Kanzlerkandidat Steinbrück und die SPD Geschüttelt und überaus gerührt

Peer Steinbrück kann kaum fassen, wie sehr ihn die SPD nach seinem Fehlstart als Kandidat unterstützt. Die unverhoffte Zuneigung tut ihm gut - hat aber wohl auch damit zu tun, dass es keine Alternative gibt.

Von Susanne Höll, Berlin

Peer Steinbrück im Berliner Willy-Brandt-Haus.

(Foto: dpa)

Peer Steinbrück ist ein begnadeter Sprachspieler, mit Hang zur Härte gegen seine Mitmenschen. Etliche Formulierungen werden auf absehbare Zeit mit ihm verbunden bleiben. Die Kavallerie, die er am liebsten in die Schweiz geschickt hätte, die Jakobiner und Heulsusen in der SPD.

Und nun redet dieser Mann von Gefühlen, seinen eigenen, wohlgemerkt. "Die Solidarität, die ich aus der SPD erfahre, ist bemerkenswert und auch berührend." Berührend? Dieses Wort hat man von dem 65-Jährigen öffentlich bislang nicht gehört. Die vergangenen zwei Monate haben den Mann verändert, aber auch die Partei und das Verhältnis zwischen beiden. Kein Wunder, schließlich ist sein Start als designierter Kanzlerkandidat vermasselt.

Die von der Opposition angefeuerte Debatte um seine Nebeneinkünfte, das Mega-Honorar der Stadtwerke Bochum, ein kurzes Intermezzo mit einem ambitionierten Tausendsassa als Internet-Berater: Acht Wochen lang war der Kandidat weitgehend mit sich selbst beschäftigt und weniger mit politischen Themen. Bis hinein in die Parteispitze verbreitet sich Ratlosigkeit. Und die SPD-Mitglieder? Steinbrück sitzt zum ersten Mal seit seiner Vorstellung als Spitzenkandidat zusammen mit einer halben Hundertschaft Berliner Journalisten im Willy-Brandt-Haus und sagt: "Die Partei macht klar: Wir passen auf, dass du nicht kaputtgeschossen wirst."

Öffentlich hackt niemand auf ihm rum

Im Sommer hätten noch viele darauf gewettet, dass sich ein Kandidat Steinbrück und die SPD im Wahlkampf über kurz oder lang gegenseitig zerlegen. Zu unterschiedlich, wie Feuer und Wasser, ganz guter Mann, der Steinbrück, aber kein echter Sozi. Der Ex-Finanzminister selbst bat seine Partei um "Beinfreiheit". Die gewährt ihm inzwischen sehr viel mehr. Sie baut ihm veritable Wagenburgen in seinem Schlamassel. Öffentlich hackt kaum einer auf ihm rum, von Schadenfreude nichts zu hören. Mit großer Leidensfähigkeit und Disziplin trägt ihn die SPD durch eine schwere Zeit. Übrigens auch Leute wie die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. Die hatten ihn, wie Steinbrück erzählt, in schwierigen Tagen gefragt, ob sie öffentlich für ihn Partei ergreifen sollten. Steinbrück dankte, winkte aber ab. Solche Solidaritätsbekundungen könnten auch kontraproduktiv sein.

Aber was bleibt der SPD übrig außer Solidarität? Ihn absägen? Es gibt keinen Ersatz. Die beiden anderen aus der Vielleicht-Kanzlerkandidaten-Troika, Parteichef Sigmar Gabriel und der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier, halten sich erklärtermaßen für ungeeignet. Und Hannelore Kraft weiß selbst am besten, dass es ihr an bundespolitischer und internationaler Erfahrung fehlt. Also weiter mit Steinbrück.