Kämpfe in der Ostukraine Russland verstärkt Truppen im Grenzgebiet

Ihre Zahl war zuletzt auf eintausend gesunken. Doch nun wirft die Nato Russland vor, die Truppen im ukrainischen Grenzgebiet wieder aufzustocken. Gleichzeitig wird in der Region Lugansk ein Militärflugzeug abgeschossen - auch hier soll Russland seine Finger im Spiel haben.

  • Nato wirft Russland vor, die eigenen Truppen im Grenzgebiet wieder verstärkt zu haben.
  • Ukraine-Kontaktgruppe plant Gespräche mit ostukrainischen Separatisten.
  • In der Region Lugansk wurde ein ukrainisches Militärflugzeug abgeschossen.
  • Der ukrainische Präsident Poroschenko wirft Russland eine direkte Beteiligung an den Gefechten in der Ostukraine sowie den Einsatz eines neuen Raketensystems vor.

Angeblich bis zu 12.000 russische Soldaten im Grenzgebiet

Die Nato hat Russland vorgeworfen, wieder seine Truppen an der Grenze zur Ukraine zu verstärken. "Seit Mitte Juni sehen wir Hinweise auf eine schrittweise Ansammlung tausender Soldaten nahe der ukrainischen Grenze", erklärte eine Nato-Vertreterin. Demnach befinden sich nach Erkenntnissen der Nato derzeit zwischen 10.000 und 12.000 russische Soldaten in der Region, nachdem die Zahl zuvor nach entsprechenden Forderungen des Auslands bereits auf eintausend gesunken war. "Wir fordern Russland dringend auf, seine Truppen von der Grenze zur Ukraine abzuziehen, die Unterstützung für bewaffnete pro-russische Separatisten einzustellen und den Zufluss von Kämpfern, Geld und Waffen in die Ukraine zu stoppen", sagte die Nato-Vertreterin. "Das ist höchst destabilisierend und muss aufhören."

Kontaktgruppe will mit Separatisten konferieren

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) beriet unterdessen mit seinem französischen Kollegen Laurent Fabius, dem ukrainischen Ressortchef Pawlo Klimkin und dem Leiter des russischen Präsidialamts Sergej Iwanow. In der Telefonkonferenz bekräftigten laut dem Auswärtigen Amt alle Seiten ihre Unterstützung für die sogenannte Berliner Erklärung vom 2. Juli. Diese sieht insbesondere einen beidseitigen Waffenstillstand vor. In diesem Sinne habe Russland zugesagt, "seinen Einfluss auf die Separatisten geltend zu machen", teilte das Auswärtige Amt mit. Spätestens an diesem Dienstag sollen Gespräche zwischen der ukrainischen Regierung und den prorussischen Separatisten im Osten des Landes beginnen, teilte Steinmeier am Rande seiner Nahost-Reise in Jordanien mit.

Ukrainisches Militärflugzeug über Ostukraine abgeschossen

Im Osten der Ukraine ist ein Militärflugzeug abgeschossen worden. Die beiden Besatzungsmitglieder an Bord der Antonow An-26 hätten sich per Schleudersitz retten können, sagte Verteidigungsminister Waleri Geletej in Kiew. Er machte indirekt Russland für den Abschuss mitverantwortlich. "Die Maschine wurde von einer starken Rakete getroffen, die wahrscheinlich von russischem Territorium aus abgefeuert wurde", sagte Geletej. Das Flugzeug sei zum Zeitpunkt des Zwischenfalls in 6500 Meter Höhe geflogen, was zu hoch sei für die Waffen der moskautreuen Separatisten in der Ostukraine.

Poroschenko: Russische Offiziere kämpfen in der Ukraine

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wirft Russland eine direkte Beteiligung an den Gefechten im Osten seines Landes vor. Offiziere der russischen Armee kämpften auf Seiten der Separatisten auf ukrainischem Territorium, teilt Poroschenko auf seiner Internetseite mit. Außerdem sei in den vergangenen drei Tagen ein neues russisches Raketensystem gegen die ukrainische Armee eingesetzt worden.

Die Regierungstruppen durchbrachen nach eigenen Angaben die Blockade des Flughafens von Lugansk. Kampfflugzeuge hätten den Separatisten dabei schwere Verluste zugefügt. Auch ein Konvoi bewaffneter Fahrzeuge sei beschossen worden, der nach Darstellung der ukrainischen Regierung von Russland aus die Grenze überquert hatte. Das Präsidialamt in Kiew erklärte, es werde ausländischen Diplomaten Beweise dafür vorlegen, dass Militärtechnik von Russland aus zu den Separatisten gebracht worden sei.

Die Rebellen sagten der Nachrichtenagentur Interfax, 30 ihrer Kämpfer seien beim Beschuss der Ortschaft Alexandriwka im Osten von Lugansk ums Leben gekommen. Die Richtigkeit der Angaben kann nicht unmittelbar überprüft werden. In den vergangenen Wochen haben beide Seiten Propagandameldungen lanciert, um den Gegner zu diskreditieren und die eigene Position in einem besseren Licht darzustellen.

Auswärtiges Amt spricht von "brandgefährlicher" Lage

Das Auswärtige Amt hat angesichts der Gefechte mit Dutzenden Toten in der Ostukraine seine Forderungen nach einem Dialog der Konfliktparteien erneuert. Die Ereignisse am Wochenende zeigten, "wie brandgefährlich die Situation in der Ukraine ist", sagte eine Ministeriumssprecherin in Berlin. "Wir rufen alle Seiten dazu auf, in dieser brenzligen Lage alles zu tun, damit die Situation nicht völlig außer Kontrolle gerät."

Nach Angaben der Bundesregierung befürwortet auch Russlands Staatschef Wladimir Putin einen solchen Dialog. Putin hatte sich am Sonntag am Rande des WM-Endspiels in Rio de Janeiro mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) getroffen. Beide seien sich einig gewesen, dass "möglichst bald direkte Gespräche zwischen der ukrainischen Regierung und den Separatisten in Form einer Videokonferenz aufgenommen werden sollen", teilte Regierungssprecher Steffen Seibert anschließend mit.

Reuters meldet hingegen unter Berufung auf einen Bericht der Zeitung Kommersant, Moskau erwäge militärische Gegenschläge, nachdem ein russischer Staatsbürger in einem Grenzort auf russischer Seite durch ukrainische Geschosse getötet worden war. Die Ukraine bestreitet, dass ihre Soldaten geschossen hätten.

Hintergrund: Lage in der Ostukraine

Die ukrainische Armee versucht seit der Einnahme der Rebellenhochburg Slawjansk auch die strategisch bedeutsamen Großstädte Donezk und Lugansk einzukesseln, um die Aufständischen von dort zu vertreiben. Am Wochenende lieferten sich beide Seiten erneut schwere Kämpfe. Die Regierung teilte mit, ihre Streitkräfte hätten 1000 Separatisten getötet. Die Rebellen sagten demgegenüber, sie hätten keine großen Verluste erlitten.