Jesidinnen in der Gewalt des IS Verschleppt, vergewaltigt, entehrt

Auf der Flucht: Jesiden aus dem Sindschar-Gebirge suchen Schutz vor der Terrormiliz "Islamischer Staat".

(Foto: REUTERS)
  • Tausende irakische Jesidinnen sind in der Gewalt des "Islamischen Staates". Sie werden vergewaltigt und gezwungen, zu konvertieren.
  • Eine junge Jesidin, die entkommen konnte, spricht öffenlicht in einem Interview über ihre Erlebnisse.
  • Selbst wenn die Frauen entkommen, ist ihre Qual nicht vorbei. Viele Angehörige betrachten die missbrauchten Jesidinnen als entehrt und wollen sie nicht wieder aufnehmen.
Von Sonja Zekri, Bagdad

Ein paar Stunden, und sie hätte es geschafft. Auch ihr Bruder, ihre Schwägerin, die ganze Familie. Ein paar Stunden, und sie hat ihr Leben verloren. Sie gibt ein Interview in Bagdad, ihr erstes, manchmal lächelt sie. Danach erlischt sie: "Für mich ist immer Mitternacht." Sie ist zu klein für eine 17-jährige, eigentlich winzig. Sie nennt sich Salma. Ihren richtigen Namen sagt sie nicht, weil andere Verwandte - irakische Jesiden wie sie - in der Gewalt des Islamischen Staates sind. So wie Salma es mehr als einen Monat war. Dann entkam sie.

Es war um neun Uhr an einem Sonntag im August, als ihre Familie auf der Straße zusammenlief, um zu fliehen. Die Dschihadisten standen vor den Toren von Tell Asiar am Fuße des Sindschar-Massivs. Aber sie warteten zu lang, die Bewaffneten donnerten heran, ermordeten Salmas Bruder, ihre Cousins, verschleppten Salma, ihre Schwägerin und sieben andere Frauen ihrer Familie. "Sie sammelten Frauen aus vielen Orten ein, brachten uns von einem Dorf zum anderen und schließlich nach Mossul", sagt Salma.

Frauen wurden gezwungen, zu konvertieren

Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, hatten die Dschihadisten im Juni überrannt. Nun pferchten sie die Frauen in einem Haus zusammen, Stockwerke voller Entführungsopfer. "Nach zehn Tagen zwangen sie uns zu konvertieren", sagt Salma: "Sie gaben uns kaum noch zu essen und zu trinken." Nach 20 Tagen kam einer ihrer Anführer, griff sich eine der Frauen und lud seine Getreuen ein, dasselbe zu tun. "Sie verteilten Frauen auf andere Orte im Irak, auch nach Syrien" und, so glaubt Salma gehört zu haben, sogar nach Saudi-Arabien.

Flüchtlinge der jesidischen Minderheit machen im französischen Angers auf das Schicksal ihrer Angehörigen im Irak aufmerksam.

(Foto: Jean-Francois Monier/AFP)

Salma und ihre Freundin landeten in Falludscha, im sunnitischen Herzland des Irak. Hier hatten sich die Dschihadisten lange vorher eingerichtet. Viele Sunniten betrachteten sie als Schutz vor den Repressionen der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad. In Falludscha gerieten die beiden Teenager in die Hände zweier irakischer Dschihadisten, Abu Hassan und Abu Dschaafari. Salma spricht nur Kurdisch, kein Arabisch, ihre Stimme ist leise, aber fest, selbst an dieser Stelle: "Wir wurden getrennt. Sie vergewaltigten uns. Fünf Tage lang." Als sie ihre Freundin wieder sah, war diese schwer krank. Salma aber fand ein Mobiltelefon und rief Verwandte in Bagdad an: "Holt mich raus."

Eine der schlimmsten Erfahrungen für Iraks Minderheiten waren oft die eigenen Nachbarn. Jesidische oder christliche Flüchtlinge berichteten, dass sunnitische Freunde, Kollegen, Bekannte über sie hergefallen waren - gemeinsam mit dem Islamischen Staat. Nun aber gibt es auch andere Geschichten: Gerade sunnitische Nachbarn helfen, die Jesiden zu befreien. Salmas Verwandte in Bagdad wandten sich an sunnitische Freunde in Falludscha. Diese warteten auf einen Moment, in dem die Männer das Haus verließen, brachen die Tür auf und befreiten die Mädchen.

Arabische Sunniten helfen Jesiden bei der Flucht

400 Jesiden - Männer, Frauen und Kinder - konnten inzwischen entkommen, die Hälfte durch arabische Helfer, sagt der jesidische Journalist Chider Domle. Er bemüht sich mit einer Handvoll Freiwilliger um die Freilassung der Entführten, oft mit Hilfe sunnitischer Bekannter. Manchmal fließt Geld, aber nicht immer.

Kodscho beispielsweise, ein Dorf in der Nähe des Sindschar-Berges, verwandelten die IS-Kämpfer in ein einziges Gefängnis, aber arabische Sunniten halfen vielen Jesiden zu entkommen. Komplizierter liegt der Fall in Mossul: "Dort sind die Frauen in der Stadt, sie kennen sich nicht aus. Manchmal gelingt es ihnen, in ein anderes Haus zu flüchten. Ob sie auf Araber treffen, die ihnen helfen oder sie zurückbringen, wissen sie nicht. Die Chancen liegen 50 zu 50."

Eine Jesidin hat bei der kurdischen Stadt Dohuk mit ihrem Kind Unterschlupf gefunden, nachdem ihr Heimatort von der Terrormiliz attackiert worden war.

(Foto: Ahmad al-Rubaye/AFP)

4000 Männer, Frauen und Kinder sind nach seiner Einschätzung noch in der Gewalt des Islamischen Staates, darunter 400 Kinder. Woher er das alles weiß? Nun, er spricht täglich mit den entführten Frauen, manchmal stundenlang, oft nachts. "Wir reden darüber, ob sie zu essen haben oder ihre Schwester gesehen haben." Nie, niemals fragt er nach Vergewaltigungen. Aber manchmal bricht es aus ihnen heraus. Vor zehn Tagen erhielt er eine SMS aus Tel Afar: "Sie wollen mich einem Kämpfer zum Geschenk geben. Ich ertrage es nicht", schrieb eine Frau verzweifelt: "Er ist ein Barbar, ich kann ihm nicht mal ins Gesicht sehen." Am furchtbarsten benehmen sich die arabischen Kämpfer - aus Saudi-Arabien, Tunesien, Jemen. Eine Frau beschrieb Domle nach ihrer Flucht: "Sie sind Wilde, sie wollen nur Sex."