Macrons ist ein Symbol dafür, dass Europa von seinen Unterschieden lebt. Frankreichs Staatschef ist kein einfacher Partner für Berlin - und das ist gut so.

Kommentar von Nadia Pantel

Legte man seinen Finger auf die gefühlte Mitte Frankreichs, träfe die Fingerspitze den Kopf Karl des Großen. In Bronze gegossen sitzt er auf seinem Pferd genau vor Notre Dame. Frankreich sortiert sich um diese Mitte in konzentrischen Kreisen. Notre Dame steht im Zentrum der Île de la Cité, die den historischen Ursprung von Paris bildet. Auf Paris ist noch heute das gesamte Land ausgerichtet wie ein komplexer Apparat auf den An- und Ausschalter. Es gibt kaum Querverkabelungen, alles ist zentral gesteuert.

Sucht man in Deutschland den Kopf Karls des Großen, landet man in der Chorhalle des Aachener Doms, dort wurde den Gebeinen des mittelalterlichen Kaisers ein goldener Schrein gebaut. Ohne den Aachenern zu nahe treten zu wollen: Die 250 000-Einwohner-Stadt nimmt nicht nur geografisch eine periphere Position ein, sondern auch politisch.

Der Zentral-Karl und der Rand-Karl erinnern nun nicht nur daran, dass sich Frankreich und Deutschland denselben Nationalhelden ausgesucht haben. Sie zeigen auch, dass die zwei Länder aus ihrer verwobenen Geschichte eine sehr unterschiedliche Gegenwart entwickelt haben. Hier das föderale Deutschland, das aus seiner Geschichte das Zweifeln gelernt hat. Dort das zentralisierte, ungebrochen selbstbewusste Frankreich.

Der französische Präsident Emmanuel Macron ist nun mit dem Karlspreis ausgezeichnet worden. Das ist kein Symbol europäischer Einigkeit, die manchmal so mahnend beschworen wird, dass sie wie verordnete Gleichförmigkeit klingt. Sondern die überfällige Erinnerung daran, dass Europa von seinen Unterschieden am Leben gehalten wird.

Als die Franzosen Macron wählten, schnaufte Deutschland erleichtert durch. Der Anspruch an den Präsidenten war zunächst erstaunlich gering. In der Trump- und Brexit-Ära reicht das Prädikat proeuropäisch aus, um aus einem Politiker eine Lichtgestalt zu machen. Nun hat sich Macron von der Lichtgestalt zum fordernden Franzosen entwickelt. Zu jemandem also, der nicht nur fluffige Reden über Frieden und Zusammenhalt hält, sondern der konkrete Ideen hat, zugeschnitten auf seine eigenen Wähler.

Emmanuel Macron schafft ein neues Gleichgewicht in Europa

Macron hat einen Zustand beendet, in dem westliche Politik so holzschnittartig war, dass es Gut (Merkel) und Böse (Trump) gab. In der entweder schweigend (Merkel) oder krakeelend (Trump) regiert wurde. Macron positioniert sich zwischen den aktuellen Polen des "Weiter so" oder "Alles anders". Man muss seinen Vorschlägen nicht folgen, aber man kann sich freuen, dass wieder inhaltlich gestritten wird. Dass die Europäische Union wieder mehr werden könnte als ein Haufen Länder, die mit hängenden Schultern seufzen: "Wir haben ja sonst nichts."

Frankreichs Präsident tritt als entschiedener Partner des südlichen Europa auf. Er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass das von Deutschland vorgegebene Sparprogramm in Griechenland, Italien und Spanien gerade die Jugend hart getroffen hat. Dass er Berlin damit gehörig ärgert, gefährdet nicht den europäischen Zusammenhalt. Es schafft ein Gleichgewicht. Bevor Macron Präsident wurde, litt die deutsch-französische Freundschaft unter ziemlicher Schlagseite. Wenn sie beschworen wurde, klang das oft so, als würde sich Berlin dafür bedanken, dass Paris auch noch mit dabei ist. Müder ging es kaum.

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