Juden in Deutschland Wer Existenzangst hat, differenziert nicht

Die Beschneidungsdebatte hat eine Lawine an Verachtung, Vorurteilen und Judenhass losgetreten, die es in der Bundesrepublik so noch nicht gegeben hat. Die jüdische Gemeinschaft zeigt sich wütend und verunsichert. Manches an diesem Zorn ist ungerecht. Aber: Verletzte reden nicht ausgewogen.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Es ist gerade kein Platz für Festreden und Floskeln, für die Hülsen von Versöhnung und Optimismus. "Meine Wut ist nicht vergangen, mein Zorn ist nicht verraucht" - das hat Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden, beim Gedenken für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 seinen Zuhörern entgegengeschleudert. Dem IOC hat er Eiseskälte vorgeworfen, weil es 1972 die Spiele weitergehen ließ und 2012 eine Erinnerung in London verweigerte. Weil es ja nur Juden gewesen seien, die starben. Und Charlotte Knobloch, Graumanns Vorgängerin, schreibt: "Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will" - angesichts der Beschneidungsdebatte seien ihre "Grundfesten ins Wanken" geraten.

Orthodoxe Juden in einer Westend-Synagoge in Frankfurt (Symbolbild): Es ist gerade kein Platz für Festreden und Floskeln.

(Foto: dapd)

Wenn Charlotte Knobloch so etwas sagt, ist tatsächlich etwas ins Wanken geraten zwischen den Juden und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Sie war es, die einst dem damaligen Zentralrats-Vorsitzenden Ignatz Bubis widersprach, als der erklärte, er habe nichts erreicht in dem Amt. Es ist etwas passiert, wenn aus Dieter Graumann solcher Zorn bricht - einem, der angetreten ist, die Juden "aus der Meckerecke" zu bringen. Es ist etwas zerbrochen zwischen Minderheit und Mehrheit in den vergangenen Wochen. Alte Brüche sind sichtbar geworden. Die Verletzungen schmerzen wieder.

Es brennen wieder die Narben der Überlebenden des Judenmordes. Bei Charlotte Knobloch sowieso, die sich als Kind vor den Mördern verstecken musste. Aber auch bei Graumann, Jahrgang 1950, den die Eltern vom ersten Schultag an Dieter nannten, und nicht mehr David, damit er nicht als Jude erkennbar war.

Es sind Narben, die nicht verschwinden, wenn die Zeitzeugen sterben. Es kommen die Brüche von 1967 wieder zum Vorschein, als Israel im Sechstagekrieg in den Augen vieler Deutscher vom bedrohten Land zur Besatzungsmacht wurde und sich die Linke, bislang den Juden nahe im Kampf gegen Rassismus, den vermeintlichen Anti-Imperialisten von der PLO zuwandte.

Immer wieder passiert das in diesem schwierigen Verhältnis zwischen Juden und jener Mehrheit, bei dem die Juden nie ganz wissen können, auf welcher Seite einst die Eltern und Großeltern dessen standen, auf den sie treffen. Es passiert, wenn Politiker vom "Ghetto" reden, wenn sie aus den Palästinensergebieten zurückkehren, oder wenn der deutsche Papst die Exkommunikation eines Holocaust-Leugners aufhebt.

Ein Test der eigenen Zivilität

Die Bürger der Mitte, die eigentlichen Verbündeten verraten uns - das ist für viele Juden schwerer zu ertragen als der ohnehin erwartete Antisemitismus von Altnazis und jungen Arabern. Jetzt ist das wieder so. Nicht so sehr, weil ein Kölner Richter Beschneidung als Körperverletzung gewertet hat. Sondern weil das Urteil über die nötige Diskussion hinaus eine Lawine an Verachtung, Vorurteil und Judenhass losgetreten hat, die es in der Bundesrepublik so noch nicht gegeben hat.

Manches an diesem Zorn ist ungerecht. Manches ist auch der Verunsicherung einer Gemeinschaft geschuldet, in der gerade die letzten Überlebenden des alten deutschen Judentums sterben, und von der niemand sagen kann, wie sie in zehn Jahren aussehen wird. Aber: Wer verletzt ist, redet nicht ausgewogen. Wer Existenzangst hat (und ja: Ein Beschneidungsverbot ginge an die Substanz der jüdischen Religion), differenziert nicht. Wer keinen Boden unter den Füßen sieht, der hält keine Festreden.

Das ist nicht immer leicht zu ertragen. Aber es muss ertragen werden - was nicht heißt, Kontroversen zu meiden. Mehr noch: Es bedeutet zu lernen, den Zorn als Spiegel des Eigenen zu sehen, als Test der eigenen Zivilität, als Anlass zur Beunruhigung. Es ist kein schönes Bild, das dieser Spiegel da gerade liefert.