Jörg Haiders Unfalltod Legende vom heiligen Trinker

Nach dem Tod Jörg Haiders tut Österreich so, als sei ein Held gestorben. Dabei müssten Politiker der Verklärung des Rechtspopulisten entgegenwirken.

Ein Kommentar von Michael Frank

Der "König der Kärntner Herzen" ist tot, doch sein Mythos lebt. Jörg Haiders Landesverwaltung und seine Partei weben seit Tagen an seiner Heldenlegende, an der Legende des ehrbaren Landeshauptmanns, der "so tragisch" einem Unfall zum Opfer gefallen ist.

Ist das der kurzlebige Affekt des Unfallschocks, oder führt der jähe Tod Haiders dazu, dass er, seine Botschaft und sein politisches Wirken nun auf ewig verklärt werden? Gewiss wünscht man niemandem, auch nicht dem ärgsten politischen Feind, dass er so früh und auf diese Weise aus dem Leben gehen muss. Aber die kritische Auseinandersetzung mit dem Politiker Haider darf nicht deswegen beendet werden, weil er unter dramatischen Umständen ums Leben kam.

Pim Fortuyn, der Rechtspopulist, der im Jahr 2002 in den Niederlanden ermordet wurde, hat zumindest kurzfristig durch seinen plötzlichen, frühen Tod mehr Zuspruch und Nachhall ernten können, als er dies allein durch seine Arbeit zu Lebzeiten hätte je erzielen können. In Österreich, wo der Verherrlichungskult selbst für Feinde nach ihrem Ende gern auf die Spitze getrieben wird, stellt sich jetzt die Frage, ob der frühe Tod Haiders äußerst problematisches politisches Erbe auf Dauer heiligen wird.

An Haiders Tod war nichts tragisch, er ist, im Gegensatz zum Beispiel zu Fortuyn, nicht wegen seiner Überzeugungen gestorben. Haider war betrunken und fuhr viel zu schnell. Österreichs höchste Repräsentanten aber, die geschlossen zum Begräbnis am Samstag kommen werden, reden von einem prägenden Ausnahmepolitiker. Dass Haider auch ein Lügner, ein Hetzer, ein Rattenfänger war, mag keiner sagen. Auch nicht, dass er zwar den kleinen Leuten kleine Wohltaten zukommen ließ, aber auf Kosten noch Kleinerer und Schwächerer, nämlich der Asylsuchenden, der Ausländer, der "fremden" Volksgruppen, der "Sozialschmarotzer".

Stirbt mit dem frühen Tod Haiders nun auch das kollektive Kurzzeitgedächtnis? In diesen Tagen sieht es in Österreich danach aus. Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer kommen zum Begräbnis, da dies dem toten Regierungschef eines Bundeslandes gebühre. Das Österreichische Fernsehen wird die Trauerfeierlichkeiten in voller Länge übertragen. Das tut man sonst beim Tod des Staatsoberhauptes oder des Papstes. Blumen, Kerzen, Gedichte, Gedenkschulstunden, Trauerminuten - hier bietet das Land Kärnten, und mit ihm auch die Republik Österreich, alles auf, was sie einem ihrer untadeligsten Diener schuldig wäre.

Die obersten Repräsentanten des Staates sind es, die sofort den Zauber zerstören müssen, der Haider seines schrecklichen Endes wegen umflort. Sie sollten die Sehnsucht nach dem starken Mann als das darstellen, was sie ist: Als eine bequeme Ausflucht vor den Unbequemlichkeiten einer sperrigen, anstrengenden Demokratie. Der Dompfarrer zu Sankt Stephan in Wien hat bei einem Gedenkgottesdienst erklärt, man müsse auch der guten Seiten eines Toten gedenken. Ein müßiger Appell: In Österreich gedenken sie derzeit nur der guten Seiten Haiders, oder dessen, was sie dafür halten.

Das offizielle Österreich könnte Haiders Tod zum Vorwand nehmen, sich der Auseinandersetzung mit seinen politischen Absichten und Praktiken zu entziehen, sowie der völkischen Ideologie dahinter. Nimmt die politische Klasse dieses Landes sich selbst und ihre Verantwortung für die ohnehin labile demokratische Gesinnung ernst, dann muss sie den Kampf gegen den Mythos Haider schon am kommenden Samstag an seinem offenen Grab aufnehmen. Was wäre das für ein Triumph, wenn Europas Rechte hier einen Helden installieren könnten, um so die tapferen Alltagsdemokraten als graues Mittelmaß zu denunzieren.

Der Tod, und mag er noch so plötzlich und grausam sein, darf die Bilanz eines Lebens nicht verhüllen.

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