Kampagne von Stephen Colbert Satiriker will US-Senator werden

Stephen Colbert (Archivbild): "Wenn ich mir den Senat anschaue, dann braucht es dort unbedingt noch einen weißen Kerl mehr."

(Foto: REUTERS)

In seiner Show kommentiert er den Polit-Irrsinn, mit einer eigenen Lobbygruppe hat der US-Satiriker die absurden Regeln der Wahlkampffinanzierung offengelegt. Nun will Stephen Colbert mit der Hilfe seiner Fans in die Politik einsteigen. Sein Argument: Der Senat braucht dringend noch mehr weiße Männer.

Von Matthias Kolb, Washington

Es war eine Nachricht, die alle in Washington überraschte: Jim DeMint, Tea-Party-Ikone aus South Carolina, wird im Januar den Senat verlassen, um die konservative Heritage Foundation zu leiten. Er werde nun als Chef des einflussreichen Think Tanks mit einem Budget von 80 Millionen Dollar "im Wettstreit der Ideen" für konservative Werte eintreten, erklärte DeMint Ende vergangener Woche.

Nun kann die republikanische Gouverneurin Nikki Haley bestimmen, wer South Carolina bis 2014 im Senat vertreten wird, da die Verfassung des früheren Sklavenhalterstaats in solchen Fällen keine sofortige Neuwahl vorsieht.

TV-Satiriker Stephen Colbert, dessen legendärer "Colbert-Report" die perfekte Parodie konservativer Nachrichtensendungen ist, hat da wie andere Fernsehexperten schon ein Profil im Sinn: Jung müsse er sein, überlegte er vor wenigen Tagen in seiner Show. Natürlich konservativ. In South Carolina sollte er aufgewachsen sein. Und am besten über einen offiziell unabhängigen Wahlvereinein, ein "Super-Pac", verfügen.

Während Colbert diese Fakten aufzählte, kam sein rechter Zeigefinger dem eigenen Gesicht immer näher. "Wenn ich mir den Senat anschaue, dann braucht es dort unbedingt noch einen weißen Kerl mehr", verkündete der 48-Jährige dem jubelnden Studiopublikum.

Colbert als Senator? In einer Zeit, wo die Republikaner nach der Niederlage von Mitt Romney um einen Kurs ringen, der die Partei attraktiver für Frauen und Minderheiten machen könnte, und es als Fortschritt gilt, dass bald 20 von 100 Senatoren weiblich sind, ist Colberts ironische Kandidatur ein Geschenk für die US-Medien, die sofort berichten, spekulieren und kommentieren.

"Sind wir bereit für Senator Colbert?", fragt das Boulevardblatt New York Post, während etwa The Atlantic ("Colbert ist überqualifiziert") und NBC News ("Colbert ist nicht so verrückt wie DeMint") gewisse Zweifel äußern.

Die Fans des Satirikers dagegen glauben einhellig an den Mann, der in seiner Sendung in die Rolle eines konservativen Talskmasters schlüpft: Mehr als 12.000 Menschen twitterten an Gouvernerin Haley (Colbert: "eine Freundin unserer Sendung"), um für Colbert zu werben. Es gibt bereits eigene Websites und es wurden weitere Twitter-Accounts wie @ColbertForSC eingerichtet.

Die laufende Kampagne, die Colbert natürlich in dieser Woche in seiner Show voran treibt, erinnert an eine Aktion aus dem vergangenen Winter. Colbert hatte einen offiziell unabhängigen Wahlverein, ein "Super-Pac", gegründet, der ihm bei seiner Präsidentschaftskandidatur helfen sollte. Als Chef setzte er den Satiriker-Kollegen Jon Stewart ein, Gemeinsam mit dem Anwalt Trevis Potter machten Stewart und Colbert vielen Zuschauern erstmals bewusst, wie lückenhaft die Beschränkungen für reiche Spender sind, an der Grenze zur Illegalität Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Kurz vor der Vorwahl der Republikaner in South Carolina hielt Colbert Mitte Januar eine große Kundgebung an der Seite des schrillen Pizza-Königs Herman Cain ab. Obwohl er es damals nicht schaffte, seinen Namen auf den Wahlzettel setzen zu lassen, lag er in Meinungsumfragen vor echten Kandidaten wie Jon Huntsman.

Auch dieses Mal erfreut sich Colbert großer Beliebtheit bei den Wählern: Am Montag meldeten die Demoskopen vom Public Policy Polling, dass der Satiriker in ihrer Erhebung zur DeMint-Nachfolge vorne liegt: Jeder fünfte Befragte wünsche sich Colbert als neuen Senator für South Carolina (zum pdf der Umfrage).

Und was sagt die Frau, in deren Händen die Zukunft von Senator Colbert liegt? Nikki Haley hat erklärt, sie wolle selbst nicht nach Washington gehen und werde einen Kandidaten auswählen, der sich langfristig für die Interessen von South Carolina einsetzen werde.

Auf ihrer Facebook-Seite hinterließ sie eine Botschaft an Stephen Colbert, in der sie sich für "das Interesse und die Tausenden Tweets" bedankte. Aber sie könne ihn "wegen eines großen Fehlers" leider nicht ernennen: Colbert habe bei ihrem Auftritt in der Show im April nicht gewusst, dass Milch das offizielle Getränk South Carolinas sei.

Der Satiriker gibt sich allerdings nicht geschlagen und umschwärmt die indischstämmige Haley: Sie sei weise wie Salomon, mutig wie Abraham Lincoln, habe "Eier wie Margaret Thatcher" und sei dabei "viel heißer" als die Britin. Sein wichtigstes Argument ist allerdings: Haley habe bei ihrem Besuch in seiner Show nicht gewusst, dass der Breitkopfsalamander die offizielle Amphibie South Carolinas sei.

Deshalb sollen seine Fans nun weiter Tweets mit dem neuen Thema #spottedsalamander an Haley schicken. Dass Colbert beabsichtig, noch länger seine Späße zu treiben, ist abzusehen: Er lädt die Gouverneurin erneut in sein New Yorker Studio ein, um ihm ihre Entscheidung ins Gesicht zu sagen.

Der Autor twittert unter @matikolb.

Linktipp: Im Januar erschien im New York Times Magazine ein ausführliches Porträt über die vielen Facetten des Stephen Colbert.