Angela Merkel besucht Roland Koch in seinem Bundesland, und dabei geht es um mehr als nur die Venus im Doppelwirbel. Der CDU-Ministerpräsident wird als Wirtschaftsminister und Schattenkanzler gehandelt.
Wahrscheinlich hasst sie solche Situationen, wahrscheinlich ist dieser ganze Tag nicht wirklich nach ihrem Geschmack. Am Vormittag war sie in Wiesbaden, wo der Oberbürgermeister ihr im Festsaal des Rathauses ein Kolloquium über die Geschichte der Stadt gehalten hat; sie hat dabei auf ihre Uhr geschaut, dezent, aber so, dass es einem nicht entgehen konnte.
Wird das was? Und was? Angela Merkel und Roland Koch standen beim Hessen-Besuch der Kanzlerin unter Beobachtung der Medien. (© Foto: dpa)
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Hier bei der Esa, der Europäischen Raumfahrtagentur in Darmstadt, haben ihr die beiden Chefs soeben Vorträge über die "Venus im Doppelwirbel" und die "Atmosphäre des Titans" gehalten.
Irgendjemand hat es für eine gute Idee gehalten, dass die Presse zwar nicht dabei sein durfte, der Termin aber ohne Ton, nur mit Bild, in den Nachbarsaal übertragen wurde - wobei die Kamera eine Dreiviertelstunde lang nicht auf den Redner, sondern auf sie draufhielt: wie sie auf dem Stuhl herumrutschte, wie sie in die Luft guckte, wie sie sich die Augen rieb.
Wirres Weltall-Telefonat
Und jetzt auch noch dieses Telefongespräch. Nichts gegen ein Telefongespräch; regieren geht ohnehin über telefonieren. Und schon gar nichts gegen ein Telefonat ins Weltall. Das führt man ja auch als Bundeskanzlerin nicht so oft.
Aber dass da Hunderte von Leuten um einen herum sind. Und dass auch noch das Fernsehen live überträgt. Angela Merkel sagt es gleich zu Beginn ihres Gesprächs mit dem Astronauten Thomas Reiter: "Viele neugierige Menschen stehen hier um mich herum und lauschen."
Es ist nicht wirklich ein Gespräch, das in den nächsten sechs, sieben Minuten zustande kommt, und dies liegt nicht an der Übertragungsqualität. Die ist astrein, als sitze der Astronaut Reiter nicht an Bord der Internationalen Raumstation, ISS sondern als werde er hier in Darmstadt für derlei Auftritte bereitgehalten, im Heizungskeller oder so.
Die Bundeskanzlerin sagt: "Vielleicht fangen Sie mal an, indem Sie uns erzählen, was Sie gerade sehen." Reiter erzählt, und Merkel fragt: "Klappen alle Experimente gut?"
Reiter berichtet, welche Experimente er gemacht hat, erzählt von einem Kühlschrank, den sein amerikanischer Kollege installiert hat und in dem sich Proben bei minus 80 Grad Celsius konservieren lassen; eigentlich könnten die beiden jetzt ins Fachsimpeln überwechseln, von Physikerin zu Physiker, sozusagen.
Neu-Isenburg von ganz oben
Aber die Bundeskanzlerin ist in diesem Raum, in dieser Situation nur in der Lage, den Frageautomaten zu geben: "Haben Sie schon Zeit gehabt, ein bisschen Gitarre zu spielen?", will sie wissen, plötzlich, ohne, dass es sich ergeben hätte. Ihr Ton drückt nicht Interesse, sondern Stress aus.
Dann hat sie es überstanden, gibt weiter an den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Der steht wirklich nicht im Ruf, ein Entertainer zu sein. Aber er kommt mit dem Astronauten ins Plaudern, sie reden übers Wetter, über Frankfurt und die Fotos, die Reiter aus dem All vom Vorort Neu-Isenburg, seiner Heimatstadt, gemacht hat.
Es ist dies überhaupt ein Tag, dessen Wahrnehmung durch die Medien in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Bedeutung steht. Angela Merkel reist durch Hessen, das ist einer der Antritts- und Höflichkeitsbesuche, die man als Bundeskanzler(in) in allen Bundesländern zu machen hat.
Wäre ihr Gastgeber an diesem Tag ein Ministerpräsident wie Rüttgers oder Carstensen, wäre wahrscheinlich bloß die Regionalpresse dabei. In Hessen aber heißt der Gastgeber Koch, und über den ist gerade zum wahrscheinlich 783. Mal die Spekulation im Umlauf, dass er demnächst nach Berlin wechseln werde, diesmal als Wirtschaftsminister. Und wäre er dort nicht sogleich der Schattenkanzler, das einzig wirklich starke CDU-Mitglied im Kabinett?
Koch und Merkel unter Beobachtung
Solche Fragen beschäftigen derzeit, erstens, weil Sommerpause ist, und zweitens, weil sich darüber immer gefällig berichten lässt, anders als über so unhandliche Themen wie die Unternehmensteuerreform oder der Kombilohn.
Also gut: Wie geben sich Merkel und Koch gemeinsam, wenn sie von morgens viertel vor zehn bis nachmittags um viertel nach vier unter öffentlicher Beobachtung stehen?
Ob Roland Koch und seine Entourage die Spekulationen sympathisch oder lästig finden, ist eine Frage des Zeitpunkts. Vor zwei Jahren, als er in der CDU nur noch als Querulant galt, waren sie eindeutig lästig.
Jetzt, da er sich seit längerem als überwiegend konstruktiv erwiesen hat, wird zwar Verärgerung darüber vorgegeben, die Genugtuung über das hohe Medieninteresse an dem Tag aber keineswegs verheimlicht.
Kavaliersgesten und halbherzige Bekenntnisse
Ansonsten: Koch massiert der Kanzlerin nicht die Schultern, wie neulich der US-Präsident in St. Petersburg. Aber er rückt ihr den Stuhl zurecht, als sie sich am Morgen ins Gästebuch der Wiesbadener Staatskanzlei einträgt.
Und er macht die Kanzlerin ein bisschen größer, indem er in Darmstadt erklärt, wozu er leider nicht imstande sei, anders als sie: den russischen Kommandanten der Internationalen Raumstation auf Russisch zu begrüßen.
Von solchen Kavaliersgesten abgesehen, gibt Koch in diesen Tagen an, in Wiesbaden bleiben zu wollen; so wie er dies seit Jahren angibt, ohne dass ihm das allzu viele glauben.
Im Frühjahr 2008 ist wieder Landtagswahl; dass die CDU auch danach noch in Wiesbaden mit absoluter Mehrheit regiert, glaubt er nicht - es wäre schon historische Ausnahmesituation genug, wenn die CDU Hessen in der dritten Wahlperiode hintereinander den Ministerpräsidenten stellen könnte.
Wer ihn nach seinem Verhältnis zur Kanzlerin fragt, der erhält die Auskunft, es sei gut; viel mehr als dieses eine Wort ringt er sich dazu aber nicht ab. Die Kanzlerin lobt an diesem Tag zurück, auf eine Art, aus der aber niemand etwas herauslesen kann, der etwas Stoff für aktuelle Spekulationen braucht.
Merkel dankt Koch "für vielfältiges Engagement bei den verschiedenen Gesetzgebungsvorhaben", bei Unternehmensteuer- und Gesundheitsreform. Der begleitet sie an diesem Tag zu allen Fototerminen, auch ins ehemalige Benediktinerkloster nach Seligenstadt und auf den Frankfurter Flughafen, wo die beiden sich in eine Cargo-Maschine liften lassen. Schöne Bilder sind das. Was will er mehr.
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(SZ vom 21.07.2006)
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