Guttenberg im SZ-Gespräch "Menschenunwürdiger Drill kann nicht geduldet werden"

Die Bundeswehr steht im Verdacht, unangenehme Wahrheiten zu vertuschen. "Unsinn", kontert Minister Guttenberg in der SZ - und kündigt Konsequenzen an.

Interview: Peter Blechschmidt

SZ: Herr Minister, vertuscht die Bundeswehr unangenehme Wahrheiten?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Das darf nie die Vorgehensweise der Bundeswehr sein, und das ist es auch nicht.

SZ: Aber sowohl im Fall des in Nordafghanistan getöteten Soldaten als auch über die Vorgänge auf der Gorch Fock hat Ihr Ministerium nicht die volle Wahrheit gesagt.

Guttenberg: Unsinn. Im Fall des getöteten Soldaten war schon am Tag nach dem Vorfall öffentlich bekannt, dass mutmaßlich eine zweite Person beteiligt war. Die Staatsanwaltschaft wurde umgehend eingeschaltet und ermittelt nun. Zu laufenden Verfahren, die die Ermittlung der tatsächlichen Vorgänge zum Inhalt haben, können wir uns auch mit Blick auf Betroffene nicht äußern.

SZ: Und von der angeblichen Meuterei auf der Gorch Fock hatten Sie bis jetzt auch nichts gehört?

Guttenberg: Zu dem Vorwurf wurde ich durch das Schreiben des Wehrbeauftragten mit dem Datum 17. Januar informiert. Ich habe umgehend den Inspekteur der Marine und den Leiter der Rechtsabteilung hier im Ministerium angewiesen, den Sachverhalt aufzuklären. Sie werden von mir keine Vorverurteilung hören. Aber wenn die Vorwürfe zutreffen, dann wird es klare Konsequenzen geben. Generell gilt: Menschenunwürdiger Drill kann nicht geduldet werden. Und der Vorwurf der Meuterei ist ein sehr gewaltiger, gemessen an dem, was ich bisher darüber weiß.

SZ: Aber sind die Vorwürfe bezüglich der Gorch Fock nicht so gravierend, dass Sie als Minister darüber hätten informiert werden müssen?

Guttenberg: Zur Aufklärung gehört auch, ob die Meldewege eingehalten wurden. Wenn es da Versäumnisse gegeben hat, wird auch das Folgen haben. Das muss alles aufgeklärt werden. Ich bin da wenig geduldig.

SZ: Nach dem Tod der Offizieranwärterin auf der Gorch Fock wurde die Ausbildung abgebrochen. Damals entstand der Eindruck, dies sei lediglich ein Akt der Fürsorge gewesen.

Guttenberg: Der zuständige Inspekteur der Marine hat aus fachlichen Gründen entschieden, die Ausbildung abzubrechen und die Lehrgangsteilnehmer nach Deutschland zurückfliegen zu lassen. Die Gorch Fock sollte aber ihre Reise fortsetzen.

SZ: Von der Öffnung der Feldpostbriefe aus Afghanistan wussten Sie nichts?

Guttenberg: Auf der zuständigen militärischen Führungsebene gab es hierüber keine Kenntnis. Meine hellseherischen Fähigkeiten sind im Zuge dessen begrenzt. Aber auch hier sind die Ermittlungen im vollen Gange.

SZ: Werfen die jetzt bekanntgewordenen Vorgänge nicht die Frage auf, ob in der Bundeswehr die Innere Führung versagt hat?

Guttenberg: Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, so hätten wir es aller Wahrscheinlichkeit nach mit individuellem Fehlverhalten zu tun. Die Innere Führung ist erfolgreich und in der Breite der Bundeswehr akzeptiert. Von eventuellen Einzelverfehlungen auf den größten Teil der Bundeswehr - es sind immerhin noch fast 250.000 Soldaten - zu schließen, wäre völlig ungerechtfertigt.