Obwohl die Steuerquellen des Staates sprudeln wie nie zuvor, sind die Zahlen desaströs: Allein der Bund schuldet Bürgern und Banken 940 Milliarden Euro. Trotzdem will Finanzminister Steinbrück im kommenden Jahr zehn Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen.
In der Politik, hat der verstorbene französische Schriftsteller André Malraux einmal gesagt, ist es wie in der Grammatik: Ein Fehler, den alle begehen, wird am Ende als Regel anerkannt.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hält zwar das Ende der Schuldenpolitik für ein wichtiges Projekt der Großen Koalition. Doch er treibt er es nur mit gebremster Kraft voran. (© Foto: dpa)
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Wie richtig dieser Satz ist, zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in der Haushaltspolitik. Als Bund und Länder in den 60er Jahren damit begannen, einen immer größeren Teil ihrer Budgets über Kredite zu finanzieren, löste das noch heftige Grundsatzdebatten aus. 30 Jahre später war das Wort "Nettokreditaufnahme" beinahe schon Allgemeingut. Entsprechend desaströs sind heute die Zahlen. Allein der Bund schuldet Bürgern und Banken 940 Milliarden Euro.
Es ist vor allem den Grünen zu verdanken, dass über solche Zahlen immerhin wieder diskutiert wird. Sie brachten den Gedanken der Nachhaltigkeit in die Politik ein, der sich zunächst im Umweltschutz etablierte, mittlerweile aber auch die Finanzpolitik erreicht hat.
Selbst Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück halten das Ende der Schuldenpolitik heute für eines der wenigen, vielleicht das einzige sinnstiftende Projekt der Großen Koalition. Viele sprechen bereits von einem Mentalitätswechsel, der nicht mehr umkehrbar sei.
Umso schleierhafter ist, warum Merkel und Steinbrück ihrem Ziel nur mit gebremster Kraft entgegenstreben. Seit die große Koalition 2005 ins Amt kam - die Koinzidenz ist Zufall - sprudeln die Steuerquellen des Staates wie nie zuvor.
Vergleicht man die jüngste Steuerschätzung mit der letzten unter Rot-Grün, dann wird der Bund allein 2009 fast 40 Milliarden Euro mehr zur Verfügung haben als damals gedacht. In der Summe der Jahre 2005 bis 2009 belaufen sich die Mehreinnahmen gar auf 120 Milliarden Euro. Dennoch will Steinbrück im kommenden Jahr weitere zehn Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen, erst 2011 soll damit Schluss sein.
Milliardenbetrag, der künftige Generationen belastet
Der Grund für die Zögerlichkeit ist simpel: Noch mehr als der Wille zur Haushaltssanierung eint Union und SPD die Sorge, die Bürger könnten sich von ihnen abwenden.
Deshalb wird ein Teil der Steuermehreinnahmen einfach unters Volk gebracht. Rentenerhöhung, Krankenkassenzuschuss, Wohngeld, Elterngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, - für sich genommen sind viele dieser Projekte sinnvoll, andere zumindest erklärbar. In der Summe aber kosten sie einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag, der künftige Generationen belasten wird.
Manche Ökonomen argumentieren, dass ein Teil der Mehrausgaben diesen Generationen zugutekommen wird und dass man Letztere deshalb auch an den Zinszahlungen beteiligen könne. Sie unterschlagen jedoch, dass das Maß voll ist: Schon heute weiß niemand, wie die Kinder und Enkel die Schulden ihrer Eltern und Großeltern abstottern sollen.
Umso wichtiger wäre es, vor der Erfindung neuer Ausgabenprogramme die bestehenden zu durchforsten. Beispiel Familienpolitik: Bis heute hat die Regierung ihr Versprechen nicht eingelöst, die jährlichen Leistungen des Staates von 180 Milliarden Euro daraufhin zu untersuchen, ob das Geld wirklich sinnvoll eingesetzt wird. Stattdessen kündigt die Koalition eine Kindergelderhöhung an.
Da das Geld dafür fehlt, entsteht die paradoxe Situation, dass die Beschenkten die milde Gabe einst werden zurückzahlen müssen - inklusive Zinsen. Das fällt besonders ins Gewicht, weil es künftige Generationen auch ohne Schuldendienst schwer genug haben werden. Eine immer geringere Zahl junger Menschen wird eine immer größere Zahl alter Menschen versorgen müssen; schon deshalb wäre es nötig, dass der Bund ab sofort keine neuen Schulden mehr aufnimmt.
Aber auch kurzfristig drohen Probleme. Nahezu alle Experten sagen für 2009 ein Ende des Konjunkturaufschwungs voraus, Vorsorge getroffen hat der Bund für diesen Fall aber nicht. Zudem haben sich Merkel und Steinbrück eines psychologischen Vorteils beraubt: Ein ausgeglichener Etat hätte das Vertrauen von Bürgern und Firmen in die Wirtschaftskraft gestärkt, weil er das Risiko plötzlicher Steuererhöhungen minimiert hätte.
Vertanes Konjunkturglück
Der Minister wird all diese Einwände vom Tisch wischen, wenn er den Etatentwurf für 2009 an diesem Mittwoch öffentlich vorstellt. Kritiker wird er als Eiferer titulieren, und er wird warnen, man dürfe sich "nicht ins Koma sparen".
Das Problem dabei: Steinbrück spart sich nicht ins Koma, er spart gar nicht. Im Gegenteil, er hat genug damit zu tun, die Wünsche der Kabinettskollegen abzuwehren, die bis 2012 fast 50 Milliarden Euro zusätzlich ausgeben wollten. Davon sind, Steinbrück sei Dank, nur gut zehn Milliarden Euro übrig geblieben. Allein die Tatsache aber, dass es derart groteske Forderungen überhaupt gab, zeigt, dass der so beschworene Mentalitätswechsel in der Politik eine Chimäre ist.
Der Finanzminister eines großen Bundeslands hat jüngst in kleiner Runde resigniert erklärt, das eigentlich Traurige an der laufenden Debatte über Rentenerhöhungen und Steuersenkungen sei, "wie wenig die Politik in den letzten Jahren dazugelernt hat". Steinbrück, der bisher so viel Konjunkturglück hatte wie keiner seiner Vorgänger, ist anderer Meinung - noch. Sollte ihn das Glück eines Tages verlassen, wird er feststellen, wie recht der Kollege gehabt hat.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 02.07.2008/hai/buma)
Müll am Fluss
Macht sich besser, wenn man Klartext schreibt!
P.S. Die, die eine bessere Steuergesetzgebung wollten, sind ja ausgelacht worden. Jetzt brauchen wir uns nicht zu beschweren. Deswegen: Wir wollen es ja nicht anders!
somd Schuldentilgung. Die Wahlversprechen der bayerischen Provinzpolitiker und diverser Bundesminister und die Verpflichtungen die die Kanzlerin gerne auf internationaler Bühne eingeht, passen schlecht zu diesem Umstand. Es würde jetzt problemlos möglich sein, die beschlossene Politik ohne Neuverschuldung fortzuführen, wenn dem Finanzminister nicht ständig durch ungeplante Wahlversprechen ins Handwerk gepfuscht werden würde.
Die Schwarzen können eben nicht mit Geld umgehen! Eine nicht ganz so völlig neue Einsicht - aber wahr!
Deutschland erfüllt die EU-Richtlinie zur maximalen Nettoneuverschuldung unter 3%, wir sind Exportweltmeister, ein 80 Millionenvolk exportiert mehr als ein 800 Millionenvolk, die Chinesen. Die anderen Länder haben bei uns Schulden! Ein Staat, dem es nicht mehr gelingt dort Steuern einzutreiben, wo die großen Gewinne gemacht werden, muss zwangsweise seine Ausgaben im Sozialen immer weiter senken. Dieser Plan der EU ist fast der wichtigste Grund gegen die EU zu sein. Die Gewinnsteuern werden durch Steuerdumpingwettbewerb in der EU nach unten gedrückt: Senkst Du nicht die Steuern, wandere ich eben aus nach Ostdingsda. Die Deutschen können nicht so in Massen auswandern, sie wenden sich nur ab von den Parteien, die sie in dieses Schlamassel geführt haben.
Vor lauter Jubel, daß es noch Banken gibt, die einem Schuldner wie der Bundesrepublik noch 10 MRD. leihen, sollte eigentlich ein Journalist nicht vergessen, daß fast jeder Haushalt der Bundesrepublik Deutschland seit 30 Jahren gegen das Grundgesetz verstößt.
Verfassungsbruch spielt in der öffentlichen Diskussion zwar keine Rolle (die sog. 4. Gewalt ist nur gewaltig im Verschweigen), aber die Bestimmungen des Schutzrechtes der Bürger gegen den psychopathologischen Herrschaftsanspruch der Machthaber sagte eindeutig: "Schuldenaufnahme nur bei Konjunktureinbruch". Das hiess mal deficit spending und war als Instrument von Keynes entwickelt worden, um in der Weltwirtschaftskrise wieder die Nachfrage zu beleben. Karl Schiller log es zur MiFriFi um und öffnete so den Weg in den Verschuldungsstaat. Dieser Staat gefährdet nun die Gemeinschaft der Bürger in Deutschland.
Alle Politiker (und damit auch ihre Stiefelspanner, die Journalisten) loben die boomende Konjunktur. Bereits 1 % BSP-Wachstum wurde dem Volk als Boom verkauft. Und in dieser boomenden Wirtschaft begeht Herr Steinbrück eindeutig mit seinem Haushalt für 2009 Verfassungsbruch. Gut, daß dies wenigstens einer weiss.
Die Politmeute ist schon so an Verfassungsbrüchen gewöhnt, daß sie nicht mehr aufjault. Ganz im Gegenteil, wie Pawlow´sche Hunde triefen deren Lefzen schon bei der Erkenntnis, daß weniger verschuldet wird. Weil Schuldenmachen normal und Verfassungsbruch in der Politik Routine ist.
Die Auswüchse der 2001-er Reform wurden zurechtgerückt.
Höhere Unternehmenssteuern würden aber wieder zu Fortzügen führen.
Von Steuer- und Abgabensenkungen müssen wirklich alle, v.a. Mittel- und Unterschichten, aber auch Unternehmen profitieren.
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