Interview: Thorsten Denkler

SZ-Polen-Korrespondent Thomas Urban über die harten Medienmacher jenseits der Neiße, deutsche Befindlichkeiten und die Frage der Ehre.

sueddeutsche.de: Herr Urban, die polnische Wochenzeitschrift Wprost ist in Deutschland jetzt zum dritten Mal mit deutschenfeindlichen Fotomontagen aufgefallen. Warum kommt das in Polen so gut an?

Bild vergrößern

Sorgt für Ärger in Deutschland: Der aktuelle Titel der Zeitschrift "Wprost". (© Foto: dpa)

Anzeige

Thomas Urban: Das hat zwei Ursachen: Die Polen sehen eine Annäherung Deutschlands an Russland auf ihre Kosten. Als Beipiel wird gerne der von Schröder und Putin vorangetriebene Bau einer Erdgas-Pipeline an Polen vorbei durch die Ostsee genannt. Das zweite ist die von den Polen als Geschichtsrevisionismus empfundene Debatte über die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Daraus resultiert, dass viele Polen glauben, die Deutschen wollen Europa dominieren, wie einst die Nazis.

sueddeutsche.de: Dieses neue Titelbild mit Merkel, auf dem sie die beiden Kaczynski-Brüder an ihrem blanken Busen nährt, kann auch als Attacke gegen die eigene Regierung verstanden werden, die auf dem EU-Gipfel auf einige ihrer Forderungen verzichten mussten.

Urban: Wprost ist immer schon kritisch gegenüber der eigenen Regierung gewesen, unabhängig davon, wer sie stellt. Aber dieser Titel geht ganz klar gegen die Deutschen und gegen die angeblich von Deutschland kontrollierte EU. Dafür spricht schon die Schlagzeile: "Die Stiefmutter Europas". Auch die Polen kennen die Märchen mit der bösen Stiefmutter.

sueddeutsche.de: Warum ist es immer wieder diese Zeitschrift, die derart auffällt? Sie ist immerhin die auflagenstärkste Wochenzeitschrift in Polen.

Urban: Wprost liebt die Provokation als Mittel der Auseinandersetzung. Die Redaktion setzt dafür immer wieder Fotomontagen ein. Als deutsche Grüne an einer damals verbotenen Homosexuellen-Parade in Warschau teilgenommen haben, veröffentlichte Wprost eine Fotomontage, die eine Gruppe von Männern in SA-Uniform mit regenbogenfarbenen Armbändern zeigte. Motto: Die Deutschen in Warschau.

sueddeutsche.de: In Deutschland wären solche Titel undenkbar. Woher kommt diese Härte?

Urban: Die polnische Gesellschaft ist völlig polarisiert. Es gibt ein hartes rechtes Lager und es gibt ein liberales bis linkes Lager. Aber es gibt nur eine ganz schwache Mitte. Entsprechend werden politische Auseinandersetzungen nicht im Tone des Konsensus ausgetragen, sondern mit den Mitteln der Zuspitzung. Die polnischen Medien gehen deshalb grundsätzlich aggressiver an die Themen heran. Das gilt auch für die Innenpolitik. Sie lieben eine drastische Sprache und drastische Bilder.

sueddeutsche.de: Wie empfinden Ihre polnischen Kollegen das?

Urban: Die polnischen Journalisten sehen sich weniger in der Rolle des Beobachters, des Berichterstatters, als vielmehr in der des Agitators, der kampagnenartig gegen den politischen Gegner vorgeht. Diejenigen etwa, die sich mit Deutschland befassen, sehen sich grundsätzlich zunächst als Verteidiger der Ehre des Vaterlandes, was für deutsche Korrespondenten völlig undenkbar ist. Manche haben klare Anweisung, die Deutschen in einem trüben Licht erscheinen zu lassen. Ich weiß von einem Redakteur einer Warschauer Tageszeitung, der jeden Tag das deutschsprachige Internet zu durchforsten hat, um irgendwelche negativen Geschichten über Deutschland zu finden.

sueddeutsche.de: So gesehen scheint dieses Titelblatt gegen Merkel eher eine harmlose Ausprägung des polnischen Journalismus zu sein.

Urban: Völlig richtig. Man darf auch nicht vergessen, dass auch die polnischen Politiker von den Medien viel härter rangenommen werden als in Deutschland.

sueddeutsche.de: Wird der antideutsche und antieuropäische Kurs von allen polnischen Medien gestützt?

Urban: Es gab darüber keineswegs einen Konsens in den polnischen Medien. Ich nenne als Beispiel Gazeta Wyborcza oder Polityka. Beide haben sehr kritisch über den Konfrontationskurs der Kaczynskis berichtet. Hier wurde eher die Auffassung vertreten, dass die Polen irgendwann für diese Politik werden bezahlen müssen.

sueddeutsche.de: In Polen sind Blätter aus dem Springer-Verlag - wie Fakt, Newsweek oder die an der Welt orientierte Tageszeitung Dziennik - sehr erfolgreich. Es heißt, zumindest das Boulevardblatt Fakt mische in der antideutschen Berichterstattung heftig mit.

Urban: Das traf zu, als Fakt im Herbst 2003 auf den Markt gekommen ist. Damals brachte das Blatt, wohl um den Beweis zu erbringen, von den Deutschen unabhängig zu sein, ein halbes Jahr lang eine antideutsche Geschichte nach der anderen. Das hat im Sommer 2004 aufgehört und ist auch nicht zurückgekommen. Newsweek und Dziennik treten gemäßigt auf. Sie haben ganz offensichtlich die Anweisung bekommen, deutsch-polnische Fragen nicht zuzuspitzen. Nichtsdestotrotz ist Fakt wesentlich härter als die Bild-Zeitung in Deutschland. Sie hat die Grenzen des guten Geschmacks weit nach unten verschoben.

Thomas Urban ist Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Er berichtet seit 1988 für die SZ aus und über Osteuropa. Zu den deutsch-polnischen Befindlichkeiten hat er mehrere Bücher geschrieben.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)