Kämpfer des Islamischen Staats im Norden Iraks Teuflische Taktik gegen religiöse Minderheiten

Jesiden auf der Flucht vor den Kämpfern des Islamischen Staats

(Foto: AP)

Wo die bärtigen Kämpfer des Islamischen Staats mit Waffengewalt vordringen, verbreiten sie Angst und Schrecken. Andersgläubige stellen sie vor die Wahl: Exodus, sofortiger Übertritt zum Islam - oder Tod. Zehntausende Menschen ergreifen im Nordirak die Flucht.

Von Rudolph Chimelli

Das Muster ist immer dasselbe. Überall, wo die bärtigen Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats (IS) mit Waffengewalt vordringen, verbreiten sie Angst und Schrecken unter denen, die sie als Andersgläubige, als Ketzer und Gottesleugner mit Tod und Vertreibung bedrohen. Ihre jüngsten Opfer: die religiöse Minderheit der Jesiden. Die ist nach dem überraschenden Vorstoß des IS am Wochenende im Norden des Irak in ihrem wichtigsten Siedlungsgebiet schwer bedroht. Nachdem Streitkräfte der radikal islamistischen Bewegung (früher als Isis bekannt, Arabisch: Daesch) die Stadt Sindschar und zwei weitere Orte eingenommen hatten, haben sich bereits schätzungsweise 40 000 Jesiden in überstürzter Flucht in Gebiete des autonomen Kurdistan gerettet.

Der UN-Vertreter in Bagdad, Nikolai Mladenow, spricht sogar von 200 000 Zivilisten auf der Flucht. Die Jesiden werden, wenn sie Glück haben, wie Christen, Schiiten und sonstige Andersgläubige von den extremistischen Sunniten vor die Wahl zwischen augenblicklicher Flucht, dem sofortigen Übertritt zum Islam oder der Todesstrafe gestellt. Die Bevölkerung von Sindschar war im Juli bereits durch eine Flüchtlingswelle aus Tel Afar angeschwollen, das die IS-Einheiten zuvor eingenommen hatten.

Die irakischen Jesiden, die überwiegend Kurdisch sprechen, sind vom orthodoxen Islam immer als Ketzer verfolgt worden. Die Araber nennen sie abschätzig "Teufelsanbeter". In ihrem Glauben vereinen sie Elemente des Islam mit Ideen aus altpersischen Religionen. Selbst nennen sie sich "Esidi", was wahrscheinlich von dem altpersischen Wort für Gott abzuleiten ist. Mit dem islamischen Omaijaden-Kalifen Jasid, auf den ihr Bekenntnis oft zurückgeführt wurde, haben sie indessen nichts zu tun.

Weltweit dürfte es etwa 800 000 Jesiden geben. Schätzungsweise eine Viertelmillion lebt im Irak, mit einer Diaspora in Syrien, Iran und Armenien. Ihr wichtigstes Auswanderungsland im Westen ist Deutschland. Dort leben inzwischen 60 000 Jesiden. Die in Celle geborene Jesidin Feleknas Uca saß von 1999 bis 2009 als Abgeordnete für die Linken im Europaparlament.

Sofort nach der Einnahme von Sindschar sprengten die IS-Kämpfer wie in anderen eroberten Städten ein schiitisches Grab-Heiligtum in die Luft. Unbestätigte Berichte sprechen von der Hinrichtung von Gefangenen und Einwohnern, die sich widersetzten. Über den öffentlichen Gebäuden der Stadt wurde die schwarze IS-Fahne gehisst.

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1000 Kilometer Grenze, unmöglich zu sichern

Sindschar und das umliegende Gebiet war bisher von Peschmerga, den Truppen des autonomen Kurdistan, gehalten worden. Das Haupt-Interesse der kurdischen Regierung in Erbil gilt jedoch der Sicherung von Kirkuk und seines Erdölgebiets. Dort hatten die Peschmerga sofort nach der Einnahme von Mossul durch den IS und dessen weiterem Vordringen die Kontrolle übernommen. Die Grenze zwischen dem vom Islamischen Staat beanspruchten Gebiet und der Kurden-Region ist heute beinahe 1000 Kilometer lang. Sie kann von den Peschmerga unmöglich in voller Länge gesichert werden.

Wegen Streitigkeiten zwischen der Zentralregierung und dem Kurden-Regime in Erbil werden die Peschmerga zudem von Bagdad nur noch ungenügend mit Geld und Material versorgt. Am Sonntag, so heißt es, sei ihnen schlicht die Munition ausgegangen.

Nach der Eroberung von Mossul waren die Extremisten zunächst im sunnitischen Kernland des Irak, wo die Unzufriedenheit mit dem Schiiten-Regime in Bagdad verbreitet ist, nach Süden vorgerückt. Die Stoßrichtung wies Richtung Bagdad. Sie kamen aber vor Samara, etwa 120 Kilometer nördlich der Hauptstadt, zum Stehen. Die von den Extremisten angekündigte Zerstörung des schiitischen Heiligtums in Samara konnte die Regierung von Premierminister Maliki nicht hinnehmen. Er mobilisierte mithilfe des schiitischen Klerus Bürger-Milizen.

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Diese wiederum wurden von Spezialisten der iranischen Revolutionswächter unterstützt, die ihre Erfahrungen im syrischen Bürgerkrieg nutzten. Stoßtrupps des Islamischen Staats näherten sich während der vergangenen Wochen mehrmals Bagdad, konnten jedoch nie in die Hauptstadt eindringen. Auch der Weg zu den heiligen Städten der Schiiten im Süden des Irak, Nadschaf und Kerbela, blieb ihnen versperrt.

In dieser Situation lag für die IS-Führung mit ihrem selbsternannten Kalifen die strategische Alternative einer Offensive von Mossul in Richtung Westen nahe. Dort liegen die am Wochenende eingenommenen Orte. Und dass sie dabei auch noch Menschen vertreiben, die in ihren Augen Ketzer sind, mag sie in ihrem Vorhaben nur bestärkt haben.