Das Misstrauen vieler Juden gegenüber der formal so philosemitischen deutschen Gesellschaft wächst. Aber manchmal wird die Angst zur Paranoia.
Es sind Zeichen hilfloser Empörung. Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, bleibt der Gedenkstunde im Bundestag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz fern, weil das Protokoll sie nicht gesondert begrüßen wollte; sie lässt die Parlamentarier ratlos zurück.
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Ein Davidstern auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt. (© Foto: dpa)
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Wenige Tage später erklärt sie den Dialog mit der katholischen Kirche für vorerst beendet, weil Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation eines Traditionalisten-Bischofs aufgehoben hat, der den Holocaust leugnet; diesmal sind die deutschen Bischöfe ratlos.
Klug ist diese Empörung nicht, aber getroffene Menschen sind selten klug. Knoblochs Handlungen zeigen, dass im jüdischen Deutschland der Vorrat an Contenance knapp geworden ist, die Haut dünn, der Boden schwankend. Es ist etwas passiert im Verhältnis von Juden und Nichtjuden.
Dabei dürfte doch gar nichts passiert sein. Die Spitzen von Staat und Gesellschaft in der Bundesrepublik tun viel, manchmal gar alles, um jeden Eindruck zu vermeiden, sie relativierten den Judenmord oder die Gefahr des Antisemitismus.
Die Solidarität mit Israel gehört zur Staatsraison, wer leugnet, dass die Nationalsozialisten Millionen Juden ermordeten, kommt vor Gericht - nur in diesem Ausnahmefall bestraft ein deutsches Gesetz eine irrige Meinung.
Der Staat fördert den Bau von Synagogen und die Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in die Gemeinden; das christlich-jüdische Verhältnis ist ein wichtiges Thema auf Katholiken- und Kirchentagen.
Vergreift sich ein Politiker, Publizist oder Bischof im Ton, gibt es einen Skandal, da sind sich die Medien einig, ob konservativ, oder links. Manchmal wirkt das angestrengt, aber insgesamt kann die Bundesrepublik stolz darauf sein. Und eigentlich könnte das Verhältnis der Juden zum Rest des Landes herzlich und vertrauensvoll sein.
Hinter der Fassade
Stattdessen wächst das Misstrauen vieler Juden gegenüber dieser formal so philosemitischen Gesellschaft. Das ist doch alles nur Fassade, lautet ihr Vorwurf. Ihr, die Mehrheit, habt eure Betroffenheit gut gelernt, ihr senkt eure Stimme, wenn ihr mit Juden redet, und sucht angestrengt nach den richtigen Worten: Shalom, jüdischer Mitbürger! Doch hinter der Fassade leben die alten Vorurteile; sie wachsen, breiten sich aus. Und wir, die Juden, wissen nicht mehr, mit wem wir reden: mit einem Freund oder mit einem, der die Vokabeln der Correctness gelernt hat.
Als vor zwei Jahren die deutschen Bischöfe nach Israel reisten und einige dort für die Zustände in den Palästinensergebieten das Wort Ghetto benutzten, da trafen sich hinterher jüdische und katholische Vertreter zum Gespräch. Das Wort Ghetto sei kein Ausrutscher, sagten die Juden, in ihm zeige sich das wahre Denken der Bischöfe, man sei geradezu dankbar, dass endlich die Maske gefallen sei.
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Ich kann aus meiner Umgebung keinen zunehmenden Antisemitismus feststellen. Es gibt im Gegenteil noch immer großes Interesse bei Schülern. Das wurde in einem Fernsehbericht deutlich, der vor etwa zwei Wochen gesendet wurde. Darin wurde ein Überlebender des Holocaust vorgestellt, der regelmäßig in Schulen über dieses Thema spricht. Ein Projekt in der Schule meines Sohnes ist nur ein Beispiel für den Ernst und Respekt
http://www.krg-nw.de/index.php?option=com_content&view=article&id=280:lob-fuer-krg-schueler-&catid=101:pressemeldungen&Itemid=149
Ich glaube, dass der zdj eher ungeschickt reagiert hat: erst kommt die Definition des Trennenden, dann folgt die Abgrenzung. In der Grundschule hat mein Sohn in einer Klasse aus 16 Nationalitäten (von 26 Schülern!) gelernt. Zwar beschrieb die Lehrerin die Klasse als schwierig und anstrengend, aber nie gab es Konflikte als Folge nationaler Abgrenzung.
Wenn Juden in Deutschland das Gefühl haben, der Boden schwanke, dann könnte das auch daran liegen, dass sie spüren, dass das gelobte Land kein Ort der Sehnsucht mehr ist: Immer mehr Israelis verlassen das Land wieder. In einem Leserbrief in der Haaretz stellte eine Israelin fest: "Olmert hat uns mehr geschadet, als alle Hamas - Raketen zusammen. Wenn der Wind aus Gaza kommt, weht der radioaktive Staub der DS Munition herüber." Und sie wird sich auf mehr einstellen müssen. $21 Milliarden US-Militärhilfe hat die Regierung Bush bereitgestellt. Und weitere gigantische Lieferungen werden gerade verschifft. http://zmag.de/artikel/aussergewoehnlich-umfangreiche-us-waffenlieferung-nach-israel-planen-die-usa-und-israel-einen-breiter-angelegten-krieg-im-nahen-osten
Irgendwo wird das Ganze einmal explodieren und radioaktive Verseuchungen hinterlassen. Dann werden wir sehen, das der Staat Israel nur ein virtueller war.
Die militärische Logic bestimmt die Politik und das Leben in Israel. Die Tageszeitung enthält neben den Rubriken "Sport" und "Buiseness" die Rubrik "Defence".
Dabei kann man sich nicht dem Gefühl erwehren, dass der immerwährende Krieg in Gang gehalten werden soll:
Dov Weisglass, seinerzeit der engste Berater von Ariel Sharon, erklärte, dass die Abkoppelung von Gaza den Friedensprozess blockieren und nicht beleben sollte. Er beschreibt die Abkoppelung als "Formaldehyd, das erforderlich ist, um einen politischen Prozess mit den Palästinensern vermeiden." http://zmag.de/artikel/ein-anderer-krieg-eine-andere-niederlage Gerade jetzt brauchen wir den Dialog.
Lese ich hier die Kommentare, so habe ich das Gefühl, das hier einige Dinge vermischt werden, die man vielleicht besser trennen sollte.
Die Mitglieder des Vorstandes des Zentralrat der Juden in Deutschland sind deutsche Staatsangehörige, keine israelische Staatsangehörigen. Es ist daher müssig, sie für die Politik des Staates Israel anzugreifen, dessen Regierung sie nicht gewählt haben. Das sie , auch aus ihren Lebenserfahrungen heraus, vielleicht eher die Politik des Staates Israel verteidigen, mag nicht immer glücklich sein, ist aber für mich verständlich.
Das viele Juden, die in Deutschland leben - gleichgültig ob sie Deutsche sind oder nicht - , Israel als eine Art Lebensversicherung betrachten, mag vielen übertrieben erscheinen, ist aber ebenfalls verständlich.
Natürlich ist nicht jede Kritik an der Vorgehensweise der israelischen Regierung als antisemtisch zu werten, aber oft bedienen sich einige (nicht alle!) Kritiker bestimmter Klischees, die als antisemtisch gewertet werden können. Das finde ich sehr bedauerlich. Denn eine berechtigte Kritik wird dann umso schwieriger.
Es gab, vor über 100 Jahren im wilhelmischen Deutschland, eine Zeit, da die deutschen Juden (ja, doch) ganz begeisterte Patrioten waren. Sie waren Deutsche, liebten Deutschland und wollten gar nichts anderes sein als deutsche Juden. Sie haben sich im 1. Weltkrieg freiwillig gemeldet (einige von Ihnen durften sich den Dank des Vaterlandes dann in Auschwitz abholen) auch orthodoxe Rabbiner der Adass Jisroel Gemeinden waren sehr wilhelminisch und sehr deutsch. In ihren Schabbatpredigten zitierten sie Goethe und Schiller neben dem Talmud und fanden das völlig normal. Was bitte hat es Ihnen nach 1933 geholfen? Nichts, gar nichts.
Das auf dem Boden einer Erfahrung eines derart existentiellen Verlassen-Seins sich eine Haltung eines "auf der Hut seins" herausbildet, ist psychologisch nur zu verständlich. Im übrigen finde ich diese Haltung "gerade weil sie ausgegrenzt und ermordet wurden, sollten sie doch wissen, wie das ist" fatal. Sie unterstellt, dass Leiden einen Menschen besser machen muss, das ist mitnichten der Fall und sie weist Juden - unterschwellig - eine moralisch überhöhte Rolle zu, nur um sie dann im Namen von unerfüllbaren Ansprüchen umso stärker abwerten zu können.
Und nun? Soll ich jetzt Beifall klatschen, wenn Israel, Zitat "unverhältnismäßig", zurückschlägt? Ich habe Israel bis vor einigen Jahren auch als einen Ort gesehen, dem wir Beistand schuldig sind. Was passierte dann? Kriege, noch mehr Kriege und noch mehr Kriege, so langsam ist meine persönliche Geduld mit dem Land am Ende und nicht nur meine, wie mir scheint.
...und scheinbar nicht lernfähig.
Aus eigener Erfahrung mit den verschiedensten Leuten kann ich bestätigen daß die Unterstützung Deutscher den Juden gegenüber nicht optimal ist - bei den meisten Menschen fehlt eine allgemeine Sensibilität für Minderheitenschutz und Gerechtigkeit.
Aber unter dieser Problematik haben viele zu leiden: Türken, Asylanten, politisch Andersdenkende (siehe Hessen-SPD) usw. Das Pathos das der Zentralrat der Juden wiederholt aufgezogen hat bringt Niemandem Irgendwas.
Was für das heutige Zusammenleben weiterhelfen würde wäre wenn der Zentralrat der Juden sich mehr "integrieren" würde in die Gesellschaft in Deutschland und nicht immer nur vom Elfenbeinturm herabdoziert (P.S.: Integration bedeutet NICHT immer nur einer Meinung sein zu müssen...).
Das Gleiche gilt für Israel: Ich gehe davon aus daß die Mehrzahl der Länder weltweit Israels Existenzrecht unterstützen würde.
Aber diese Abgeschottetheit und fast Hochmut auf die Meinung Anderer nicht angewiesen zu sein, in Verbindung mit dem Umstand daß Israel pauschal und vollkommen unkritisch von den USA mit allen nur erdenklichen Formen von Waffen immer wieder hochgerüstet wird strapaziert den guten Willen aller Außenstehenden in einer Weise die man als Zumutung bezeichnen kann.
Wenn dieser simple Sachverhalt von Juden bzw. von Israelis als Antisemitismus beschimpft wird: Bittteschön. Selber schuld.
Offensichtlich handeln viele Israelis und Juden aus einer Selbstdefinition als "Opfer" heraus und merken dabei nicht einmal mehr wenn sie darüber selbst zum Täter werden.
Ich habe einmal einen Beitrag über eine Israelitin gesehen die beschlossen hat dieses Dasein als Opfer hinter sich zu lassen und sich für Frieden und Verständigung einzusetzen. Prompt wurde sie auf allerübelste von ihrer Umgebung gemobbt und als "Verräterin" beleidigt.
Mir tun Menschen die oder deren Familien unter Hassverbrechen gelitten haben Leid. Aber ich finde dennoch daß einmal Opfer gewesen zu sein nicht der Freibrief dafür sein kann in der Folge nach Belieben selbst gegen die Gesetze des Rechts verstossen zu dürfen!
krankhaftem Verfolg:ngswahn einordnen.
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