Jordanien Bis zum letzten Tropfen

Das Flüchtlingslager Zaatari ist heute die viertgrößte Stadt Jordaniens, 80000 Menschen leben hier.

(Foto: Muhammed Muheisen/AP)

Viele Flüchtlinge, zu wenig Wasser: Jordanien kämpft gegen den Mangel. Die Bundesregierung schaltet sich ein, der Kampf um Ressourcen könnte aber Konflikte in der Region zuspitzen.

Von Markus Balser, Amman

Es gibt in Zaatari eine kleine Anhöhe. An klaren Tagen kann Adl Toka, 31, von hier bis nach Syrien sehen, ein Land, das ihm fern erscheint fünf Jahre nach der Flucht vor den todbringenden Fassbomben nach Jordanien. Vier auf fünf Meter, weiße Wellblechwände: Der Container mit der Nummer 49/08/04 bietet Toka, seiner Frau Jasmin, 23, und vier Kindern Schutz vor Wind und Wüstensand. Mehr nicht. Winziges Wohnzimmer, Vorraum, Kochecke. Nur abends gibt es Strom. Die 28 Dollar, die pro Kopf und Monat zum Leben bleiben, reichten kaum aus, sagt Toka. "Die Kinder essen immer mehr. Sie brauchen Milch." Und die ist teuer in Zaatari.

Natürlich würde auch Toka gerne weg. Wohin? "Egal, in ein Land, das bereit ist, uns aufzunehmen." Doch die Balkanroute nach Europa ist dicht, andere arabische Länder nehmen kaum Flüchtlinge auf. Und so ist das Flüchtlingscamp zwei Autostunden nördlich der Hauptstadt Amman, kurz vor der Grenze zu Syrien, heute eine der größten Städte des Landes. 80 000 Menschen leben in der unwirtlichen Wüste auf fünf Quadratkilometern. Ein Ende der provisorischen Stadt ist nicht abzusehen. Und so gaben die Flüchtlinge den nummerierten Straßen wenigstens Namen. Die Einkaufsmeile des Lagers tauften sie spöttisch ihre "Champs-Élysées".

Für Jordanien ist der Ansturm schwer zu verkraften. Das kleine Land ist wirtschaftlich schwach und vor allem wasserarm. Die Vereinten Nationen zählen es zu den zehn wasserärmsten Ländern der Welt. Trotzdem haben die sieben Millionen Jordanier eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Die Folgen: Vielerorts steigen Mieten, werden ohnehin rare Jobs noch rarer, sinken Löhne. Vor allem verschärft sich der Wassermangel. Viele Dörfer und Städte in der Region bekommen nur einmal in der Woche eine Lieferung, dann werden eilig Tanks gefüllt. Was Wasserknappheit bedeutet - hier wird das globale Zukunftsproblem greifbar.

Der Grundwasserspiegel ist in 20 Jahren um 20 Meter gefallen - nun sind es 15 Meter pro Jahr

Teure Lieferungen privater Händler kann sich hier kaum jemand leisten. Und so greift die staatliche Sparpolitik. Nur noch die Hälfte, 80 Kubikmeter Wasser, steht den Bewohnern der nördlichen Provinzen pro Kopf und Jahr zur Verfügung. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Verbrauch bei 2000. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung werden 2050 etwa vier Milliarden Menschen, also fast die Hälfte der Weltbevölkerung, unter Wassernot leiden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen steigt der weltweite Bedarf an Agrarprodukten bis zum Jahr 2050 um bis zu 70 Prozent. Der Wasserbedarf wächst wegen immer mehr Bewässerung in problematische Dimensionen.

Es geht gerade im politisch aufgeladenen Nahen Osten um keine Nebensache. Jordanien sei "ein Schlüsselland für die Stabilität der Region", sagt Agrarminister Christian Schmidt (CSU) auf einer Reise in der Hauptstadt Amman. Erste Terroranschläge auch in Jordanien machen klar, dass sich die Lage in dem bislang vergleichsweise sicheren Land verschlechtern könnte. Das will der Westen verhindern. Für die Flüchtlinge von Zaatari ist Deutschland nach den USA bereits der zweitgrößte Finanzier. Während der G-20-Präsidentschaft Deutschlands soll Schmidt für die Bundesregierung dafür sorgen, das Wasserproblem auf die Agenda der wichtigen westlichen Geldgeber zu bringen - auch bei der nächsten Geberkonferenz für die Region in einigen Wochen in Brüssel. Denn auch der Vorsitzende des UN-Beratungsgremiums für Wasser, der jordanische Prinz Hassan, warnt: Der Kampf um Wasser, Energie und Ressourcen könne die Lage im arabischen Rum zuspitzen.

Schmidts Kolonne fährt auch deshalb in Amman zu Universitäten und Ministerien. Sie folgt den Sandpisten des Landes bis zum Flüchtlingslager Zaatari. Hilfsorganisationen schildern der Delegation eine dramatische Zuspitzung der Wasserkrise. Um 40 Prozent ist der Wasserbedarf nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO mancherorts gestiegen. Der Grundwasserspiegel fiel bis zum Beginn der Flüchtlingskrise im Norden Jordaniens in 20 Jahren um 20 Meter. Seit einigen Jahren fällt er um 15 Meter - pro Jahr. "Das geht an die Grenze", sagt Daniel Busche, Programmdirektor der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Amman. Die Migration wäre noch verkraftbar, wären da nicht ganz andere Probleme. Fast die Hälfte des wertvollen Wassers versickert etwa durch undichte Leitungen. Der Kampf dagegen ist schwierig. Starke Clans mischen im Geschäft mit dem kostbaren Gut mit. Mehr Effizienz ist nicht in ihrem Interesse. Sie wollen viel verkaufen.

Genug Wasser gäbe es weltweit eigentlich schon. Allerdings sind 97 Prozent des Wassers salzig, vom Rest sind zwei Drittel in Gletschern und Polkappen eingefroren. Verfügbar ist weniger als ein Prozent, das meiste als Grundwasser. Doch wo mehr aus Brunnen entnommen wird, als nachfließt, ist der Kampf gegen die Dürre verloren. Mittel gegen Knappheit gibt es. Der westliche Nachbar Israel etwa kämpft mit den gleichen Problemen, kann aber viel mehr in Forschung stecken. Hocheffiziente Pflanzen, neue Bewässerungstechniken, Wasseraufbereitung mit Bakterien. Doch erst langsam kommen Kooperationen in Gang. Als wichtigstes Projekt gilt ein grenzübergreifendes Pipelineprojekt vom Roten zum Toten Meer, um es vor dem Austrocknen zu retten. Auch über ein Tauschgeschäft wird derzeit gesprochen. Israel könnte Solarstrom aus Jordanien importieren und Wasser zurückliefern.