Wahlgangstern und Weltherrschaft: Wie die EU mal wieder eine erschreckend gezwungene Kampagne unterstützt, um junge Menschen für die Europawahl zu begeistern.Mit Video.
Bei dem Versuch lustig zu sein, greifen manche Zeitgenossen gerne auf das berüchtigte Wortspiel zurück. Das kann funktionieren, geht aber gerne daneben. Bei dem Versuch, junge Menschen für die Europawahl am 7. Juni zu begeistern, haben sich Strategen der Europäischen Union erneut von einem Wortspiel überzeugen und entsprechend Geld springen lassen, das schon 2002, als es erfunden wurde, nicht lustig war.
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Unter diesem Logo sollen die Wahlgangster Erst- und Jungwähler für EU-Politik begeistern. (© Foto: Europawahlgang.de)
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Es geht um die "Wahl Gang" die von der studentischen Inititiative "Politikfabrik" zur Bundestagswahl 2002 ins Leben gerufen wurde und zur Europawahl am 7. Juni als "Euro Wahl Gang 09" eine Neuauflage erlebt. Der Begriff spielt mit dem deutschen Wort Wahlgang einerseits und dem amerikanischen Slangwort für kriminelle Bande andererseits. Lustig ist das zwar auch nicht, reicht aber offenbar aus, um in Brüssel und anderswo Geldgeber zu akquirieren.
100.000 Euro umfasst das Budget, allein die EU steuert 80 Prozent davon, berichtet Politikfabrik-Geschäftsführer Alexander Mihaylov. Eine professionelle Agentur hätte wohl ein Vielfaches verlangt. Die EU setzt aber stark auf Eigeninitiativen wie die Politikfabrik. Dennoch auch 80.000 Euro sind nicht gerade ein Bombenbudget angesichts immer neuer Minusrekorde bei der Wahlbeteiligung.
Die "Euro Wahl Gang 09" geht mit einem ambitionierten Ziel an den Start: Sie will die "größte Jungwählerkampagne zur Europawahl" sein. Das ist mit erstaunlich geringem Aufwand zu bewerkstelligen. Fünf feste Mitarbeiter in Berlin, eine halbwegs ansprechende Website und dazu 100 freiwillige "Wahlgangster" die in ihren Heimatregionen Podiumsdiskussionen mit Europapolitikern veranstalten sollen. Diese 100 Wahlgangster haben sich am Sonntag zur sogenannten "Kick Off"- Veranstaltung in Berlin getroffen.
Die Aufgabe der Wahlgangster: Als Botschafter "die Jugendlichen für Europa begeistern", sagt Projektleiterin Julia Spieß. "Sie sind die personalisierte Motivation", sollen eine "Welle" auslösen.
Nicht unwahrscheinlich aber, dass aus der erhofften Welle der Begeisterung eine Flaute der Langeweile wird. Die Argumente jedenfalls, mit denen einige der 100 Freiwilligen ihre Mitschüler für Europa begeistern wollen, klingen ähnlich mitreißend wie eine Regierungserklärung von Angela Merkel. "Weil Europa uns alle angeht", sagt einer. Andere sagen "weil Europa wichtig ist" oder "weil jeder mitreden kann". Dass die Jungwähler nun in Scharen zur Wahl gehen, mutet da eher unwahrscheinlich an.
Die 100 Gangster und etwa 120 weitere Gäste drängen sich an diesem Sonntagabend in einem Sitzungsraum im ersten Stock des Europäischen Hauses Unter den Linden. Ein provisorisches Podium ist aufgebaut, davor als Sitzgelegenheit Konferenzstühle. Nicht gerade ein Ort, an dem Jugendliche regelmäßig verkehren.
Um dem Raum etwas jugendliche Frische zu geben, sind an den holzvertäfelten Wänden sparsam Postkarten geklebt. Auf ihnen stehen in weißer Graffitischrift so mitreißende Slogans wie: "Weltherrschaft?" oder "Ich krieg dich schon rum!".
Haupt- und Realschulen werden ignoriert
Die Wahlgangster tragen an diesem Abend schwarze T-Shirts mit der programmatischen Aufschrift "wählerisch" auf der Brust. Zuvor haben sie zwei Tage lang an einem Gangster-Workshop teilgenommen, auf dem sie eher gangster-untypisch Moderations- und Organisationstechniken lernen sollten. Sie haben sich mit ihrer Schule dafür beworben, an dem Projekt teilzunehmen. Auswahlkriterien: ausreichend Platz an der Schule und ein Motivationsschreiben.
80 Städte in 15 Tagen wollen die Wahlgangster im Rahmen der Euro Wahl Gang ab Anfang Mai beehren. 40.000 Schülerinnen und Schüler sollen mit der Aktion erreicht werden. Klingt viel, ist aber eher wenig angesichts von über drei Millionen Erstwählern.
Auf dem Tourplan der Euro Wahl Gang stehen hauptsächlich Gymnasien. Hauptschulen und Realschulen werden nicht angesteuert. Auszubildende und Studenten bleiben ebenfalls außen vor. Nur vereinzelt kommen Berufsschulen oder Gesamtschulen vor.
Aus Sorge, die Aktion könnte irgendwie zu "trocken" werden, wie eine Wahlgangsterin befürchtet, "sind immer auch die Kandidaten der Parteien vor Ort". Interessant daran ist eher, dass sie den Auftritt von Europa-Politikern als mögliche Bereicherung sieht.
Wenn Politiker ein wenig Pepp bringen sollen...
Vorne sind neben einem hölzernen Stehpult bereits Stühle für die Podiumsdiskussion mit Europapolitikern der Parteien aufgebaut. Mit dabei: Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlamentes. Der CDU-Mann ist übrigens der einzige Spitzenkandidat auf dem Podium. Alle anderen Parteien schicken die zweite Garde: Für die SPD Dagmar Roth-Behrendt, Alexander Graf Lambsdorff für die FDP, Rebecca Harms für die Grünen und Gabi Zimmer für die Linken.
Wie oft, wenn Europapolitiker miteinander diskutieren, sind auch diese Fünf sich im Großen und Ganzen einig: Alle streichen die historische Bedeutung der Europäischen Union für den Frieden in Europa und die des Euro für die wirtschaftliche Stabilität hervor.
Als einzige - sagen wir - Anknüpfungspunkte an das jugendliche Publikum berichtet Lambsdorff von seinem Schüleraustausch nach Oxford und Toulouse. Pöttering wiederum freut sich hauptsächlich darüber, dass die Wahl-Gang-Tour auch in Quakenbrück haltmachen werde. Da habe er sein Abitur gemacht. Die erhoffte Welle der Begeisterung? Sie lässt noch auf sich warten.
Hinweis: Dieser Artikel wurde am 28.04.2009 verändert. In dem Artikel waren einige Fakten missverständlich oder nicht präzise genug wiedergegeben. Wir bedanken uns für die eingegangenen Hinweise.
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(sueddeutsche.de/gba)
Youtube-Hit aus USA
Statt sich über das politische Engagement junger Menschen lustig zu machen, die (angesichts des geradezu mickrigen Budgets für eine solche umfassende Aktion) wohl nicht mal ein Viertel vom monatlichen Gehalt des ach so aufklärerischen Redakteurs bekommen, sollte sich Herr Reese im Rahmen einer solch vernichtenden Kritik besser auch um konstruktive Vorschläge für eine seiner Meinung nach effektivere Erstwählerkampagne bemühen.
Einfach nur rumnölen ist noch 1000mal langweiliger als Postkarten an die Wand zu kleben.
Aber da Herr Reese offensichtlich nicht mal die Spitzenkandidaten der Parteien kennt (zu denen Rebecca Harms übrigens gehört), darf man ihm wohl nicht zu viel abverlangen. So sollte man wohl auch nicht erwarten, dass ihm im Rückblick auf die eigene Schulzeit auffällt, dass 10. Klässler (also die Ältesten an Haupt- und Realschulen) meist noch nicht 18 sind und deshalb auch nicht die vorrangige Zielgruppe für eine Erstwählermobilisierung darstellen.
Dass solche Aktionen nicht auch an Berufsbildendenschulen durchgeführt werden, kann man hingegen mit Recht bemängeln. Aber dabei sollte der Finger nicht auf junge Leute zeigen, die sich aus Überzeugung den Hintern aufreißen, sondern auf die verantwortlichen Institutionen, die hierfür keine ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen.
Also Herr Reese, stimmt, es ging nicht ums Münchner Oktoberfest, das hatten Sie ja schon mit Bravour gestemmt.
Und ja, die Pötterings dieser Welt sind keine Unterhaltungskanonen und ja, etwas elitär kommt die Sache schon rüber, und ja, andere Dinge hätten ein Vielfaches gekostet und ja, es ist primär die Aufgabe der Nationalstaaten, für Wahlbeteiligung zu sorgen und nicht die Kommission, insofern sind die 80000 schon ok, oder?
Und Europawahl-Gang find ich ganz lustig und danke für die Erklärung des Wortspiels, Sie sind ja ein ganz Versierter.
Und sonst hat Sie das Thema Jugend und EU doch auch nur einen feuchten Kehrricht interessiert. Und wie peinlich der kursive Absatz am Ende...naja das Oktoberfest ist halt noch nicht solange her ...l
Ich gehöre nicht zu den "Unterprivilegierten" der deutschen Gesellschaft, dennoch vertrete ich diese Meinung aus voller Überzeugung.
Die junge Generation hat es den älteren schon immer schwer gemacht, sie für Fehler einzuspannen, die einfach zu unbequem sind, sie einzusehen. Das Europa der Lissabonner Verträge ist eine bürokratisches Monster geworden und für vernünftige junge Leute sicher keine Attraktion. Da wäre es sicher sinnvoller, die Verbindungen zwischen den Jugendlichen der Länder zu fördern, statt von ihnen eine passives Abnicken zu erwarten.
Wir werden sehen, was die jungen Leute für ihre Zukunft herausfinden und sind gut beraten, ihnen auch jetzt schon aufmerksam zuzuhören, statt ihnen Begeisterung aufzudrängen für etwas, wo wir nur Bauchschmerzen bekommen können, wenn wir näher hinschauen.
Jung- und Erstwähler für die Wahlen zu interessieren ist also ein "offenkundig hilfloser Versuch"? War die Europawahl schon, und Sie wissen mehr als wir alle? Die Beteiligung junger Wähler an Europawahlen war lange sehr hoch, und ist erst bei den jüngeren Wahlen eingebrochen. Warum kann sich das nicht wieder ändern?
Bundesweit eigene Veranstaltungen zu organisieren ist also "eine unmögliche Aufgabe"? Vielen Dank für das Vertrauen und die ganz sicher sehr kompetente Einschätzung, aber die "überschaubare" Zahl der Jugendlichen wird es trotzdem versuchen.
Es ist jedem Journalisten unbenommen, eine Veranstaltung oder ein Projekt kritisch begleiten. Aber schlichtweg zu behaupten, die 250 (ich habe gezählt, Herr Autor, nicht geraten) jungen Leute im Europahaus wären weder kompetent noch begeistert oder begeisternd genug, ist dumme Miesepeterei.
Der Kickoff am Sonntag hat Spaß gemacht. Die Diskussion war manchmal mehr und manchmal weniger spannend, aber immer informativ und witzig moderiert. Es wurde viel gefragt, viel gelacht und viel mitdiskutiert. Aber das ist vielleicht nicht spannend genug für einen Artikel, Herr Reese?
Paging