Jugendarbeitslosigkeit in Italien Neapels verlorene Generation

In der Region Neapel lebt eine ganze Generation junger Leute ohne jegliche Aussicht auf einen regulären Arbeitsplatz. Eine eigene Wohnung, das Gründen einer Familie - was für ihre Eltern normal war, bleibt ihnen verwehrt. Manche protestieren noch. Andere haben schon aufgegeben.

Von Andrea Bachstein, Neapel

Sind die jungen Menschen einfach zu "choosy"? Arbeitslose Neapolitaner demonstrieren gegen ihre hoffnungslose Lage - und mit Masken von ihr gegen die Vorwürfe von Arbeitsministerin Elso Fornero.

(Foto: AFP)

Sie versuchen cool zu bleiben, aber geben dann zu, dass sie angespannt sind, die jungen Leute vor dem Gitter des Veranstaltungsgeländes in Neapels Stadtrandviertel Fuorigrotta. Hunderte sind gekommen wie an jedem Tag dieser Woche, für die schriftlichen Tests, die sie näher an eine sichere Zukunft als Forstbeamte führen sollen.

Aber es ist ein Lottospiel: 400 Posten vergibt die Forstbehörde in Italien - 120.000 junge Leute haben sich für die Prüfung angemeldet. 40 Jobs entfallen auf Kampanien, rund 18.000 hoffen hier auf Anstellung beim Staat. Ein Hauptgewinn wäre das in einer Region, in der die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos ist, 15 Prozent mehr als im italienischen Durchschnitt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist eines der drängendsten Probleme Italiens.

Die Kandidaten wissen, wie ihre Chancen stehen, aber sagen, sie wollten alles versuchen, was Aussicht auf Arbeit verspricht. Und alle sind bereit, dafür ihr Studium aufzugeben und überallhin zu ziehen. Der 20-jährige Informatikstudent Tomaso Sepe genauso wie Libera Sorrentino, 27, die Umwelttechnik studiert. "Hier gibt es gar nichts", sagt sie.

Alle, die man trifft, leben bei den Eltern. Auch Marco Borrone, ein jungenhafter 32-Jähriger, der seine Geschichte im Uni-Viertel in der Altstadt Neapels erzählt. Intelligent, neugierig, freundlich ist er, hat gearbeitet seit dem Abitur, aber noch nie ein Gehalt bekommen.

Die Hälfte hat schon kapituliert

Nicht, als er ein Jahr in einer Drogen-Therapieeinrichtung gearbeitet hat, nicht für den Italienisch-Unterricht, den er Migranten gibt, nicht bei der alternativen Zeitung, für die er schreibt. Unbezahlte Dienste, wie sie so viele junge Italiener in Kauf nehmen, um einen Einstieg ins Berufsleben zu finden. Den meisten, die er kennt, gehe es so, "Sklaverei" nennt Borrone das.

Er, sein Bruder mit Down-Syndrom und die Mutter leben von der Pension des verstorbenen Vaters. Wenn es gut geht, kann Marco 100 Euro im Monat für sich ausgeben. 1999 hat er sich arbeitssuchend gemeldet. Nicht ein Mal habe er seither etwas von der Behörde gehört. Das versucht die Regierung von Mario Monti zu ändern, es soll endlich eine aktive Arbeitsmarktpolitik geben, speziell für junge Leute.

Für Marco kommt das vielleicht schon zu spät, er gehört zu denen, die in Italien "verlorene Generation" genannt werden. "Betrogen" fühle er sich von der Politik, sagt Marco, wählen geht er nicht mehr. Er lernt jetzt Deutsch, hofft, im Übersetzungsbüro eines Freundes arbeiten zu können, endlich mal für Geld. Deutsche Kultur fasziniert ihn, sagt er.

Damit gehört er nicht zu denen, die Raffaele Felaco am meisten Sorgen machen: die nämlich, von denen man nichts hört, die kapituliert haben. Das ist mindestens die Hälfte der Arbeitslosen bis zu 32 Jahren in Italiens Süden. Felaco ist Vorsitzender der Psychologenvereinigung Kampaniens und stellt beunruhigende Symptome fest. Es gebe mehr Gewalt in den Familien, die ausbricht als Folge sozialer Depression. Das gehe durch die ganze Gesellschaft.