Von Ingo Salmen, Münster

Joschka Fischer über den Gaza-Krieg: Eine Rede über pilgernde Außenminister und Lösungen in Teheran. Der Ex-Minister bringt auch die Türkei ins Spiel.

Im Hörsaal F1 der Universität Münster ist die Lage unübersichtlich: Einige hundert Menschen finden geordnet Platz, etwa doppelt so viele suchen noch. "Wir müssten jetzt gemeinsam eine Lösung finden", sagt Gerd Althoff und erntet Gelächter.

Bild vergrößern

Joschka Fischer: "Die Zeiten sprechen dafür, das Fragezeichen zu streichen." (© Foto: AP)

Anzeige

Der Geschichtsprofessor versucht's mit Ökonomie. Es fänden ja noch drei weitere Veranstaltungen in der Ringvorlesung "Mediation" statt, sagt er: "Jeder von Ihnen, der da hinkommt, kriegt von mir persönlich 50 Cent." Wieder Gelächter. Althoff beugt sich - ernster - übers Pult: "Ich appelliere an Ihre Vernunft!"

Am Ende hilft ihm nur ein Machtwort: Wenn es nicht gelinge, die Fluchtwege frei zu bekommen, indem einige dem Vortrag draußen per Videoübertragung zuhören, dann müsse diese Veranstaltung eben ausfallen.

Es gelingt. Denn alle wollen Joschka hören, der sich beim Dienstabschied als letzter Rock'n'Roller der deutschen Politik inszenierte und heute mehr denn je Staatsmann zu sein scheint. Wie einem Altrocker jubeln ihm die Studierenden zu, sobald Joschka Fischer den Saal betritt. Er redet an diesem Dienstagabend über: "Ein unmöglicher Friede? Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern."

Das ist Fischers großes Thema. 2001 hielt er sich zufällig als Außenminister in Tel Aviv auf, als sich ein junger Palästinenser dort vor einer Diskothek in die Luft sprengte - und der Deutsche spontan zum Vermittler wurde. Bis dahin hätten ihn die Abteilungen des Auswärtigen Amtes vor diplomatischen Gesprächen stets mit Informationskarten vorbereitet, erzählt der Politrentner: "Seitdem brauche ich keine Karten mehr." Gespannte Stille. Das Publikum erhofft sich aktuelle Ideen zum Konflikt.

"Auf beiden Seiten fehlt die Kraft"

Fischer zeichnet jedoch ein pessimistisches Bild. Vermittlung zwischen Israelis und Palästinensern sei "nötiger denn je", doch sie werde "immer unwahrscheinlicher". Er holt weit aus, wirft ein Schlaglicht auf die Historie und benennt die Instabilität der Grenzen, die beim Niedergang der Kolonialreiche gezogen wurden, als zentrales Problem. Bis heute könnten weder die Israelis und Palästinenser sagen, wo ihr Land beginne und ende.

Immerhin sei die Idee, über die Grenzen von 1967 zu reden, inzwischen akzeptiert, allerdings sei an eine Verwirklichung nicht zu denken, doziert der Ex-Außenminister: "Auf beiden Seiten fehlt die Kraft." Insbesondere die säkularen Politiker im arabischen Raum hätten abgewirtschaftet, weshalb religiös motivierte Kräfte dem Konflikt eine "neue Dimension" verliehen. Die Lage werde zunehmend komplexer, das werde "einen territorialen Kompromiss sehr viel schwieriger machen."

Die Äußerung der Kanzlerin Angela Merkel, man dürfe im Krieg um Gaza nicht Ursache und Wirkung verwechseln, wertet Fischer als "richtigen Hinweis". Allerdings erneuert er seine Kritik am europäischen Krisenmanagement: "Was mich aufgeregt hat, ist die Pilgerschaft von nationalen Außenministern." Dieses Vorgehen werde vor Ort nicht ernst genommen und diene allenfalls innenpolitischen Zielen, moniert Fischer - freilich verkneift er sich, seinen Amtsnachfolger Frank-Walter Steinmeier, der erst am Wochenende die Region bereist hat, explizit zu erwähnen.

Den Vorstoß des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy hätte Fischer sich als EU-Initiative gewünscht. Auch von Barack Obama erwartet er baldige Bemühungen um einen Waffenstillstand. Schließlich spiele sich im Gaza-Streifen eine "humanitäre Katastrophe" ab. "Dennoch empfehle ich eine regionale Lösung an erster Stelle", sagt Fischer.

Die Macht in Teheran

Damit hat er den Bogen von den Imperien der Geschichte zu den Mächten der Gegenwart geschlagen: "Ich glaube nicht, dass es israelisch-palästinensischen Fortschritt gibt, wenn Syrien und der Iran außen vor bleiben". Der amerikanische Einmarsch in Irak habe Teheran zur Hegemonialmacht aufsteigen lassen. Nach der Förderung der Hisbollah im Libanonkrieg 2006 und nun der Unterstützung der islamistischen Hamas betrachtet er den Kampf im Gaza-Streifen daher als "zweiten iranisch-israelischen Krieg".

Mit dem Iran müsse der Westen folglich einen Deal machen: Verzicht auf Atomwaffen gegen technologische Unterstützung - und sich über die Rolle der Mullahs im Staatengefüge des Nahen Ostens verständigen. Für Iran wie Syrien und Ägypten stelle sich die Frage: "Wie kann man diesen Regierungen dabei helfen, sich zu öffnen, ohne dabei unterzugehen?"

Auch deshalb hält der grüne Politiker die europäischen Bemühungen für unzureichend: weil sie auf die Einbindung der Türkei verzichten, "unser stärkstes Plus" gegenüber dem Iran. Je ernster sich das Land europäisiere, desto schärfer weise die EU seine Hilfe zurück. Schließlich deute das "türkische Experiment" auf eine entscheidende Frage hin: "Lassen sich politischer Islam und Radikalität trennen?"

Fischer wäre nicht Fischer, wenn er nicht weiteres Ungemach heraufziehen sähe: "Vergessen wir nicht, dass hinter dem Horizont die eigentliche Gefahr allmählich sichtbar wird, und das ist der beginnende Zerfall der Atommacht Pakistan." Insofern würde er heute das Vortragsthema vom "unmöglichen Frieden" modifizieren: "Die Zeiten sprechen dafür, das Fragezeichen zu streichen."

Die Studenten klatschen. Sie sind zurück aus dem Gesamtgefüge der großen Welt in Münster, Deutschland. Fischer als Redner ist noch immer ein Erlebnis. Da quetscht man sich schon einmal in einen überfüllten Hörsaal - auch wenn das Thema so traurig ist.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/jja)