Nach einem Jahr im Amt hält sich Nicolas Sarkozy noch immer für den Besten, will es aber weniger zeigen.
Das erste Jahr im Elysée war nicht besonders gut. Zeitweise war der Ruf des Hausherrn arg ramponiert, und das lag auch an der krassen Kluft zwischen der Selbsteinschätzung des Präsidenten Nicolas Sarkozy, der vor knapp zwölf Monaten seinen großen Wahlsieg feierte, und seiner öffentlichen Wahrnehmung.
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Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy während seines TV-Interviews (© Foto: Reuters)
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In der Reihe der sechs Präsidenten, die der Fünften Republik vorgestanden haben, war nach dem ersten Amtsjahr keiner so beliebt wie Charles de Gaulle und keiner so verhasst wie Nicolas Sarkozy. Nun haben sich die Erinnerungen an de Gaulle längst verklärt, die Mehrheit hat ihn nicht mehr selbst erlebt. Zu Sarkozy aber hat jeder Zeitgenosse seine eigene Anschauung, meist keine gute. Und doch ist Sarkozy überzeugt, dass er der erfolgreichste Präsident seit de Gaulle ist. Er wolle nichts beschönigen, sagte er neulich, ,,aber regieren ist einfacher, als ich gedacht habe''.
In seinem annähernd zweistündigen Fernsehinterview hat Sarkozy am Donnerstagabend versucht, die Franzosen wieder zu sich herüberzuziehen. Das Unternehmen war, gemessen an den Reaktionen, zumindest kein Misserfolg. Es wurde auch Zeit, dass dieser Präsident wieder an Boden gewinnt.
Zugeständnisse in der Form
Seine Unpopularität hatte fast mehr mit seinem Auftreten als mit seiner Politik zu tun. Seine Reformen - von den Universitäten bis zur Einwanderung - will er ungebremst durchziehen, wohl wissend, dass er immer auf heftigen Widerspruch stoßen wird. Aber in der Form macht Sarkozy Zugeständnisse. Neuerdings gesteht er sogar Irrtümer ein, wenn er dabei auch nicht allzu konkret wird.
Vor einem Jahr war er so fulminant gestartet, war bisweilen so umtriebig gewesen, dass es der Opposition die Luft abschnürte. Zudem war es ihm gelungen, prominente Sozialisten unter die eigene Fahne zu holen. Sein Außenminister war seine größte Trophäe. Mag auch Bernard Kouchner seine beste Zeit hinter sich gehabt haben, eine Galionsfigur der Linken war er immer noch.
Dem vormaligen Menschenrechtler fällt es schwer, unter Sarkozy sich selber treu zu bleiben, aber er ist hinreichend eitel, um sein Amt zu genießen. Außenpolitisch hat Sarkozy einen wichtigen Erfolg erzielt, an dem Kouchner höchstens mittelbar beteiligt war: Der Trick, die am Widerspruch der Franzosen gescheiterte EU-Verfassung durch einen Minivertrag zu ersetzen, der eben nicht wieder von den unzuverlässigen Bürgern ratifiziert werden musste, hat geklappt.
In Erinnerung bleiben ein paar fatale Schwächen und falsche Einschätzungen Sarkozys. Der tiefste Einbruch in der öffentlichen Meinung folgte auf den Besuch des Libyers Muammar el-Gaddafi in Paris. Da hatte sich Sarkozy von dem Herrn aus dem Morgenland die Agenda aufzwingen lassen und die angeblichen Milliardenaufträge haben sich bis heute nicht konkretisiert. Auch ob sich Sarkozys unablässiges Werben um die Gunst Chinas auszahlt, bleibt fraglich.
Der Präsident, der politische Moral fester verankern wollte, lässt seine Abgesandten in Peking unwürdige Bücklinge machen. Einerseits gibt er sich schockiert über das Vorgehen in Tibet, feiert aber zugleich China als verantwortungsbewusste Großmacht. Es gab Situationen in den letzten zwölf Monaten, da hat die französische Linke die Deutschen um ihre Bundeskanzlerin beneidet, weil Angela Merkel Prinzipien hat und zum Beispiel den Dalai Lama im Kanzleramt empfing.
Ein Jahr, das ist natürlich zu früh, um Bilanz zu ziehen, immerhin ist der Präsident auf fünf Jahre gewählt. Sein privates Leben wird er künftig nicht länger den öffentlichen Blicken aussetzen. Mit seinem Fernsehinterview vom Donnerstagabend versuchte Sarkozy, neu durchzustarten. In gut zwei Monaten übernimmt Frankreich die EU-Präsidentschaft. Ein starker Sarkozy ist für seine Kollegen nur schwer erträglich. Ein geschwächter französischer Präsident aber wäre schädlicher für die Union.
(SZ vom 26./27.4.2008/mati)