Journalismus Quellenangabe

Die BBC hat ein ehernes journalistisches Gesetz verletzt - den Schutz der Informanten

Von Hans Leyendecker

Es gibt ein paar eherne Regeln im Journalismus. Wer sie verletzt, muss den Bruch dieser Normen gut begründen.

Regel 1: Über Quellen (also Informanten) redet man nicht.

Regel 2: Informanten müssen unter allen Umständen geschützt werden.

Regel 3: Der Schutz der Informanten gilt auch für die Zeit nach ihrem Tod. (Ausnahme: Die Quelle hat verfügt, dass ihr Name publiziert werden kann. Nur sie darf darüber bestimmen.)

Gegen diese drei Regeln hat die angesehene Rundfunkanstalt BBC im Fall des britischen Wissenschaftlers David Kelly verstoßen.

Ob der Verstoß berechtigt war, werden Nachprüfungen zeigen, aber der bisher bekannt gewordene Ablauf der Affäre spricht dagegen: Am Morgen des 29. Mai 2003 hatte BBC-Korrespondent Andrew Gilligan in einem Beitrag für das 4. Radioprogramm behauptet, die Regierung Tony Blair habe das Geheimdienstmaterial über Massenvernichtungswaffen des Irak vor der Veröffentlichung eines Dossiers im September 2002 "sexier gemacht", damit der Krieg einen Grund bekommen sollte. Dies habe ihm eine Quelle gesagt, die anonym bleiben möchte.

Rätseln über die Quelle

Ein paar Minuten später erweiterte er im 5. Hörfunkprogramm den Vorwurf gegen die Regierung: Die meisten britischen Geheimdienstler seien mit dem Dossier nicht einverstanden.

Sogleich wurde über Gilligans Quelle gerätselt. Und der Reporter beschrieb, was aus journalistischer Sicht schwer nachzuvollziehen ist, das Umfeld, in dem die Quelle arbeite: Es handele sich um einen Beamten im nicht-geheimen Teil des öffentlichen Dienstes; als Gilligan zudem am 1. Juni in der Mail on Sunday behauptete, Blairs Kommunikationsdirektor Alastair Campbell habe das Dokument manipuliert, eskalierte der Streit.

Die Aufregung bewegte den 34-Jährigen offenkundig, am 19. Juni vor einem Parlamentsausschuss die anonyme Quelle näher zu beschreiben: Es handele sich um einen hochrangigen Beamten, der offiziell mit der Abfassung des Dossiers zu tun gehabt habe.

Er kenne die Quelle schon lange; sie verstehe eine Menge vom irakischen Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Da hätte er auch gleich David Kelly sagen können.

Die Beschreibung passte: Sieben lange Jahre hatte der 59 Jahre alte Mikrobiologe als Waffeninspekteur im Irak gearbeitet. Kelly war wissenschaftlicher Berater des Verteidigungsministeriums und "anderer Regierungsstellen", was den Geheimdienst einschließt.

Als Informant geoutet

Im Mai und Juni 2002 hatte er einen Bericht über das irakische Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen geschrieben. Für die Regierung Blair war es leicht, Kelly zu identifizieren - der auch zugab, sich am 22. Mai mit Gilligan getroffen zu haben.

Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums steckte ein paar Journalisten den Namen Kelly - und in großen britischen Blättern wurde der Wissenschaftler prompt als Informant der BBC geoutet.

Kelly selbst räumte ein, Gilligan auch im Herbst 2002 mal getroffen zu haben, er könne aber nicht dessen "zentrale Quelle" sein.

Der unter Druck stehende Premier Tony Blair verlangte schließlich am vorigen Mittwoch, die BBC müsse erklären, ob Kelly die Quelle sei. Am Donnerstag nahm sich der Wissenschaftler das Leben. Nach seinem Tod behauptete die BBC dann am Sonntag, Kelly sei die Hauptquelle des Senders gewesen.

Dieser laxe Umgang mit einem Informanten trifft den gesamten Berufsstand - ausgerechnet die BBC greift die existenziellen Grundlagen des Journalismus an.

Immer wieder - und das ist in allen Ländern ähnlich - versuchen Staatsanwälte oder Privatpersonen, bei brisanten Geschichten die Identität von Quellen zu erfahren. In Deutschland, aber auch in Großbritannien gibt es ein Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten.

Sie können nicht gezwungen werden, den Namen der Quelle zu offenbaren. Informanten gehen, auch weil sie oft ein Anliegen haben, beträchtliche Risiken ein - und Journalisten müssen ihre bodyguards sein. Sonst könnten die Blätter ihre Wächter-Funktion nicht wahrnehmen.

Vor einem Untersuchungsausschuss in Düsseldorf trat in den achtziger Jahren der damalige Bonner Büroleiter des Spiegel, Dirk Koch, als Zeuge auf.

Er sollte etwas über vermutete Quellen in der Parteispendenaffäre sagen. Koch nannte seinen Namen, sein Alter und seinen Beruf und erklärte, zu allen Punkten werde er nichts mehr sagen. Er wurde zu Quellen befragt und erklärte, er empfinde eine solche Frage als "Unverschämtheit".

Ausschussmitglieder drohten mit Zwangsmaßnahmen wie Beugehaft - und Koch sah das sehr gelassen. "Über Quellen wird nicht geredet", sagte der Bürochef. Dann ging er und keiner traute sich, ihn oder den Spiegel aufzuhalten.

Manchmal werden Informanten durch andere Medien enttarnt. 1982 deckte der Spiegel die Praktiken des gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat auf. Unter dem Etikett der "Gemeinnützigkeit" hatten Manager private Geschäfte betrieben.

Der Informant saß in der Nähe des Konzernchefs Albert Vietor ("König Albert") und hatte die Unterlagen in die Reaktion gebracht. Der Spiegel veröffentlichte Anfang 1982 die Geschichte.

Ein Chef-Journalist, bei dem der Informant vorher gewesen war und der den Wert der Unterlagen nicht erkannt hatte, rächte sich unjournalistisch - der Name des Tippgebers, John Siegfried Mehnert, wurde Monate später indiskretioniert.

Auch in der Affäre um den Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping und den PR-Unternehmer Moritz Hunzinger im vorigen Jahr trat ein Informant auf, der mit einigen Journalisten über den Stoff, den er besorgt hatte, verhandelte.

Er wollte viel Geld. Die Story landete schließlich beim Stern. Die Mitbieter haben den Informanten selbstverständlich nicht enthüllt.

Bei fast allen großen Skandalen in Deutschland sind die Namen der Informanten von den Redaktionen geheim gehalten worden. In der Flick- und Parteispendenaffäre gab es eine Reihe wichtigster Informanten - keiner von ihnen ist aufgeflogen.

Ein CDU-Abgeordneter spekulierte wild, Millionensummen seien an die Tippgeber gezahlt worden; das war falsch. Zumindest der Spiegel, der journalistisch vorne war, hat keine Mark gezahlt.

Aber die Macher des Blattes haben nicht einmal die Behauptungen des Parlamentariers dementiert: Schon die Aussage, es sei nicht gezahlt worden, hätte damals ein Hinweis sein können.

Die bekannteste Quelle, über deren Identität es viele Spekulationen aber keinerlei Gewissheit gibt, ist "Deep Throat" in der Watergate-Affäre. Das war der Kodename für jenen Informanten, der einst half, die Watergate-Verschwörung ans Licht zu bringen.

US-Präsident Richard Nixon musste schmachvoll gehen. Keinem der Watergate-Enthüller, dem mittlerweile verstorbenen Carl Bernstein oder seinem Kollegen Bob Woodward, wäre es eingefallen, den Kreis der Verdächtigen selbst einzugrenzen, wie es Gilligan von der BBC gemacht hat.

Möglicherweise wird ja nach dem Tod von "Deep Throat" mit dem Einverständnis des Tippgebers das Geheimnis gelüftet. Die Erklärung der BBC, auf Bitten der Familie und um Spekulationen zu beenden, werde Kelly (der sich dagegen nicht wehren kann) als Hauptzeuge enttarnt, macht fassungslos.

Was er in dieser Affäre gelernt habe, wurde Kelly bei seiner Befragung Mitte Juli vor dem außenpolitischen Ausschuss des Parlaments befragt. Seine Antwort: "Dass ich nie mehr mit Journalisten reden werde."

(sueddeutsche.de)