Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg Undank des Vaterlandes

Sedertafel jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg, in Mitau am 6. April 1917. © Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Lore Emanuel

(Foto: Jens Ziehe)

Stolz zieht der Stuttgarter Ludwig Bauer für Kaiser und Vaterland in den Ersten Weltkrieg - so wie viele jüdische Deutsche. Doch Patriotismus und Opferbereitschaft nutzen ihnen nichts. Die politische Rechte macht sie zu Sündenböcken.

Von Ronen Steinke

Im Winter 1914 kommt der Krieg nach Stuttgart. In die Hölderlinstraße. Es ist ein Krieg der Knöpfe, ein paar Buben haben vor einem leer stehenden Haus einen Schützengraben ausgehoben und einen kleinen Unterstand gezimmert.

Sie haben das Ganze auch verstärkt mit echtem Stacheldraht, und als die ersten Jugendbanden aus der Nachbarschaft zum Angriff pfeifen, da holen sich die Grabenkämpfer sogar Verstärkung aus anderen Vierteln.

"So kam es", erinnert sich später einer, der dabei war, "dass sich eines Morgens fast zweihundert Jungen gegenüberstanden, bewaffnet mit Stöcken, die zum Teil mit rostigen Nägeln versehen waren ... Der Kampfeslärm war schrecklich." Und die Jungen waren begeistert.

Jüdische Feste werden gefeiert und der Ton ist patriotisch

Der Junge, der dies erzählt, wärmt sich anschließend im Kerzenschein des Sabbat-Abendessens. Er ist jüdisch, wie viele andere in seinem Viertel. Wie auch der elfjährige Fritz Bauer, ein Mitschüler am örtlichen Gymnasium. Die Geschichte seiner jüdischen Familie in diesem Krieg ist besonders gut dokumentiert, weil der Sohn später ein bekannter Jurist wird - aber es ist eine wie Tausende.

In der Familie werden die jüdischen Feste gefeiert. Zu Pessach im Frühling sitzen Fritz, seine Schwester Margot und die Eltern also an der gedeckten Tafel und gedenken bei vielen Gängen, Wein und Liedern des Auszugs aus Ägypten; zu Neujahr im Herbst tunken sie Apfelschnitze in Honig; zum Lichterfest Chanukka im Winter zünden sie acht Tage lang Kerzen an, jeden Abend eine mehr, bis acht Flämmchen leuchten.

Zugleich ist der Ton deutschnational. Fritz steht nicht beiseite, als seine Mitschüler die Wände des Klassenzimmers mit Europakarten schmücken, auf denen sie den je aktuellen Frontverlauf einzeichnen. Als er einmal mit Scharlach im Bett liegt, betrübt ihn das vor allem deshalb, weil er so nicht mehr in der Lage ist, die schwarz-weiß-roten Fähnchen auf der riesigen Europakarte vorwärts zu rücken. "Zunächst", so erinnert er sich später, "war es die Schuld von Scharlach, später leider Gottes auch die Schuld von der Marneschlacht, die verlorenging."

Wahnsinn Westfront

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Der Vater, Ludwig Bauer, ist ein autoritärer Mann mit gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Bart. Bei Tisch, so erinnert sich der Sohn später, gilt der Ausspruch: "Setz dich hin und halt's Maul. Wenn der Papa spricht, hast du nichts zu sagen."

Ludwig Bauer lebt seinen Kindern vor, dass zu einer Existenz als anerkannter Bürger nicht nur Fleiß und Tüchtigkeit gehören, sondern auch zur Schau getragener Patriotismus.

Schon als 22-Jähriger im Jahr 1894, zu einer Zeit also, als Juden noch nicht Offiziere werden durften, hat er sich zum ersten Mal freiwillig zum Militär gemeldet, ein Jahr lang hat er damals die Uniform der 11. Kompanie des württembergischen Grenadier-Regiments "Königin Olga" getragen, bevor er sich in Stuttgart als Kaufmann niedergelassen hat. Nun, als der Krieg ausbricht, meldet er sich erneut. Und er kommt wieder zum selben Regiment.