Von Von Peter Münch, Jerusalem

In einem Haus im Osten Jerusalems leben 45 jüdische Siedler unter Hunderttausenden Arabern - eine Provokation, die nun beendet werden soll.

Der Weg hinauf ist steil und schmutzig. Müll türmt sich in den engen Gassen; aus dunklen Verschlägen gackern Hühner, blöken Schafe, meckern Ziegen. Die Häuser von Silwan sind oft nur zur Hälfte fertig gebaut und doch schon halb verfallen. Das Dorf ist zwar ein Teil von Jerusalem, nur einen Steinwurf weg von der Altstadt, doch vom Glanz der Heiligkeit ist es weit entfernt. Das Leben ist hier einfach, arm und traditionell, die Araber sind unter sich. Fast unter sich. Denn recht weit oben auf dem Hügel, am Ende des Gewirrs der Gassen, steht das "Beit Yohanatan", das Haus des Jonathan: Sieben Stockwerke hoch, erbaut aus dem hellen Jerusalem-Stein; vom Dach bis nach unten ist an der Fassade die blau-weiße israelische Flagge mit dem Davidstern ausgerollt.

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Sieben jüdische Familien leben in diesem Haus in Silwan, einem arabischen Stadtteil Jerusalems. An der Fassade prangt die Flagge mit dem Davidstern. (© Foto: AP)

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Seit 2004 leben hier sieben Familien, 45 Juden, die unbedingt Flagge zeigen wollen, unter schätzungsweise 40.000 Arabern. Benannt haben sie das Haus nach Jonathan Pollard, jenem Spion, der seit 25 Jahren in einem US-Gefängnis sitzt, verurteilt zu lebenslanger Haft wegen seiner Spitzeldienste für Israel.

Unterstützt wird das Haus von der national-religiösen Organisation Ateret Cohanim, die mit Spenden-Millionen aus der ganzen Welt die Ansiedlung von Juden im arabischen Ostteil von Jerusalem fördert. "Vor 31 Jahren ist die erste jüdische Familie ins muslimische Viertel der Altstadt gezogen, heute leben dort 900 Juden", sagt Daniel Luria, der Sprecher der Gruppe. Er, der vor 15 Jahren aus Australien zugewandert ist, hält das für einen Triumph, aber zugleich auch nur für den Anfang. Schließlich geht es ihm um ganz Jerusalem und am Ende auch ums ganze Gelobte Land. Silwan soll nun die nächste Etappe sein - und das Beit Yohanatan mit seinen sieben Stockwerken soll als eine Art Leuchtturm dienen.

"Das ist diskriminierend"

Dieser Leuchtturm allerdings musste in diesen Tagen aufgeregte SOS-Signale senden, denn die Bewohner sind vom Rauswurf bedroht. Und diesmal sind es nicht die arabischen Nachbarn, die ihnen das Leben schwermachen, sondern die Gerichte des jüdischen Staates. Das Haus ist nämlich ohne Baugenehmigung errichtet worden, so wie viele arabische Häuser in Silwan, weil es dort schon seit langem praktisch keine Genehmigungen mehr gibt. Aber nun soll, so hat es der Richter verfügt, das Gebäude geräumt und erst einmal versiegelt werden. "Das ist diskriminierend", schimpft Luria, "eine selektive Behandlung, nur weil Juden in diesem Haus wohnen."

Seit Wochenbeginn haben sie sich darauf vorbereitet, dass Polizisten mit dem Räumungsbescheid anrücken. Doch obwohl die Polizisten sich angekündigt hatten, sind sie bislang noch nicht erschienen. Denn hinter den Kulissen hat ein neuer Kampf begonnen für die Rettung des Beit Yohanatan: In Jerusalem gibt es genügend Politiker, die die Siedlerklientel vor solchem Räumungs-Unbill mit allen Mitteln zu schützen versuchen. Dazu zählt zum Beispiel auch der Bürgermeister Nir Barkat. "Nur unter Protest" hatte er sich bereit erklärt, die vom Gericht geforderte Räumung zu vollstrecken. Doch zugleich kündigte er an, in diesem Fall gleich noch 200 Häuser von Palästinensern abreißen zu lassen, die ebenfalls illegal gebaut worden seien. Auch Innenminister Eli Jischai von der ultra-orthodoxen Schas-Partei schaltete sich ein, um Wege zu finden, das jüdische Haus im arabischen Viertel nachträglich noch zu legalisieren.

Rund um das Beit Yohanatan herrscht deshalb eine angespannte Stille. Das Haus wirkt wie eine Festung, mit Zäunen ringsherum, mit vergitterten Fenstern bis ins oberste Stockwerk hinauf, mit Scheinwerfern und Kameras. Hinter der Eingangstür sitzen zwei bewaffnete Wachen mit Splitterschutzweste, und die Einwohner gehen keinen Schritt zu Fuß in ihrem Viertel, sondern werden mit einem schwarzglänzenden Jeep abgeholt und heimkutschiert. Das Auto ist ringsherum mit einem festen Eisengitter gepanzert. "Der Wagen ist erst gestern geliefert worden", sagt einer der Wachmänner, "du hättest mal den alten sehen sollen, da waren alle Scheiben kaputt von den Steinwürfen." Steine, Schläge, Molotowcocktails - immer wieder kommt es rund um das Haus zu Gewalt, und

Daniel Luria weiß die Geschichte zu erzählen von der Waschmaschine, die neulich von einem Dach flog und in die Windschutzscheibe des Autos krachte. "Sehr feindlich ist das hier", sagt er, "das muss man sich mal vorstellen, mitten in Jerusalem."

Doch genau darum geht es für Luria. "Wir sind umringt von Feinden", sagt er. In diesem Haus gilt das genauso wie im ganzen Land. Für ihn ist das hier das kleine Bild, das zum großen Bild passt: "Einen Juden in Silwan zu haben ist dasselbe wie einen jüdischen Staat im Nahen Osten", sagt er. An gute Nachbarschaft glaubt er so wenig wie an einen umfassenden Frieden. "Egal, was wir machen, es wird den Arabern nie reichen." Für ihn folgt daraus, dass es keine Konzessionen geben kann - kein Land gegen Frieden und kein Haus gegen Ruhe. "Wenn ich Araber wäre, würde ich nach Jordanien gehen", sagt er. "Es gibt ringsherum keinen Mangel an arabischen Ländern, aber das hier ist unser Heimatland."

"Ich weiß nicht, was ein radikaler Jude tief in Silwan sucht", sagt dagegen Jawad Siyam. Er ist der Vorsitzende eines arabischen Nachbarschaftszentrums in Silwan, und an seiner Wand hängt eine Karte mit farbigen Markierungen. Zu sehen sind geplante Grünflächen und geplante Parkplätze, rot umrandet sind Häuser von arabischen Besitzern, die von der Räumung bedroht sind. In einem Teil von Silwan nämlich wollen jüdische Archäologen die "Stadt Davids" geortet haben, jenes sagenumwobenen großen Königs, dessen Herrschaftssitz vor 3000 Jahren unterhalb der heutigen Altstadtmauern gelegen haben soll. Wissenschaftlich ist das zwar umstritten, aber das Gebiet um die Ausgrabungen wird nun zur Touristenattraktion und zur Stätte historischer Selbstvergewisserung veredelt.

Für radikale jüdische Organisationen sind mit der König-David-Saga die Eigentumsansprüche an Silwan belegt. Wer vor drei Jahrtausenden hier war, hat in ihren Augen eindeutig ältere Rechte als die derzeitigen arabischen Bewohner. Daniel Luria hat schon konkrete Pläne, wie immer mehr jüdische Bewohner in Silwan angesiedelt werden können: "Es gibt noch Land, auf dem wir bauen können, und es gibt Araber, die verkaufen wollen", sagt er. Jawad Siyam aber fürchtet Abrissbescheide und Schikanen. "Es mag sein, dass König David hier war", sagt er, "aber das heißt nicht, dass sie das Recht haben, uns von hier zu vertreiben." An die Räumung des Beit Yohanatan glaubt er nicht mehr: "Der Bürgermeister wird alles mögliche machen, damit das nicht passiert."

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(SZ vom 13.02.2010/segi)