Kampf gegen IS in Syrien und im Irak Terror ohne Grenzen

Die syrische Armee hat die Stadt Maaloula im April von Islamisten zurückerobert.

(Foto: REUTERS)

US-Verteidigungsminister Hagel denkt laut darüber nach, die Terrororganisation IS nicht nur im Irak zu bekämpfen - sondern auch im Nachbarland Syrien. Tatsächlich lässt sich die bestens ausgerüstete und hochmotivierte Miliz nicht stoppen, wenn sie nur in einem Land verfolgt wird.

Von Lilith Volkert

Mit Terrororganisationen kennen sich die USA aus. Doch die radikale IS-Miliz, die im vergangenen Jahr scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht ist, sei "weit mehr" als eine traditionelle "Terrorgruppe", erläutert US-Verteidigungsminister Chuck Hagel nun auf einer Pressekonferenz in Washington. IS sei besser bewaffnet, besser ausgebildet und besser finanziert als alle anderen - und die Bedrohung durch sie "jenseits von allem, was wir gesehen haben".

Die insgesamt 90 Angriffe, die die US-Luftwaffe seit dem 8. August gegen die sunnitischen Dschihadisten im Nordirak geflogen haben, hätten deren "Elan gebremst", sagt Hagel. Und US-Generalstabschef Martin Dempsey erklärt, IS könne nicht besiegt werden, ohne ihre Teile in Syrien ins Kalkül zu ziehen. In Syrien bekämpfen sich seit mehr als drei Jahren regimetreue Truppen und verschiedene Rebellengruppen, darunter auch IS-Anhänger.

Wollen Dempsey und der Vietnamkriegs-Veteran Hagel mit dieser überraschend deutlichen Ansage eine Ausweitung der Luftschläge auf Syrien ankündigen? Und damit indirekt in einen Bürgerkrieg angreifen, in dem bereits mehr als 190 000 Menschen gestorben sind - und in dem der Westen bisher immer zweifelte, ob und wen man mit welchen Mitteln unterstützen sollte? US-Verteidigungsminister Hagel widerspricht dieser Annahme sofort und betont, sich nur alle Optionen offen halten zu wollen.

Tatsächlich ist es schwer vorstellbar, die IS-Miliz im Irak langfristig zu besiegen, ohne sie im Nachbarland Syrien entscheidend zu schwächen. Es ist ihr erklärtes Ziel, ein länderübergreifendes Kalifat mit Irak und Syrien zu errichten. In beiden Ländern kontrolliert IS mittlerweile jeweils ein Drittel des Territoriums, sagte Volker Perthes, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), am Freitag im Deutschlandradio Kultur.

Die Terrororganisation ist zwar als Ableger von al-Qaida im Irak entstanden, hat sich aber in Syrien - unter den Augen und teilweise auch mit Unterstützung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad - zu dem weiterentwickelt, was sie jetzt ist: eine brutale Bande von Steinzeit-Islamisten, die durch zahlreiche Gräueltaten gegenüber Zivilisten von sich reden macht und sich unter anderem durch Lösegelder für entführte Ausländer finanziert.

"Quasi nicht existierende Grenze" zwischen Syrien und dem Irak

Irak und Syrien verbindet eine etwa 600 Kilometer lange Grenze - eine "quasi nicht existierende Grenze", wie Generalstabschef Martin Dempsey auf derselben Pressekonferenz erklärte. Es gibt nur drei offizielle Grenzübergänge, die Gegend ist spärlich besiedelt. Wer die Grenze überquert und was er im Gepäck hat, ist schwer zu kontrollieren. Öffentlichkeitswirksam rissen die IS-Kämpfer Ende Juni eine Grenzbefestigung mit einem Bulldozer nieder.

Im Grenzgebiet liegt auch das größte zusammenhängende Territorium, das die IS-Miliz kontrolliert - und das nicht nur Wüste ist. Zudem haben die Kämpfer die Städte entlang des Euphrats sowie die Gegend nordöstlich von Aleppo an der Grenze zur Türkei in ihre Gewalt gebracht. In diesem Landesteil hat das Regime von Baschar al-Assad seit über zwei Jahren die Kontrolle verloren. Zunächst wurde das Machtvakuum von verschiedenen Rebellengruppen gefüllt, seit 2013 kämpfen die IS-Milizen um die Vorherrschaft in der Region.

Vor allem die am Euphrat gelegene Stadt Rakka gilt als Brutstätte und wichtiges Rückzugsgebiet der Dschihadisten. Seit Tagen versuchen IS-Kämpfer den Militärflughafen al-Tabka einzunehmen, die letzte Bastion des Regimes in der ostsyrischen Provinz. Bei den Kämpfen seien mindestens 30 Kämpfer der Terrormiliz getötet und Dutzende verletzt worden, heißt es am Freitag von der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sollten die IS-Kämpfer den Flughafen erobern, könnten sie die Region unbehelligt beherrschen - und die Zusammenarbeit mit ihren Waffenbrüdern im Irak weiter festigen.