Junge Muslime in Deutschland Integrations-Studie entfacht Streit zwischen Parteien

Eine Studie über den angeblich mangelnden Integrationswillen vieler junger Muslime in Deutschland hat eine hitzige Debatte ausgelöst. Vertreter von SPD, Grünen und FDP kritisieren die Untersuchung scharf, in den Unionsparteien werden die Ergebnisse dagegen als Grund zur Besorgnis gedeutet.

Die Bundestagsparteien streiten über eine neue Studie, nach der viele junge Muslime in Deutschland nicht zur Integration bereit sein sollen. Die Grünen warfen der Bundesregierung eine populistische Darstellung durch die Erstveröffentlichung der Untersuchung in der Bild-Zeitung vor. Die SPD sprach ebenfalls von Populismus, auch vom Koalitionspartner FDP wurde Kritik am Bundesinnenministerium laut, das die Studie in Auftrag gegeben hatte.

Die "mit Scheuklappen versehenen Kommentare von Unionspolitikern" zielten auf eine Spaltung der Gesellschaft ab, kritisierte der migrationspolitische Sprecher der Grünen, Memet Kılıç: "Nicht Religion oder die Einwanderungsgeschichte sind die entscheidende Ursache für Jugendgewalt, sondern Chancen- und Perspektivlosigkeit." Die Benachteiligung von Jugendlichen aus Einwandererfamilien auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt müsse endlich aufhören.

Die SPD-Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz erklärte: "Wer sich seriös mit der Abschottung und Gewaltbereitschaft von Jugendlichen befassen will, sollte dies nicht mit der offensichtlichen Intention tun, ganze Religionsgemeinschaften dem Populismus preiszugeben."

Die CSU dagegen äußerte sich besorgt über die Ergebnisse der Studie und vor allem über die angeblich hohe Gewaltbereitschaft junger Muslime. "In einem friedlichen und freiheitlichen Land wie Deutschland ist für religiösen Fanatismus kein Platz", erklärte der CSU-Innenexperte Stephan Mayer. Er forderte alle muslimischen Verbände in Deutschland dazu auf, sich für die Integration auszusprechen und von fanatischen Ansätzen deutlich zu distanzieren.

Der Untersuchung zufolge ist ein Viertel der Muslime zwischen 14 und 32 Jahren, die keinen deutschen Pass haben, nicht bereit, sich zu integrieren. Sie könnten bezeichnet werden als streng religiös, "mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz", heißt es darin. Von den nichtdeutschen Muslimen befürworteten sogar nur 52 Prozent die Integration in die deutsche Gesellschaft, 48 Prozent zeigten "starke Separationsneigungen".

Friedrich hat damit gerechnet, dass es "diese Tendenz gibt"

"Die Zahl fand ich überraschend hoch", sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) in Potsdam am Rande der Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst. Im Grundsatz habe er aber schon damit gerechnet, dass es bei manchen jungen Muslimen "diese Tendenz gibt". Zuvor hatte er in der Bild-Zeitung in Bezug auf die Studie geäußert: "Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben."

Friedrich milderte seinen Aussagen später ab. "Die Muslime in Deutschland lehnen Terrorismus kategorisch ab", sagte er. Zugleich liege es in der Verantwortung der Medien, "nicht den Fokus auf eine kleine Minderheit, die Probleme macht", zu richten. Die Studie habe auch ergeben, dass sich viele junge Muslime ungerecht behandelt und unter Generalverdacht gestellt fühlten.

Sein Fraktionskollege Hans-Peter Uhl, der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU im Bundestag, folgerte aus der Studie in der Neuen Osnabrücker Zeitung: "Diese Integrationsverweigerung muss nicht, aber kann den Nährboden für religiösen Fanatismus und Terrorismus darstellen."

Scharfe Kritik von SPD, Grünen und FDP

Teils scharfe Kritik an der Studie hatte es noch vor der Veröffentlichung von SPD, Grünen und FDP gegeben. "Ich muss mich schon wundern, dass das BMI erneut Steuergelder darauf verwendet, eine Studie zu finanzieren, die Schlagzeilen produziert, aber keinerlei Erkenntnisse", sagte der integrationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Serkan Tören, der Neuen Osnabrücker Zeitung. Das religiöse Bekenntnis vieler junger Muslime sei oft nur "eine leere Hülse", die nicht mit gelebter Religion einhergehe, sondern "Provokation und kulturelle Abgrenzung" sein wolle, sagte der türkischstämmige Politiker: "Religiosität und Gewalt sind kein Automatismus, das beweisen andere Studien und meine persönliche Erfahrung."

Auch die Oppositionparteien sehen die Untersuchung falsch angelegt. "Wer Muslime nur unter ihrem Nutzen der Gefahrenabwehr bemisst und sonst nicht müde wird, ihnen zu erklären, dass der Islam nicht Teil unserer Gesellschaft ist, darf sich darüber nicht wundern, wenn dies zu Abwehrhaltungen führt", erklärte Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck.

Anteil radikaler Einstellungen sinkt mit dem Alter

Der Jenaer Psychologe Wolfgang Frindte, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war, sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Zahlen seien für ihn nicht überraschend. Würden auch die Eltern- und Großelterngenerationen einbezogen, zeige sich, dass der Anteil radikaler Einstellungen sinke und sich die Muslime deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten.

Zum Islam bekennen sich in Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge schätzungsweise vier Millionen Menschen. Knapp die Hälfte von ihnen hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Für die Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" waren 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime telefonisch befragt worden. Zudem wurden 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen analysiert.