Agnes Krumwiede, Grüne, Jahrgang 1977, Ingolstadt, Bayern

Frau Krumwiede, Ihr erstes Jahr im Bundestag ist vorbei - was hat Sie zu Beginn am meisten überrascht?

Die erste Rede, die ich an meinem ersten Tag im Plenum bei der konstituierenden Sitzung des Bundestages gehört habe: Herrn Riesenhubers Rede war echt skurril. Dass Politik derart (unfreiwillig?) komisch sein kann, davon war ich sehr überrascht.

Was hat Sie enttäuscht?

Die schwarz-gelbe Politik. Aktuell die unsinnige Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, die uns als "Kompromiss" angepriesen wird, tatsächlich aber einen Ausbau der erneuerbaren Energien verhindert und den großen Stromkonzernen in die Tasche wirtschaftet. Eine solch rückwärtsgewandte Politik ohne Respekt vor den Bedürfnissen der Menschen enttäuscht mich sehr.

Wie war das erste Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden?

Bei meinem ersten Gespräch mit unserer Fraktionsvorsitzenden Renate Künast hat sie mir tolle Tipps für meinen ersten großen Fernsehauftritt bei Pelzig unterhält sich gegeben.

Welche Aufgaben in Ihrem Alltag als Abgeordnete rauben am meisten Zeit?

Am zeitaufwendigsten sind die langen Sitzungen im Plenum, im Kulturausschuss oder im Arbeitskreis. Oft sitze ich auch bis in die Nacht noch am Computer und überarbeite Anträge, schreibe an Reden oder anderen Texten.

Wie reagieren die Bürger, wenn Sie nun in Ihrem Wahlkreis unterwegs sind?

Aus meiner Sicht ist die Resonanz weitgehend positiv, manchmal werde ich auch im Supermarkt oder beim Sport angesprochen, weil die Leute mich erkennen.

Was sind Ihre ganz persönlichen politischen Ziele?

Als kulturpolitische Sprecherin meiner Fraktion sind meine fachpolitischen Ziele unter anderem:

- Ausbau der kulturellen Bildung, insbesondere der Ausdrucksformen der Jugendkultur (Hip-Hop, Rap, Skating, Poetry-Slam und so weiter) sowie der Ausbau kreativer Bildungsinhalte als Gegengewicht zur einseitig mechanistischen Wissensspeicherung in unserem Bildungssystem,

- Umsetzung unseres grünen Prüfauftrags durch die Regierung: Die Einrichtung von Kulturkrediten über ein KfW-Sonderprogramm "Kulturförderung" für in ihrer Existenz bedrohte Kultureinrichtungen,

- Konzepte zur Verbesserung der sozialen Lage für Kulturschaffende (konkret zum Beispiel durch eine Ausstellungsvergütung für Bildende KünstlerInnen, Beendigung der Ausbeutung hochqualifizierter MusikerInnen als PraktikantInnen oder Honorarlehrkräfte et cetera)

Welches Ihrer Wahlversprechen konnten Sie umsetzen?

Regelmäßig Veranstaltungen mit und für Jugendliche zu besuchen (im Juli hat zum Beispiel der Stadtjugendring Ingolstadt auf meine Anregung hin zur Veranstaltung "Jugend trifft Politik" eingeladen, bei Kultur- und Jugendzentren bin ich regelmäßig zu Besuch), weil ich es für notwendig halte, gerade mit jungen Menschen zu diskutieren. Von ihnen gehen wichtige Impulse aus, beinahe jede Sitzungswoche unterhalte ich mich im Bundestag mit Schulklassen.

Außerdem habe ich in meinem Wahlkreis den Verein "Künstler an die Schulen" gegründet, der an Bildungseinrichtungen meines Wahlkreises kulturelle Projekte finanzieren und bezuschussen soll. Ganz besonders freue ich mich, dass mein Wahlversprechen an die Ingolstädter Hip-Hop-Gruppe Boomtown Raps im Oktober "eingelöst" wird: Auf meine Einladung sind sie im Rahmen der politischen Bildungsarbeit des Bundespresseamtes drei Tage in Berlin, meine Fraktion hat für die Boomtown Raps sogar einen Auftritt in der Berliner Volksbühne organisiert!

Auch bei den Landwirten meiner Region bin ich regelmäßig zu Besuch, um gemeinsam mit ihnen öffentlichkeitswirksam gegen die Agrogentechnik zu kämpfen.

Was können junge Politiker besser als ältere?

Gar nichts. Jugend allein ist kein Qualitätsmerkmal. Jungen PolitikerInnen fehlt im Gegensatz zu den älteren die Erfahrung - das kann Vor- und Nachteil gleichermaßen bedeuten. Ein Vorteil ist vielleicht, dass junge PolitikerInnen noch nicht den "geschliffenen" Sprachstil beherrschen.

Warum sollte Ihre Partei auf Sie setzen?

Weil ich aufgrund meines Berufes - ich bin Musikerin mit Konzertexamen - authentisch bin als Kulturpolitikerin. Weil ich mit Leidenschaft und all meiner Energie für unsere grünen Ziele kämpfe.

Ist Politik Ihr Leben?

Als Volksvertreterin stehe ich im Dienst der Menschen und der Politik. Politik gehört zu meinem Leben, aber sie ist nicht mein Leben, dafür sind meine Lebensinhalte zu vielfältig.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Das Leben ist nicht planbar, es hält so viele Überraschungen bereit. Wenn die Menschen mit meiner Arbeit zufrieden sind und mich meine Aufgabe als Berufspolitikerin weiterhin so erfüllt, werde ich vielleicht auch in zehn Jahren noch Politikerin sein.

Wovon träumen Sie?

Von einer Entschleunigung der Gesellschaft und somit auch der Politik - ich hätte gerne mehr Zeit neben der Politik für meine Freunde, meine Familie, für das Klavier und das Malen.

Bild: GRÜNE-Bundestagsfraktion

30. September 2010, 10:41 2010-09-30 10:41:49  © sueddeutsche.de/lama