Von Martin Kotynek

Gutgemeintes Käfigverbot mit fatalen Folgen: Weil hierzulande die Eier knapp werden, kaufen viele Deutsche importierte Produkte aus Käfighaltung - ohne es zu wissen.

Die Deutschen essen immer mehr Eier, deutsche Hennen kommen mit dem Legen kaum noch hinterher. Deshalb werden schon seit Jahren Unmengen Eier aus dem Ausland importiert; im vergangenen Jahr waren es immerhin zehn Milliarden.

Bild vergrößern

(© Foto: dpa)

Anzeige

Der Grund ist eine tierschützerische Wohltat aus Berlin, deren positiver Effekt sich allerdings derzeit ins Gegenteil verkehrt: Bis vor kurzem war der Lebensraum der deutschen Hühner meist nicht größer als ein DIN-A4-Blatt, dicht gedrängt und über mehrere Stockwerke gestapelt fristeten die Tiere in Käfigen ihr Dasein für die Eierproduktion.

Seit Anfang des Jahres aber ist damit Schluss, Hennen dürfen in Deutschland nicht mehr in konventionellen Käfigen gehalten werden. Die Folge: Weniger deutsche Eier von glücklichen Hühnern, mehr Importware von - möglicherweise - unglücklichen Hühnern.

Denn seit der gutgemeinten Reform steht der Betrieb auf vielen Höfen still: Weil sich die Bauern auf die strengeren Regeln vorbereiten mussten, brach die Eierproduktion im Inland schon vor einem halben Jahr ein. Deutsche Hennen haben 2009 nach Schätzungen des Branchendienstes MEG zwei Milliarden weniger Eier gelegt als 2008.

Bis vor kurzem hielten die Bauern noch 60 Prozent der Legehennen in Käfigen; bis zum Jahreswechsel mussten sie ihre Ställe nun auf eine artgerechtere Haltung umbauen. Die meisten entschieden sich für die Bodenhaltung.

Doch während der Umstellung sind die Ställe leer, die Betriebe liefern keine Eier. Einigen Bauern war die Umstellung zu teuer, andere hatten ihre Anträge bei der Baubehörde nicht rechtzeitig gestellt und mussten ihre Produktion schließen - das deutsche Ei wird knapp. Und nach Ansicht des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft wird sich das in diesem Jahr auch nicht ändern.

Doch wegen des großen Appetits der Deutschen auf das Ei - im vergangenen Jahr verspeiste jeder Deutsche im Durchschnitt 214 Stück - müssen die Eierproduzenten für Nachschub sorgen. Und den holen sie sich vermehrt aus dem Ausland.

Mittlerweile kommt schon fast jedes zweite Ei von jenseits der Grenze. Viele davon kommen aus Käfighaltung, klagt der Bauernverband, denn außer in Deutschland, Österreich und Schweden bleibt die konventionelle Käfighaltung in der EU bis Ende 2011 erlaubt.

Eigentlich wollte der Gesetzgeber ja Schluss machen mit den Eiern aus Legebatterien. Aber zum Beispiel die Niederländer erschweren die Umsetzung dieses Plans: Im vergangenen Jahr lieferten sie etwa 4,9 Milliarden Eier und damit eine Milliarde mehr als 2008. Aber knapp 44 Prozent der niederländischen Legehennen leben in Käfigen - und auch ihre Eier gelangen nun vermehrt nach Deutschland.

Das Problem für die Hühnerfreunde unter den Verbrauchern: Auf den ersten Blick erkennen sie die Herkunft nicht. Nur, weil auf dem Karton zum Beispiel DE für Deutschland aufgedruckt ist, können sie sich trotzdem nicht darauf verlassen, dass keine Käfigeier darin stecken - die kommen dann eben aus dem Ausland.

Denn wenn deutsche Produzenten etwa niederländische Eier kaufen, dürfen sie gleichwohl ihr deutsches Etikett auf die Verpackung kleben. Konsumenten sollten sich daher nicht täuschen lassen, warnen Verbraucherschützer. Wer ein Freund glücklicher holländischer Hühner aus Freilandhaltung ist, der muss also in den Karton und direkt aufs Ei schauen. Ist dort 1-NL aufgestempelt, dann ist alles gut.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 12.02.2010/liv)