Kanzlerin Merkel im Live-Interview "Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten"

Braucht sie wirklich nur vier Stunden Schlaf, was findet sie an Männern attraktiv und ist sie eine Feministin? Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte sich in einem Berliner Theater den Fragen der "Brigitte"-Chefredakteurin - und zeigt sich ungewöhnlich offen.

Gott oder Steinbrück? Männer oder Frauen? Kristina Schröder oder Ursula von der Leyen? In einem Gespräch mit der Frauenzeitschrift Brigitte am Donnerstagabend im Berliner Maxim Gorki Theater kann Bundeskanzlerin Angela Merkel jeweils zwischen zwei Themenkomplexen wählen. Sie entscheidet sich für Gott und die Männer und drückt sich um die Wahl zwischen den beiden Bundesministerinnen herum. Mehrere Hundert Zuhörer - darunter überwiegend Frauen - erleben eine schlagfertige, amüsante und auch amüsierte Kanzlerin und CDU-Vorsitzende.

So erlebt man sie selten. Das Publikum ist begeistert, lacht und klatscht. Sie nimmt dann sowohl zu Schröder als auch zu von der Leyen Stellung. Sie bezieht in der Frage der Frauenquote, die wegen eines Vorstoßes von der Leyens zu einer gesetzlichen Vorgabe vorübergehend zum Sprengpotenzial für die Koalition geworden war, klar Position für Schröder. Diese ist gegen die feste Quote.

Frauen in der Politik seien übrigens ganz unterschiedlich, findet die Kanzlerin, was keine Überraschung ist. Doch sie nennt ausgerechnet von der Leyen, Schröder und sich selbst als Beispiel. Und sagt: "Frauen sind zu Frauen auch nicht immer nett in der Politik." Nur wenige Male druckst Merkel während des knapp 90-minütigen Auftritts herum. Etwa als Brigitte-Chefredakteurin Brigitte Huber fragt, ob von der Leyen in der übernächsten Wahlperiode Kanzlerin werden könnte? "Ich traue das vielen zu", antwortet Merkel.

Ist Merkel eine Feministin? "Nein. Das würde die Feministinnen traurig machen, wenn ich mich dazu zählen würde." Aber möglicherweise sei sie für Frauen als Kanzlerin ein interessanter Fall. Hat sie genug Zeit für ihre Familie? "Nein." Fragt sie ihren Mann um Rat? "Manchmal sagt er auch von selbst etwas. Die Tatsache, dass er etwas sagt, zeigt, dass es ein Problem gibt."

Die Kanzlerin lüftet das Geheimnis der "Merkel-Raute"

Merkel findet "schöne Augen" an Männern attraktiv. Weitere Vorlieben, das andere Geschlecht betreffend, wollte die Kanzlerin am Donnerstagabend dann aber nicht mehr verraten. "Das war doch jetzt schon viel", sagte sie auf Nachfrage. Dafür lüftete die Kanzlerin das Geheimnis der "Merkel-Raute" - wie ihre typische Handhaltung bei Fototerminen genannt wird, wenn sie die Fingerspitzen einzeln aufeinanderdrückt. Sie habe "nie mit jemandem darüber gesprochen", wehrte sich die Kanzlerin gegen alle Vermutungen, Trainer oder gar ihre Schwester hätten ihr zu der Position geraten. "Es war immer die Frage, wohin mit den Armen", bekannte die Regierungschefin. Und trocken fügte Merkel hinzu: Die Handhaltung verrate "eine gewisse Liebe zur Symmetrie".

Sie bekennt, dass sie sich für Entscheidungen lange Zeit nimmt, einmal entschieden, müsse sie dann aber auch nicht mehr hadern. "Dann wird der Weg gegangen" und "ich bin mit mir im Reinen." Die Finanzhilfen für Griechenland seien ein solcher Entscheidungsprozess gewesen.

Alltag oder Ausnahmezustand? Merkel wählt den Alltag und landet mit ihren Antworten schnell beim "Ausnahme-Alltag", wie es Huber beschreibt. Merkel schildert, dass sie immer erreichbar ist, keine festen Verabredungen machen kann und jederzeit mit einer Krise rechnen muss. Braucht sie wirklich nur vier Stunden Schlaf? Nein, antwortet sie. Aber: "Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken." Und was nährt eigentlich den Mythos, dass sie eine ganze Nacht lang einen EU-Gipfel bestreitet und danach noch fit aussieht? "Den Mythos nährt, dass es passiert."