Kampf gegen Rechtsextremismus Angriff auf die "Bonzenjäger"

Eine neue Software hilft, indiziertes Liedgut zu identifizieren - von den "Freibeutern" bis zu den "Bonzenjägern".

Nazi-Shazam: Das sächsische LKA hat eine Software entwickelt, mit der sich rechtsextremistische Musik auf CDs und in Online-Radios leichter überprüfen lassen soll. Das Programm könnte den Beamten vor allem Zeit ersparen - unter einer Bedingung.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Das Internet gilt nach den Worten der Kanzlerin als Neuland und da trifft es sich gut, dass das sächsische Landeskriminalamt am Mittwoch in die Neuländer Straße in Dresden geladen hat. Dort wollen Beamte eine Erkennungssoftware für rechtsextreme Musik vorstellen, die schon vor ihrer Marktreife im Netz den schönen Spitznamen "Nazi-Shazam" erhalten hat.

Neben der Zentrale des LKA befindet sich hier im Dresdner Norden auch jene des sächsischen Verfassungsschutzes. Man kann das an den Geheimdienstgesichtern der Mitarbeiter erahnen, die am Eingang durchs Drehkreuz schlüpfen. Gestört wird die fast konspirative Ruhe allein durch eine kleine Gruppe von Journalisten, die etwas aufgekratzt auf Einlass warten, als ginge es hier zum V-Mann-Casting.

Aber dann nennt eine Sprecherin den Konferenzraum als Ziel und dort ballert ein Beamer schon mit kryptischen Kringeln, die vertikal an der Wand herunterlaufen - eine neongrüne Matrix aus chinesischen Schriftzeichen. Der Bildschirmschoner gehört zum Rechner von Marcel Karras, dem Entwickler von "Nazi-Shazam", und wie dieses Programm im Amtsdeutsch bezeichnet wird, das verrät Beamer Nummer zwei. Er schickt die erste Powerpointfolie der Präsentation an die Wand, Thema: "Automatisierte Analyse rechtsextremistischer Musik durch Audio-Fingerprinting".

Bislang mussten sich Beamte einzeln durch die CDs hören

Namen sind Schwall und Rauch, entscheidend ist die Funktionsweise der Entwicklung von Karras und welchen Gewinn sie im Vergleich zur gegenwärtigen Methode des LKA bedeutet. Bislang mussten sich Beamte einzeln durch jede dieser CDs hören, um indiziertes Liedgut zu ermitteln, sie hatten Textzeilen zu identifizieren und diese dann mit DAREX abzugleichen, einer Datenbank innerhalb der Antiterrordatei. Eine mühselige Arbeit ist das und eine fast aussichtslose wird es, will man neben den CDs auch noch die stetig wachsende Zahl von Online-Radios mit rechtsextremistischer Musik überwachen.

Es braucht etwa eine Mannarbeitswoche, um acht Stunden völkischer Musik zu überprüfen. Mit Nazi-Shazam dauert der Abgleich eines Titels nur noch wenige Sekunden. Die Software nimmt alle 200 Millisekunden eine Art Fingerabdruck der Klangfrequenz. Pro Lied kommen etwa 1200 solcher Fingerabdrücke zusammen, sie werden zusammengefasst in einer gerade mal 15 Kilobyte großen Datei.

Die Beamten des LKA können nun Fingerabdrücke von neuen CDs oder aus Livestreams nehmen und diese durch die Datenbank schicken. Ähneln oder gleichen sich Abschnitte eines Frequenzgebirges mit denen eines bereits indizierten Songs, schlägt die Software an. Schlägt sie nicht an, muss das Lied wie bislang üblich individuell abgehört werden.

Deswegen soll die Datenbank zwei Listen enthalten: Eine schwarze Liste für verbotenes Liedgut, und eine weiße für den Persilschein auf dem kurzen Dienstweg. Karras bringt dafür bei der Präsentation am Mittwoch ein schönes Beispiel: Das Lied "Landungsbrücken raus" von Kettcar gehört natürlich auf die weiße Liste, auch wenn der Titel anderes vermuten lassen könnte.