Missbrauch: Jesuiten gegen Bischöfe Entschädigung: Sühne muss weh tun

"Sonst verraten wir unseren Auftrag": Der Jesuiten-Orden prescht vor und will Missbrauchsopfer entschädigen - ohne Absprache mit der Kirchenführung. Jetzt stehen die deutschen Bischöfe unter Druck.

Von Matthias Drobinski

Der Jesuitenorden wird als erste Gemeinschaft der katholischen Kirche Opfern sexueller Übergriffe Entschädigungen anbieten, unabhängig von den deutschen Bischöfen. Stefan Kiechle, als Provinzial oberster Vertreter der Jesuiten in Deutschland, sagte der Süddeutschen Zeitung, die Summe werde "im vierstelligen Bereich" liegen.

Man diskutiere, pauschal und einmalig 5000 Euro anzubieten, dies sei aber "noch nicht entschieden". Eine unabhängige Kommission solle klären, wer Anspruch auf das Geld habe. Für die Zahlungen sollen weder Spendenmittel verwendet noch Geld aus Projekten abgezogen werden, sagte Kiechle, "wir werden unseren Lebensstil einschränken müssen".

Die Sühne müsse "weh tun" - "sonst verraten wir unseren Auftrag". Im Januar war bekannt geworden, dass Jesuitenpatres an mehreren vom Orden getragenen Schulen in den achtziger Jahren Schüler sexuell missbraucht hatten. Bislang haben sich 200 Opfer gemeldet.

Das Vorgehen der Jesuiten setzt die deutschen Bischöfe unter Druck, die sich von Montag an zur Herbstvollversammlung in Fulda treffen. Die Bischofskonferenz hat zwar erklärt, dass sie im Prinzip bereit sei, Opfer von sexuellen Übergriffen zu entschädigen, kann sich aber offenbar derzeit nicht auf einen Modus einigen, wie das geschehen soll. Ein Treffen von Vertretern der Bischöfe und der Orden blieb ergebnislos.

Eine Sprecherin der Bischofskonferenz sagte, man wolle einen eigenen Vorschlag in die Beratungen des runden Tisches gegen sexuelle Gewalt am 30. September einbringen. Ob dieser Vorschlag in Fulda beschlossen werde, sei noch unklar. Beobachter gehen davon aus, dass es bis zum 30. September keine Einigkeit geben wird. Der Unmut mancher Bischöfe über das Vorgehen der Jesuiten sei groß. Kiechle betonte dagegen, dass der Orden "nicht an der Bischofskonferenz vorbei oder gar gegen die Bischöfe" handeln würde. "Aber wir sehen, dass wir jetzt ein Zeichen setzen müssen, damit es um der Opfer willen vorangeht", sagte der Provinzial. Dies sei "eine Frage unserer Wahrhaftigkeit und unseres Selbstverständnisses".

Matthias Katsch, Sprecher der Opfer-Organisation "Eckiger Tisch", würdigte, "dass die Jesuiten nun vorangehen", eine Summe von 5000 Euro sei aber "in keiner Weise angemessen". Man sei "solidarisch mit der Vereinigung der Heimkinder am runden Tisch". Die Heimkinder fordern gestaffelte Zahlungen zwischen 20.000 und 120.000 Euro oder eine pauschalierte Zahlung von 54.000 Euro. Die Summe sei nicht übertrieben, sagte Katsch: "Der Durchschnitt der in Deutschland und Österreich in den vergangenen Jahren gerichtlich verhängten Schmerzensgelder für psychische Beschädigungen beträgt 82.000 Euro, wir bleiben deutlich darunter."

Am Samstag wollen sich Vertreter des "Eckigen Tisches" und des Jesuitenordens in Berlin treffen. Dort sollte der Orden "das Kleingedruckte des Vorschlags erläutern", sagte Katsch. "Es werden aber manche Opfer sagen: ,Über so geringe Summen reden wir erst gar nicht.'"