Von Thorsten Denkler, Berlin

Wo der Sozialismus siegt, sind die Jusos nicht weit. Wie die Nachwuchs-Genossen die letzte Schlacht gewinnen wollen - zur Not wohl auch ohne die SPD.

Die Jugendverbände der Parteien dürfen das: ein wenig kritisch sein, der Mutterpartei auch mal widersprechen, ohne dass sich das gleich zu einer Staatskrise auswächst. Wer aber am Wochenende den Jungsozialisten (Jusos) auf ihrem Kongress zum Thema "Für eine linke Zukunft" gelauscht hat, der durfte nicht mehr ganz sicher sein, ob es hier nicht um mehr als nur ein paar symbolhafte Reibereien ging. Stellenweise schien es sich um eine reine Gegenveranstaltung zur Mutterpartei SPD zu handeln.

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Franziska Drohsel will, dass die Jusos mehr sind als die "Plakatkleber der Mutterpartei". (© Foto: AP)

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Vor einer Woche in Nürnberg haben die Parteioberen einen ähnlichen, wenn auch ungleich größeren Kongress abgehalten. Da ging es inhaltlich um sozialen Aufstieg und vor allem um eine neue Aufbruchsstimmung, die Parteichef Kurt Beck und die frisch gekürte Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan, verbreiten sollten.

Davon übriggeblieben sind kaum eine Woche danach Rekordtiefs in den Umfragewerten für Partei und Parteichef. Letzterer musste sich bei den Zustimmungswerten sogar von Linken-Chef Oskar Lafontaine überholen lassen - die demoskopisch größtmögliche Schmach.

Wer die Jusos fragt, der kann erfahren, wie die SPD wieder rauskommt aus dem Schlamassel. Wenn der Trend umgekehrt werden soll, ruft die Juso-Bundesvorsitzende Franziska Drohsel ihren 300 Genossinnen und Genossen im Berlin-Kreuzberger Umspannwerk zu, dann gehe das nur, wenn die SPD "dauerhaft zu einer Politik des sozialen Fortschritts zurückkommt - und zwar glaubwürdig!"

Keine glaubwürdigen Versuche

Mit anderen Worten: Weder ist die SPD derzeit eine Partei des sozialen Fortschritts, noch sind die Versuche, die sie in diese Richtung unternimmt, glaubwürdig. Der Applaus an dieser Stelle ist sogar noch lauter, als bei all den anderen, meist kapitalismuskritischen Passagen.

Der Juso-Parteivorstand hat extra für diesen Kongress ein Thesenpapier entworfen, das auf hochtheoretischer Basis das gegenwärtige Gesellschaftssystem auseinandernimmt. Auf einen Satz reduziert ist die Maxime der Jusos demnach: Der Sozialismus wird kommen - und die Jusos werden vorbereitet sein.

Die Kapitalismuskritik der Jusos 2008 ist nicht ganz neu. Seit 1969 stehen die Jungsozialisten auf Linksfuß mit der SPD. Nur hat das seit gut zehn Jahren keiner mehr so richtig mitbekommen.

Mit Drohsel, die erst im vergangenen Jahr Bundeschefin der Nachwuchs-Sozialisten geworden ist, hat sich das schlagartig geändert. Auf dem damaligen Bundeskongress in Wolfsburg wurde mit Drohsels Wahl auch die Wiederbelebung der alten Juso-Doppelstrategie beschlossen.

Doppelstrategie heißt: Nach oben treten, nach unten Zusammenarbeit mit den linken gesellschaftlichen Gruppen.

Was das für die SPD heißt, darauf gibt Drohsel im Umspannwerk einen kleinen Vorgeschmack: "Wir wollen mehr sein, als die Plakatkleber der Mutterpartei oder die fahnenschwenkende Jubeltruppe auf den Marktplätzen dieser Republik." Es sei "Aufgabe und Pflicht", neue Politikinhalte zu formulieren - "auch wenn es gerade mal einigen Großen in der Partei nicht in den Kram passt." Da johlen die Jung-Genossen.

Lesen Sie weiter, warum die Kapitalismuskritik immer noch zieht.

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