Kampf gegen Gaddafi Libysche Rebellen verlieren an allen Fronten

Ein Rückschlag nach dem anderen: Militärisch kommen die Rebellen nicht voran, in ihrem Übergangsrat kriselt es. Und das libysche Fernsehen zeigt einen Mann, der der angeblich erschossene Gaddafi-Sohn Chamis sein soll.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Die libyschen Aufständischen geraten immer tiefer in die Krise. Während sie an drei festgefahrenen Fronten gleichzeitig Krieg führen, sind sie derzeit auch noch führungslos. Nach dem ungeklärten Mord an ihrem Verteidigungsminister hatte "Rebellen-Präsident" Mustafa Abdel Jalil das Exekutiv-Büro des Nationalen Übergangsrats "wegen mangelhafter Verwaltung" aufgelöst. Premierminister Mahmud Jibril, der seinen Posten behalten durfte, muss nun ein neues Kabinett zusammenstellen. Zudem dementierte das Regime von Staatschef Gaddafi den Tod seines jüngsten Sohnes Chamis.

Chamis ist einer der wichtigsten Militärführer des Regimes. Er soll bei einem Nato-Angriff ums Leben gekommen sein. Das Staatsfernsehen sendete aber Bilder, die angeblich den von den Rebellen für tot erklärten Gaddafi-Sohn zeigen. Die TV-Bilder zeigen einen Offizier, der wie Gaddafis Sohn aussieht und in Tripolis verletzte Soldaten besucht. Die Rebellen hatten den Tod des Befehlshabers einer Eliteeinheit mehrmals verkündet. Die Chamis-Miliz ist eine der am besten ausgerüsteten Einheiten der Gaddafi-Truppen. Sie wurde zeitweise von westlichen Soldaten trainiert.

Die politische Krise im Nationalen Übergangsrat der Aufständischen bleibt währenddessen ungelöst: Der Rat ist die provisorische Rebellen-Regierung. Er wird von zahlreichen Staaten als Vertreter Libyens anerkannt. Ausgelöst hatte die Krise der Mord am Verteidigungsminister der Aufständischen, General Abdul Fattah Junis. Der General war vor zwei Wochen unter ungeklärten Umständen erschossen worden. Die Täter stammen wahrscheinlich aus den Reihen der Rebellen.

Junis war lange Gaddafis Innenminister sowie Kommandeur seiner Spezialeinheiten gewesen. Er war nach Beginn des Aufstandes zu den Aufständischen übergelaufen. Anschließend hatte er begonnen, deren Milizen in einer Armee zusammenzufassen. Bisher hat der Übergangsrat den Tod von Junis nicht aufgeklärt. Nun werden Spannungen zwischen den libyschen Stämmen erkennbar: Junis' Stamm hatte nach dem Mord protestiert. Stämme und Clans haben in Libyen starken Einfluss. Sollten Stammeskonflikte offen ausgetragen werden, wäre die Einheit der Rebellen schnell gefährdet.

Auch militärisch kommen die Rebellen trotz weiterer Nato-Bombardements nicht voran. Widersprüchlich blieben Informationen über einen Nato-Luftangriff bei Slitan, 160 Kilometer östlich von Tripolis. Das Gaddafi-Regime behauptet, es seien 85 Zivilisten getötet worden. Die Nato erklärte hingegen, ihr Ziel sei ein zu einem Armeestützpunkt umfunktionierter Landwirtschaftsbetrieb gewesen. Es gebe keine zivilen Opfer.

Das Regime zeigte ausländischen Journalisten den Hof: Die Trümmer sowie Betten und Schulbücher ließen eine zivile Nutzung vermuten, berichtete die BBC. Den Journalisten wurden die Leichen von 30 jüngeren Männern gezeigt. Unter den Toten seien auch zwei Kinder und zwei Frauen gewesen. Ein verletztes Mädchen sagte dem BBC-Reporter, ihre Mutter und vier weitere Angehörige seien bei dem Angriff getötet worden.

Raketenangriffe der Nato auf einen Regime-Fernsehsender im vergangenen Monat wurden im UN-Sicherheitsrat kritisiert. Mehrere UN-Botschafter forderten, die Nato müsse den Angriff erklären. Das UN-Mandat erlaubt nur Einsätze zum Schutz der Bevölkerung. Die EU weitet unterdessen die Sanktionen gegen das libysche Regime aus. Zwei weitere Unternehmen sollen in die schwarze Liste aufgenommen werden.