Merkel empfängt Cameron Wie man Freunde verkaudert

Volker Kauder hat mit harschen Worten Großbritannien verprellt - und nimmt in Kauf, dass Premier Cameron an diesem Freitag womöglich "entsprechend aufgeladen" zum Staatsbesuch nach Berlin kommt. Die Briten sind dagegen stinksauer: Kauder schürt die alte Angst vor den Deutschen. Für die Kanzlerin wird das Treffen damit umso schwieriger.

Ein Kommentar von Christian Zaschke, London

Offenbar hat niemand Volker Kauder auf die Schnelle erklären können, welchen außenpolitischen Schaden er mit seinen Äußerungen über Großbritannien anrichtet. Vielleicht hat der CDU/CSU-Fraktionschef auch schlicht Gefallen daran gefunden, am Mittwoch in allen britischen Blättern zitiert zu werden. Jedenfalls legte er gleich nach und sagte, er habe sich Großbritannien nicht ohne Grund mal "vorgenommen". Jetzt sollten die Briten "nicht so sensibel sein", Veränderungen in Europa seien nun mal nötig.

Von Premier David Cameron wird erwartet, dass er Kanzlerin Merkel gegenüber Stärke zeigt.

(Foto: REUTERS)

Kauder hatte gesagt, man werde Großbritannien "nicht durchgehen" lassen, nur auf den eigenen Vorteil zu schauen. Er klang regelrecht erfreut, als er später feststellte, es könne gut sein, dass der britische Premier David Cameron an diesem Freitag "entsprechend aufgeladen" zum Staatsbesuch nach Berlin komme. Entweder verfolgt Kauder einen Plan, dessen Genialität bisher nur er allein durchschaut, oder er weiß erschreckend wenig über den Nachbarn von der Insel.

Im vergangenen Jahr haben Cameron und Bundeskanzlerin Angela Merkel eine "sehr ehrliche und offene Partnerschaft" vereinbart. Sollte Kauder das so verstanden haben, dass man den Briten jetzt mal richtig die Meinung geigt, so liegt er denkbar weit daneben. Auch die besonnenen britischen Kommentatoren sind stinksauer. Der prinzipiell Deutschland-freundliche Historiker Timothy Garton Ash schlug im Guardian, ausgehend vom Wort "Kauderwelsch", die Einführung eines neuen Verbs vor: kaudern, oder "to kauder". Bedeutung: die Überführung des Stammtisch-Gelabers in die politische Debatte.

Kauder hat sich nicht bloß im Ton vergriffen, er hat die Debatte über Europa in Großbritannien weiter emotionalisiert. Das Thema ist ohnehin ein schwieriges im Land, und dann kommt ein Deutscher daher, maßregelt die Briten, begeht auch noch den Fauxpas zu sagen, es werde nun Deutsch gesprochen in Europa. Ein schlimmeres Bild gibt es nicht in Großbritannien. Es ist das Bild des hässlichen Deutschen, der, so absurd das klingt, nach der Macht greift.

Dass der Unionspolitiker seine Äußerungen mit der Bemerkung abrundete, man solle jetzt mal nicht so empfindlich sein, kann auf der Insel nur als Zynismus aufgefasst werden. In den eigenen Reihen mag man meinen, der Parteifreund sei vielleicht ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen, aber in der Sache habe er ja recht. Tatsächlich hat Kauder mit wenigen Worten mitten ins britische Unterbewusstsein getroffen, und zwar dorthin, wo die Angst sitzt. Die Angst vor den Deutschen.

Die Briten verfolgen die Krise in Europa auch deshalb mit Unbehagen, weil sie mit sich bringt, dass Deutschland mehr und mehr Einfluss gewinnt. Es sind nicht nur die Lärm-&-Krach-Blätter, die vor zu viel Deutschland warnen; in jeder Zeitung, jedem politischen Magazin, ob links oder rechts, gibt es eine starke Fraktion, die vor einer deutschen Hegemonie warnt.

Wie tief die Angst vor den Deutschen sitzt, lässt sich an einzelnen Entgleisungen ablesen. Die Daily Mail sah im Sommer ein "Viertes Reich" kommen. Was Hitler mit Waffen nicht geschafft habe, würden die Deutschen nun mit finanzieller Disziplin nachholen. Das mag nach einer Mischung aus Schwachsinn und Folklore klingen, aber die Mail hat eine Auflage von zwei Millionen Exemplaren. Sie macht nicht nur Stimmung, sie bildet auch Stimmungen ab.

Wenn die Deutschen mit den Worten rasseln, klingeln in London die Alarmglocken in den Köpfen. Das mag auch daran liegen, dass die Briten in der Tat recht sensibel sind. Es liegt aber vor allem an ihrem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein. Für die Kanzlerin ist das Treffen mit Cameron, bei dem sie für die Finanztransaktionssteuer und mehr Europa werben will, schwieriger geworden. Denn in Großbritannien wird vom Premier nun erst recht erwartet, dass er den Deutschen gegenüber Stärke zeigt.