Nächste Runde im Vertriebenen-Streit: Präsident Kaczynski äußert sich zu Vertreibungen - Steinbach nennt ihren Verzicht derweil einen "Pyrrhussieg" für Polen.
Auch nach dem Verzicht der Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach auf einen Beiratssitz im Zentrum gegen Vertreibungen knirscht es im deutsch-polnischen Verhältnis.
Polens Präsident Lech Kaczynski (© Foto: AP)
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Polens Präsident Lech Kaczynski sagte bei einem Besuch in Kattowitz in Oberschlesien, er sei trotz des Rückzugs von Steinbach weiterhin "sehr skeptisch".
Auch 64 Jahre nach Kriegsende sollten "fundamentale Bewertungen" der Vergangenheit nicht geändert werden. Deutschland habe enorme Verluste erlitten, viele Millionen Soldaten und Zivilisten seien umgekommen. "Das ist selbstverständlich ein tragisches Ereignis, doch man muss immer daran erinnern, wer diesen Krieg begonnen hat", sagte Kaczynski weiter.
Vor Journalisten bezeichnete Kaczynski die Vertreibung der Deutschen als "nach den heute geltenden Menschenrechts-Normen inakzeptabel." Damals sei allerdings diese Maßnahme "politisch notwendig" gewesen und stellte eine Kriegsfolge dar. Dieser Krieg habe Polen "unvorstellbare Verluste" gebracht.
Der Bund der Vertriebenen (BdV) hatte zuvor auf die Nominierung seiner Präsidentin Erika Steinbach für den Stiftungsrat des Zentrums gegen Vertreibung verzichtet. Er reagierte damit auf anhaltende Proteste aus Polen und Widerstand aus der SPD.
Man wolle die Blockade auflösen und keinen Vorwand liefern, die Stiftung zu verhindern, erklärte der BdV. Deshalb habe das Präsidium Steinbachs Angebot zum Verzicht akzeptiert.
Steinbach: Ich habe gerne losgelassen
Im April soll das Bundeskabinett die Personalien der 13 Sitze des Beirats billigen. Einer der Sitze bleibt nun frei, nachdem der BdV nur für zwei der ihm zustehenden drei Plätze Vorschläge gemacht hat. Das Zentrum selbst, früher "Sichtbares Zeichen" genannt, könnte damit 2013 eröffnet werden.
Steinbach selbst erklärte, sie hoffe nun auf eine zügige Umsetzung der Pläne für die Gedenkstätte, "damit die ältere Generation der Vertriebenen noch erleben kann, dass ihr Schicksal nicht vergessen wird".
Sie habe "gern losgelassen", sagte die CDU-Abgeordnete der Bild-Zeitung. Für Polen bedeute ihr Verzicht auf den Platz im Stiftungsrat "lediglich einen Pyrrhussieg: Polen verspielt damit seine Reputation", fügte Steinbach hinzu.
"Ich respektiere die Entscheidung des Bundes der Vertriebenen", sagte Steinbachs CDU-Parteifreundin und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. So sei man der Umsetzung der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" ein Stück näher gekommen.
"Damit ist die Möglichkeit eröffnet, das Gedenken an das Unrecht der Vertreibungen nicht nur dem Bund der Vertriebenen, sondern allen Menschen zugänglich zu machen."
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(dpa/AP/odg)
Müll an der Isar
Was die Forschungsszene anbelangt, so habe ich da meine Vorbehalte: und nicht nur mit Blick auf die politische Geschichte, sondern auch auf andere Gebiete der Geisteswissenschaften. Aber ich will mich nur auf die politische Geschichte beschränken: Es mag ja sein, dass sich die Dinge in den letzten Jahrzehnten verbessert haben. Das konzidiere ich Ihnen gerne, ich habe mich seit längerem nicht mehr damit konkret auseinandergesetzt. Freilich war es bis in die späten 80-er hinein schlicht nicht möglich über deutsch-polnische Geschichte sinnvoll zu arbeiten. Alleine die Streitereien über Ortsnamen waren unendlich und geradezu lachhaft.
Und es gab dort auch von deutscher Seite - insbesondere bei den Historikern der Neueren und der Zeit-Geschichte - eine Liebedienerei gegenüber der polnisch-kommunistischen Seite, die einem den Atem verschlug. Die Ignoranz gegenüber den Mittelalter-Historikern und denen der frühen Neuzeit führte dazu, dass historische Erkenntnisse über die Ostsiedlung, über die Geschichte Schleßiens, Ostpreusens, Pommerns usw. weithin ignoriert wurden.
Manesse:
Bartoszewski war einer der ersten, die in der polnischen Debatte den Anteil Schuld der Polen nach 1945 thematisierten...
Die Notwendigkeit zur Integrationsförderung für Vertriebene nach dem 2.WK streite ich keinesfalls ab. Wobei die nicht nur von BdV et al. betrieben wurde.
Dass sich nach 1945 entsprechende Organisationen bildeten, ist nur zu nachvollziehbar. Dass diese für sehr lange Zeit den Nachkriegs-Status-Quo (Oder-Neiße) einfach nicht anerkennen wollten, ist zumindest nicht verwunderlich.
Die Integration in Westdeutschland entlastet den BdV freilich nicht um ein Bisschen, was das deutsch-polnische Verhältnis angeht.
Und was Ihre Vertretungsthese angeht, bestreite ich die weiterhin vehement. Um es mal zu illustrieren:
Ich kenne eine Menge 'Vertriebenenliteratur' und -publizistik, die schon seit den 1960ern deutlich versöhnender wirkten als der BdV und die Landsmannschaften.
Eine die ich als erste dabei nenne, ist Marion Gräfin Dönhoff. Sie war schon lange, lange sehr distanziert von jenen Org.s und hat auch schon seit Ende der 1960er sehr programmatisch diesen Org.s diametral entgegengesetzt argumentiert.
Ich kann Ihnen noch andere Namen nennen, Liberale aus dem ostpreussischen Adel, also selbst Vertriebene, aber auch tief bewusst um die Verbrechen des N.S, die schon sehr früh weit von den Vertriebenenorg.s entfernt waren (da gibt es die Lehndorfs, andere christliche Widerständler, u.s.w.).
An denen konnte man sich sehr gut orientieren. Und sehen, wie es weniger revanchistisch als mit dem BdV geht.
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Zu Ihrer Polen-Analyse:
Ich nannte doch schon die unterschiedlichen Strömungen.
Und dass die rechtsaußen und -populistischen Strömungen in Polen ein fragwürdiges Geschichtsbild haben, steht außer Frage. Auch dass jahrzehntelang eine offiziöse Lesart der Geschichte vieles einfach negierte.
Ein springendes Wörtchen passt aber nicht in Ihrer Argumentation: 'Forschung' ist in Polen genauso frei und vielfältig wie in D.
(Tip: Gucken Sie mal in der Wissenschaftsszene, z.B. beim Dt. Historischen Institut in Warschau nach, online, und nach deren Kooperationen mit polnischen Instituten).
Bis in die 60er haben sich beide Seiten nur wenig gegeben, was ihr Geschichtsbild angeht. Das deutsche Bild zur Geschichte vom Mittelalter bis in's 20.Jh sah hauptsächlich einen unterentwickelten Osten und ein fortgeschrittenes D. In Polen wurde so ziemlich alles polonisiert, was aufgefunden wurde.
Im populären Bereich, auch durch Defizite im Schulunterricht, sind ähnliche Bilder immer noch verhaftet, jedoch muss
Der reaktionäre Teil unter den Polen hat gegenüber den Vertriebenen ein schlechtes Gewissen. Deshalb schlagen die Bartoszewskis usw. wild um sich und versuchen zu verhindern, dass auch die unrühmlichen Aspekte der polnischen Nachkriegsgeschichte zum Vorschein kommen. Vielleicht sind ja auch einige dieser Leute tatkräftig in die Vertreibungen verwickelt gewesen? Vielleicht ist es ja so, dass sich der eine oder der andere der Herren plötzlich vor Gericht sähe, weil Mord nicht verjährt? Vielleicht rührt daher die ganze Aufregung in Polen?
Mein Gegenargument ist, es gibt auch viele Arbeitnehmer, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, gleichwohl von den Dingen profitiren, die von den gewerkschaftlich organisierten Leuten durchgesetzt werden.
So war das auch mit dem BdV in der Vergangenheit. Die Auseinandersetzungen um Lastenausgleich, Integration, um die Anerkenntnis des endgültigen Heimatverlusts, um die Anerkennung der Grenzen usw. sind geführt.
Jetzt geht es lediglich um einen einzigen Sachverhalt. Will die deutsche Gesellschaft es reaktionären polnischen Nationalisten gestatten, dass diese den vertriebenen Deutschen verbieten, sich ihres Herkommens zu erinnern? Wollen wir den Polen ein Meinungsdiktat zugestehen, wonach nur rechts der Oder eine Deutungshoheit über die damaligen Vorgänge besteht? So sieht eine pluralistische europäische Gesellschaft nicht aus. Es werden sich Polen und Vertriebene damit abzufinden haben, dass es verschiedene Auffassungen über die Vertreibungen gibt. Es braucht keinen Konsens in der Aufarbeitung dieser Geschichte, es reicht völlig die Toleranz. Hier aber hat die polnische Seite einen eklatanten Nachholbedarf, wie man an der Art und Weise wie sich bspw. dieser Bartoszewski geriert, erkennen kann.
Ich bin mir sicher, dass in Deutschland über solche Sachverhalte wie die Vertreibung freier geforscht werden kann als in Polen. Denn dort ist die Gesellschaft offensichtlich nicht bereit, ihre alles andere ruhmvolle Nachkriegsgeschichte (die neben der Vertreibung der Deutschen auch Pogrome gegen Juden beinhaltet) kritisch aufzubereiten. Und es ist übrigens völlig richtig, wie in dieser Diskussionsrunde bereits angesprochen wurde, dass sich die polnische Seite gleichfalls darum drückt, die Zeit zwischen den Weltkriegen und das Pilsudski-Regime kritisch zu hinterfragen.
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