Der Boden ist schwankend geworden, weil sich die jüdischen Gemeinden in den vergangenen zwanzig Jahren sehr verändert haben. Die Generation der Shoah-Überlebenden ist auf wenige alt Gewordene geschrumpft, ihre Kinder und Enkel, Erben der Traumatisierungen und Erben des deutschen Judentums, sind nun eine kleine Minderheit. Die Mehrheit ist neu hier, deutsche Befindlichkeiten sind ihr fremd; nicht mehr der 9. November, der Tag, an dem 1938 die Juden in Deutschland die Reste der bürgerlicher Sicherheit verloren, ist ihr Gedenktag. Sie feiern den 9.Mai, an dem 1945 die Wehrmacht vor der Roten Armee kapitulierte.

Anzeige

Die Erinnerung an die Schoah eint nicht mehr wie noch vor 1990. Es eint die auseinanderstrebenden Gemeinden nun die Solidarität mit Israel. Das Land, die Lebensversicherung der Juden, soll sich verteidigen dürfen, das sagen die alten KZ-Überlebenden wie die jungen Leute aus Russland, Liberale wie Orthodoxe. Zentralratspräsident Ignatz Bubis legte noch Wert darauf, dass er als Deutscher mitnichten die israelische Politik zu rechtfertigen habe - dafür hagelte es Kritik aus Israel. In den Erklärungen von Charlotte Knobloch zur israelischen Politik fehlt jede Distanz; diese Haltung ersetzt fast die Religion.

Die Angst der Juden

In der gleichen Zeit ist die deutsche Gesellschaft israelkritischer geworden. Bis 1967 galt Israel als das von den übermächtigen Arabern bedrängte Land; der erste Bruch kam, als Israel in den Augen der Studentenbewegung zur Besatzungsmacht wurde. Doch immer noch blieb es ein Sehnsuchtsland der Deutschen.

Gerade die politisch Interessierten, die historisch Bewussten und die engagierten Christen reisten nach Jerusalem, pflückten Orangen im Kibbutz, leisteten Ersatzdienst in Jaffa. Der Strom des Austauschs ist zum Rinnsal geworden, die Christengruppen sympathisieren mit den christlichen Palästinensern, und bei den Pro-Israel-Demonstrationen blieben die Juden weitgehend unter sich. In der Bewertung des Gaza-Krieges mischen sich legitime Kritik und menschenverachtendes Vorurteil.

An den Stammtischen und in den Internet-Foren blühte unter dem entschuldigenden Satz, dass man "das doch wohl noch sagen" dürfe, das Vorurteil wie der harte Antisemitismus. Er wächst, auch, weil er unter der muslimischen Bevölkerung wächst, wo viele genauso undifferenziert selbstverständlich auf der Seite der Palästinenser stehen wie Juden auf der israelischen.

Deshalb wächst auch die Angst der Juden in Deutschland, und manchmal wird die Angst zur Paranoia. Dann, wenn sich ausgerechnet jene Eliten der Gesellschaft, die man als Verbündete braucht, sich indifferent, unsensibel oder ungehörig verhalten. Deshalb waren in Deutschland die Reaktionen so heftig, als Papst Benedikt XVI. jene Karfreitagsbitte formulierte, die für die Bekehrung der Juden betet. Deshalb ist hierzulande auch die Verletzung besonders groß, wenn der gleiche Papst nun geschichtsvergessen glaubt, dass man einen Mann in den Schoß der katholischen Kirche zurückholen kann, der locker zynisch erklärt, Gaskammern habe es nie gegeben. Der Verrat der Freunde schmerzt mehr als die Feindschaft der altbekannten Gegner.

Aufgabe der Mehrheit

In den achtziger Jahren hat der Psychologe Dan Diner von der "negativen Symbiose" gesprochen, die Juden in Deutschland und nichtjüdische Deutsche untrennbar verbinde: Beide ernähren sich aus der gleichen Vergangenheit, was aber daraus entsteht, bleibt dem jeweils anderen fremd. Dies wird noch lange so bleiben, auch wenn eine neue Generation von Juden heranwachsen sein wird. Der Boden, auf dem die Minderheit lebt, der wird noch lange schwankend und leicht erschütterbar bleiben.

Die Mehrheit sollte das respektieren und die Minderheit im Umbruch nicht überfordern. Die Juden müssen nicht besser sein als andere, sie müssen auch nicht als lebender Beleg dafür herhalten, dass dieses Land aus der Geschichte gelernt hat. Der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus ist Aufgabe der Mehrheit und Indiz für die politische Kultur im Land, nicht das Spezialanliegen der Betroffenen. Das Verhalten des Zentralrats der Juden in Deutschland muss man deshalb noch lange nicht für immer richtig und klug halten.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Zerbrochenes Vertrauen
  2. Sie lesen jetzt Zerbrochenes Vertrauen
Leser empfehlen 

(SZ vom 31.01.2009/woja/odg)