Von Daniel Brössler

Der letzte Text der ermordeten Anna Politkowskaja zeigt mögliche Motive ihrer Mörder.

Ihr Essay beginnt mit drastischen Worten: ,,Ich bin ein Paria'', schrieb die russische Journalistin Anna Politkowskaja wenige Wochen vor ihrem Tod.

Begräbnis Politkowskaja, dpa

Trauernde erweisen der ermordeten Journalistin die letzte Ehre. (© Foto: dpa)

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Die Washington Post hat diesen Artikel, der eigentlich erst kommendes Jahr in einem Buch hatte veröffentlicht werden sollen, nun publiziert. Der Text offenbart womöglich Spuren zu den Mördern der Journalistin. In jedem Fall enthält er eine erschütternde Anklage.

"Säuberungen der politischen Arena"

Wegen ihrer Berichte über die Verbrechen in Tschetschenien werde sie im Russland des Wladimir Putin als ,,unverbesserlicher Feind'' behandelt, berichtete die Reporterin. ,,Vor einiger Zeit erklärte Wladislaw Surkow, Putins stellvertretender Verwaltungschef, es gebe Feinde, denen man Vernunft beibringen könne und solche, die aus der politischen Arena gesäubert werden müssten'', schrieb sie.

Die Journalistin fühlte sich bedroht und hatte das Gefühl, sie solle weggesäubert werden. Politkowskajas wohl gefährlichster Gegner hieß Ramsan Kadyrow. Der tschetschenische Ministerpräsident ist Putins brutaler Statthalter in Grosny und nach Darstellung Politkowskajas ein Günstling Surkows.

Mitglieder der kremltreuen tschetschenischen Regierung hätten sie vor Kadyrow gewarnt, schrieb Politkowskaja: ,,Er sagte während einer Kabinettsitzung, dass er genug habe und dass Politkowskaja eine verfluchte Frau sei.''

"Ich bot ihr Geld und sie lehnte es ab"

Beim Vizechef der tschetschenischen Sonderpolizei habe sich Kadyrow zudem beschwert: ,,Sie ist so dumm, dass sie nicht einmal den Wert des Geldes kennt. Ich bot ihr Geld und sie lehnte es ab.''

Kadyrows Wut könnte, wie Politkowskaja selbst vermutete, mit Veröffentlichungen zu tun haben wie jener über einem Vorfall im tschetschenischen Ort Kurtschaloi in diesem Juli.

Dort sollen Kadyrow-Leute 24 Stunden lang den Kopf eines enthaupteten Rebellen zur Schau gestellt haben. Russische Journalisten fragen sich, ob der Mord an Politkowskaja im Zusammenhang mit einer im Internet kursierenden Videoaufnahme stehen könnte.

Die mit einem Handy gemachte Aufnahme zeigt eine Entführung. In einer Gruppe Uniformierter ist dabei auch ein Mann mit dem Aussehen Kadyrows zu sehen. Politkowskaja hatte in der Zeitung Nowaja Gaseta auf diese Aufnahme verwiesen und schwere Vorwürfe gegen Kadyrow erhoben.

Todfeindin des russischen Statthalters

Zur Todfeindin Kadyrows wurde Politkowskaja womöglich auch durch ein Gespräch, das sie mit ihm geführt hatte. ,,Ich interviewte ihn einmal und druckte das Interview unverändert ab - mit all seinem charakteristischen Schwachsinn, seiner Ignoranz und seinen teuflischen Neigungen. Ramsan war überzeugt, ich würde es komplett umschreiben und ihn als intelligent und ehrenwert darstellen'', erinnerte sich Politkowskaja.

Kadyrow selbst weist nun alle Anschuldigen von sich. ,,Tschetschenen töten keine Frauen. Frauen sind uns heilig'', ließ er wissen. Er glaube, ,,ihr Mord ist in Auftrag gegeben worden, um meinen Namen in den Schmutz zu ziehen''.

Diese Argumentation hat bereits höchsten Segen erhalten: ,,Die Ermordung Politkowskajas schadet der russischen und insbesondere auch der tschetschenischen Führung erheblich mehr als ein Zeitungsartikel es vermag.

Dieses schreckliche Verbrechen fügt Russland viel moralischen und politischen Schaden zu'', sagte Präsident Wladimir Putin vergangene Woche der Süddeutschen Zeitung. Kadyrow stehe sicher nicht hinter dem Mord, denn Politkowskajas ,,Veröffentlichungen haben weder seiner Politik geschadet noch seine politische Karriere behindert.''

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(SZ vom 17.10.2006)