Justiz Das Phantom Werner Mauss kommt vor Gericht

Werner Mauss nennt sich selbst "erster deutscher Undercoveragent".

(Foto: Ulrich Baumgarten/Getty Images)
  • Der Geheimagent Werner Mauss soll 15 247 981 Euro Steuern hinterzogen haben.
  • Die Steuerbehörden sind überzeugt, dass Mauss zur Täuschung ein "großes Lügengebäude aufgebaut" hat.
  • Seine Verteidiger behaupten, der Vatikan sei in den Fall involviert und Mauss nur Treuhänder.
Von Hans Leyendecker und Frederik Obermaier

Die Anklageschrift mit dem Aktenzeichen 365 Js 335/12 ist 103 Seiten stark und ein ziemlich ungewöhnliches Dokument. Allein das Deckblatt ist schon bizarr: Angeklagt wird Werner Mauss, geboren Februar 1940, alias Dieter Koch, geboren April 1940, alias Claus Möllner, geboren Februar 1942, alias Richard Nelson, geboren Februar 1939. Drei der vier angeblichen Geburtsorte sind unterschiedlich. Fest steht nur eines: Der Mann mit den vielen Namen soll nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR 15 247 981 Euro Steuern hinterzogen haben. Das ist auch dann eine Menge Geld, wenn jemand, wie das Stuttgarter Landgericht einmal feststellte, "der deutsche Geheimagent" ist.

Seit den Sechzigerjahren ist Mauss für Staaten und Konzerne im Einsatz. Er war in ausgewachsene Skandale und Affären verwickelt, und hat mit der kolumbianischen Guerilla über Geiselfreilassungen verhandelt. Er hat den RAF-Terroristen Rolf Pohle in Griechenland aufgespürt, verschwundene Giftfässer gefunden, den gestohlenen Kölner Domschatz gehoben und die entführte Leiche des Milliardärs Friedrich Karl Flick wiederbeschafft. Von bedeutsamen Operationen zur "Verbesserung des Weltfriedens" ist zudem seitens seiner Verteidiger die Rede. Der Undercover-Mann, von dem es viele Jahre nicht einmal ein Foto gab, arbeitete auch für den Bundesnachrichtendienst, den Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt. Für Bundesbehörden allerdings, erklärte die Bundesregierung jüngst, sei er schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr tätig. Aber noch immer ist er ein Phantom.

Wenn er auftaucht, läuft nichts so, wie es gewöhnlich läuft. Fast vier Jahre lang haben die Steuerfahndung in Wuppertal und die Bochumer Staatsanwaltschaft versucht, die Geldgeheimnisse des Spezialagenten zu entschlüsseln. Sie sind überzeugt, dass Mauss zur Täuschung der Steuerbehörden ein "großes Lügengebäude aufgebaut" hat. Am Donnerstag hat das Landgericht Bochum nun die Anklage zugelassen, der Prozess soll am 26. September beginnen. Die angebliche Hinterziehungssumme ist gewaltig - im Fall einer Verurteilung könnte Mauss eine Haftstrafe drohen.

Die Verteidigung bietet einen Minister und einen Kardinal als Entlastungszeugen

Dabei sei alles ganz anders, behaupten seine Verteidiger. Mauss sei kein Steuerbetrüger. Mehrere westliche Geheimdienste sollen angeblich in dem Fall eine wichtige Rolle spielen, auch der Vatikan sei engagiert. Die Verteidigung hat unter anderem einen aktiven Minister sowie einen Kardinal als Entlastungszeugen angeboten. Denn angeblich gehört das viele Geld nicht Mauss, er soll nur der Treuhänder sein. Treugeber seien geheime Dienste, die ihm 1985 in Panama bei der UBS einen Geheimfonds für seine Operationen zur Verfügung gestellt hätten. Dieser Fonds, der ursprünglich mit etwa 23 Millionen Dollar ausgestattet wurde, sei dann immer wieder aufgefüllt worden. Das Geld sei später nach Luxemburg transferiert worden. Heute stehe Israel dem Fonds vor.

Als ein Fahnder beim Bundesnachrichtendienst (BND) nachfragte, ob es einen solchen Fonds geben könne, haben die vom BND die Köpfe geschüttelt. Nie gehört. Alle wichtigen deutschen Sicherheitsbehörden hätten Kenntnis von dem angeblichen Fonds, behaupten die Verteidiger von Mauss, aber diese würden wegen der Geheimhaltung keine Erklärung dazu abgeben. Warum haben aber dann die Strafverfolger nicht zumindest ein diskretes Signal von den Geheimen bekommen? In diesem Verfahren, so argumentiert die Verteidigung von Mauss, handele es sich eben nicht um den typischen Fall, bei dem gegen jemanden ermittelt werde, der Geld im Ausland vor der Steuer versteckt habe. Die Fahnder müssten sich von den üblichen Beweisregeln lösen.

Agenten nutzten Panama-Firmen für CIA

Geheimdienstler und ihre Zuträger nutzten ausweislich der Panama Papers die Dienste der Kanzlei Mossack Fonseca. Die Agenten ließen Briefkastenfirmen gründen, um ihre Aktionen zu verschleiern. Von Will Fitzgibbon und Nicolas Richter mehr ...

Aus Sicht der Ermittler ist zumindest der Anfang der Ermittlungen typisch, und der Rest ist ungewöhnlich. Im August 2012 kauften Finanzbehörden in Nordrhein-Westfalen eine ihnen angebotene CD mit den Namen zahlreicher mutmaßlicher Steuerbetrüger, die Geld in Stiftungen bei der UBS in der Schweiz versteckt hatten. Der Lieferant hatte auch noch Daten der UBS in Luxemburg dazugetan - als Geschenk gewissermaßen. Steuerfahnder entdeckten bei der Auswertung der CD einen gewissen Claus Möllner - und als sie im Internet nach dieser Person suchten, kamen sie bald darauf, dass es sich um Mauss alias Möllner handeln müsse. Der wurde mal als wirtschaftlich Berechtigter einer Stiftung in Liechtenstein geführt und hatte ein Depot bei der UBS in Luxemburg mit rund 60 Millionen Schweizer Franken. Später tauchte er unter diesem Namen auch in den Panama Papers auf - in Verbindung mit Briefkastenfirmen, die den Fahndern angeblich nicht alle bekannt waren.

Zwar wohnt Mauss alias Möllner alias Nelson in Altstrimmig. Der Ort liegt in Rheinland-Pfalz, aber dort fanden die Fahnder keinen Eintrag bei einem Finanzamt. Nach einer Weile kamen sie darauf, dass Möllner/Mauss oder wie sich der Mann mit den Dutzenden Tarnnamen sonst noch nennt, als Dieter Koch beim Finanzamt in Essen-Süd geführt wird, wo er gar nicht wohnt. Es gab eine Vereinbarung der Finanzämter der beiden Bundesländer zum Schutz von Mauss aufgrund der in seinem Fall angeblich ewigen Gefährdungslage. Eine Lex Mauss also.