Justiz nach dem Zweiten Weltkrieg Einser-Juristen mit brauner Vergangenheit

Ein Bericht des Bundesjustizministeriums legt offen, wie Juristen trotz ihrer Beteiligung an Nazi-Verbrechen nach dem Krieg Karriere machten. Besonders gute Chancen hatten demnach Opportunisten mit guten Prüfungsergebnissen. Überraschenderweise stieg die NS-Vorbelastung in der Spitze des Ministeriums bis 20 Jahre nach dem Krieg.

Von Melanie Staudinger

Wolfgang Fränkel war Anfang der Vierzigerjahre Referent der Reichsanwaltschaft. Er soll die Todesstrafe in mehr als 30 Fällen beantragt und bestätigt haben, in denen es um Diebstahl von Lebensmitteln, Fahrrädern und Kleidungsstücken, um Schwarzschlachtung oder um die sogenannte Rassenschande ging. Und doch wurde er 1962 zum Generalbundesanwalt ernannt - bis dahin hatte sich niemand für seine braune Vergangenheit interessiert.

Fränkel ist kein Einzelfall. Vielen Juristen, die zwischen 1933 und 1945 an NS-Verbrechen beteiligt waren, gelang nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt der berufliche Aufstieg. "Sie entsprachen nicht dem Profil des klassischen, mit Stiefeln versehenen Nazi-Täters und hatten daher in der Bundesrepublik wunderbar die Möglichkeit, sich anzupassen", sagt Manfred Görtemaker, Historiker an der Universität Potsdam.

Das Bundesjustizministerium lässt seine eigene Vergangenheit seit etwas mehr als einem Jahr aufarbeiten. Eine unabhängige Kommission, die Görtemaker und der Marburger Strafrechtsprofessor Christoph Safferling leiten, hat nun eine erste Bestandsaufnahme ihrer Nachforschungen vorgelegt. "Die Rosenburg" heißt das Buch, das am Montag in Berlin vorgestellt wurde - benannt nach dem ersten Sitz des Ressorts im Bonner Ortsteil Kessenich von 1950 bis 1973.

Emigranten oder Nachwuchskräfte bleiben außen vor

Die Ergebnisse des knapp 400 Seiten starken Bandes sind teilweise überraschend. So sei die NS-Vorbelastung in der Spitze des Ministeriums in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg sogar gestiegen. "Es dominierten immer die sehr guten Einser-Juristen, vorher wie nachher", sagte Görtemaker. Diejenigen, die sich am besten anpassten, die Opportunisten, wie Görtemaker sie bezeichnet. In den Sechzigerjahren wiesen sämtliche Abteilungsleiter im Ministerium eine einschlägige Nazi-Vergangenheit auf. Über Alternativen, etwa Emigranten zurückzuholen oder mehr junge Nachwuchskräfte einzustellen, habe sich kaum einer Gedanken gemacht. Vielmehr sei das bestehende Personal laufbahnbedingt weiter befördert worden. Die Verantwortung für ihre Taten wiesen die meisten von sich. Schuld sei die NS-Gesetzgebung, der "böse Positivismus" gewesen.

Das Team um Görtemaker und Safferling plant jetzt in einem zweiten Schritt, die Personalakten des Justizministeriums genauer zu untersuchen und vor allem nach Altnazis auf unteren Ebenen zu fahnden. Zudem wollen sie erforschen, wie sich die personelle Kontinuität auf sachliche Entscheidungen ausgewirkt hat. Das Projekt läuft noch bis 2015, bis dahin ist die Finanzierung wohl auch im Falle eines Regierungswechsels im September gesichert. Die Experten werden ihre Teilresultate regelmäßig präsentieren: Damit wollen sie einen kritischen Diskurs in der Öffentlichkeit fördern.